Berlin  Wolfgang Schäuble – worauf er wütend ist, wofür er noch kämpft

Tobias Schmidt
|
Von Tobias Schmidt
| 16.09.2022 15:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Wolfgang Schäuble wird 80. In der Bundespolitik mischt er noch immer mit. Wie hier beim CDU-Parteitag in Hannover. Foto: imago images/Peter Hartenfelser
Wolfgang Schäuble wird 80. In der Bundespolitik mischt er noch immer mit. Wie hier beim CDU-Parteitag in Hannover. Foto: imago images/Peter Hartenfelser
Artikel teilen:

Kanzler und Bundespräsident ist er nicht geworden, sonst hat er politisch alles erreicht. Am Sonntag wird Wolfgang Schäuble 80 Jahre alt. Zu Wort meldet er sich noch immer, aber im Flüsterton.

„Wolfgang Schäuble ist nach wie vor eine absolute Autorität. Wenn er in der Fraktion das Wort ergreift, können sie eine Stecknadel fallen hören“, sagt Mathias Middelberg (CDU), Vizechef der Unionsfraktion im Bundestag.

Mit einem Festakt mit 350 Gästen in seinem Wahlkreis in Offenburg in Baden-Württemberg wird am Sonntag gefeiert. Angela Merkel, die ihn im Jahr 2000 nach seinem Rücktritt wegen der Spendenaffäre als CDU-Chefin beerbte und später 16 Jahre lang Kanzlerin war, und die Schäuble bis heute siezt, wird allerdings nicht erwartet.

Um den Mann, der seit 50 Jahren im Bundestag sitzt, als Innenminister die Wiedervereinigung aushandelte, als Finanzminister die Griechen aus dem Euro werfen wollte, ist es ruhig geworden. In Presseinterviews hält er meistens die Augen geschlossen, wirkt tief in sich gekehrt, man wagt ihn nicht zu unterbrechen. Gedanklich ist Schäuble noch immer beeindruckend luzide.

Mit unglaublicher Willenskraft steckte Schäuble seine Querschnittslähmung nach dem Attentat am 12. Oktober 1990 weg, doch inzwischen macht ihm die Gesundheit zu schaffen. Er werde Politik machen, „so lange die Kräfte reichen“, sagte er uns vor der letzten Bundestagswahl. Diese Legislaturperiode will er noch durchhalten, danach ist Schluss, „das ist klar“.

Eine zweite Runde als Bundestagspräsident blieb ihm verwehrt, weil die CDU die Wahl verlor. CSU-Chef Markus Söder nimmt Schäuble bis heute krumm, dass der damals an entscheidender Stelle dafür sorgte, dass Armin Laschet Spitzenkandidat der Union wurde und die Wahl vergeigte. Es war wohl seine letzte Einmischung in die Geschicke der Partei.

Ein Wesensmerkmal, das Schäuble durch seine unglaubliche Karriere trägt: Niederlagen werden weggesteckt. Hadern mit sich selbst oder anderen, das können andere machen.

Mit Helmut Kohl, der ihn erst förderte und ihm dann im Wege stand, hat er sich allerdings nie versöhnt. „Kohl hätte nicht eingesehen, dass er mir Unrecht getan hat“, sagte Schäuble kürzlich der „Lahrer Zeitung“. Aber Frust schieben darüber, dass er sein Politiker-Leben als einfacher Abgeordneter beenden wird? „Nein, wieso auch? Ich habe als Bundestagsabgeordneter angefangen und bin es nun wieder. Man könnte sagen, dass sich ein Kreis schließt.“

Mit sich im Reinen, das ist Wolfgang Schäuble bis auf eine Ausnahme. Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine hat auch ihn bis ins Mark erschüttert. „Ich bin auch wütend auf mich“, sagte der dazu der „Lahrer Zeitung“. Denn zu was Wladimir Putin fähig sei, „das haben wir alle gesehen und alle gewusst“.

In seiner Fraktion hat Schäuble auch als Hinterbänkler noch eine ganz besondere Rolle. Wenn er sich äußert, dann zu den großen Fragen. Etwa, dass es extrem wichtig sei, die Inflation zu bekämpfen, weil die so verheerende soziale Härten schaffe. Oder wenn er dafür wirbt, die Ukraine zu unterstützen, weil „unser materielles Wohlergehen nicht das allein Entscheidende ist“.

Demokratie, Freiheit, Rechtsstaat, gesellschaftlicher Zusammenhalt, das ist für ihn das Entscheidende, und dafür kämpft er noch immer jeden Tag.

Wenn Schäuble spricht, dann hören sie alle dem alten weisen Mann zu. Einer aus der Fraktionsführung formuliert es so: „Der Typ hat noch immer einen sensationellen Durchblick.“

Ähnliche Artikel