Hamburg Peter Heinrich Brix: „Schauspiel ist Leidenschaft und spielen kommt von Freude“
Der TV-Kommissar über seinen Weg vom Bauer zum Film, seine „Nord Nord Mord“-Krimis und die Arbeit mit Jan Fedder.
Etwas Wasser muss offenbar sein. Wenn schon nicht die Nordsee vor Sylt, dann zumindest doch die Elbe. Der beliebte Fernsehkommissar trifft Manfred Ertel im Hotel „Madison“ zum Gespräch: offen und direkt, launig und manchmal auch selbstironisch. Als würde TV-Ermittler Carl Sievers im Film persönlich einen Journalisten treffen.
Frage: Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal auf einem Trecker gesessen?
Antwort: Wenn dazu auch ein Radlader zählt, dann ist das erst wenige Tage her. Ich bin gerne auf dem Land, und da gab es eine alte Esche, die gefällt werden musste, weil Eschen leider alle Pilzbefall haben. Der Baum war abgebrochen und musste geborgen werden.
Frage: Können Sie richtig loslassen von der Landwirtschaft Ihrer Familie, oder machen Sie sich manchmal doch Sorgen um Dürre, steigende Energiekosten und sinkende Ernteerträge?
Antwort: Unabhängig davon sollten wir uns alle mit diesen Themen beschäftigen und uns Sorgen machen, egal wo wir herkommen. Der Klimawandel betrifft uns alle, und es ist gut und wichtig, sich damit auseinanderzusetzen. Und sich ein bisschen auf das vorzubereiten, was da kommt. Und von dem wir nicht wissen, was es ist. Zumindest nicht in welchem Ausmaß. Ich bin da vielleicht anders informiert und näher dran, aber letztlich unterscheidet sich das nicht grundlegend. Und in den aktiven Prozess der Landwirtschaft bin ich nicht eingebunden. Dazu weiß ich mittlerweile auch viel zu wenig, weil die Innovation in der Landwirtschaft wahnsinnig schnell ist.
Frage: Wann haben Sie das erste Mal bewusst registriert, dass Ihre Leidenschaft nicht der Scholle, sondern dem Schauspiel gehört?
Antwort: Das war am Anfang nicht so klar deklariert, aber es begann, als ich einen Einakter auf einem Feuerwehrfest meines Heimatdorfes spielte und die Freude am Spiel verspürte. Und auch das Gefühl, dass ich es vielleicht kann. Das sind zwei Komponenten, die einen dann weitermachen lassen.
Frage: Wie kam es denn dazu?
Antwort: Das war ein Schwank und das erste Mal, ich glaube auch einzige Mal, dass damals versucht wurde, mit Hausfrauen, Bauern und Handwerkern aus der Gegend einen Einakter zu spielen. Ohne jeden Anspruch, außer dem, dass die Leute sich gut amüsieren sollten. Ich war damals schon 28 Jahre alt, das Stück hieß „Der Schlaue Peter“ und ich spielte die Titelrolle (lacht).
Frage: Was war denn an Ackerbau, Fußball und Feuerwehrfesten so schlecht, dass Sie sich für die Bühne entschieden?
Antwort: Nichts. Aber Schauspiel ist eine Leidenschaft. Und spielen kommt von Freude. Es gab bei mir anfangs nicht den Gedanken, das professionell zu machen. Aber ich hatte schon die Idee, irgendwie dabei zu bleiben. Dann gab es die Niederdeutsche Bühne in Flensburg. Das war für mich ein fast nicht zu erreichendes Ziel. Ich habe dort „Kleinbürgerhochzeit“ von Brecht in einer sehr schönen Inszenierung im Studio-Theater gesehen, mich da vorgestellt und bin mit der sicheren Gewissheit nach Hause gefahren, dass sei eine Nummer zu groß für mich. Dann habe ich aber doch sechs Jahre an der Bühne gespielt und musste mich entscheiden.
Frage: Waren Ihre Eltern enttäuscht?
Antwort: Es gab ja einen Weg bis dahin. Als ich in Flensburg begann, haben die Verantwortlichen dort meine Entwicklung gesehen, meine Leidenschaft und dass das funktioniert. Ich habe auf der Studio-Bühne alles rauf und runter gespielt, ob von Brecht, Pinter oder Kleist. Und wir hatten das Große Haus, wo wir die üblichen niederdeutschen Stücke gespielt haben. Ich war wirklich jeden Abend im Theater und habe geprobt oder gespielt. Irgendwann merkte ich, dass die Ressourcen begrenzt sind, auch wenn man erst Anfang 30 ist. Und ich wurde bei dem Gedanken, die Schauspielerei aufzugeben, sehr traurig. Ich wollte nicht mit 65 in der Kneipe sitzen und sagen, ich hätte Schauspieler werden können. Meine Eltern haben das alles mitverfolgt und verstanden, dass eine Entscheidung her musste.
Frage: Sie haben nie eine Schauspielschule besucht, war das Talent oder hatten Sie einfach Glück, dass die Bühne Leute brauchte?
Antwort: Ich hatte das Glück, dass die Flensburger Bühne schon damals auf einem sehr hohen Niveau spielte, selbst in der Nachbetrachtung. Intendant war damals unter anderem Curt Timm, der in Hamburg studiert hat und als Schauspieler unter anderem am Thalia Theater, erst recht aber als Regisseur und Dramaturg Theaterkennern vielleicht noch bekannt ist. Bei ihm habe ich sehr viel gelernt, er war der beste Theaterregisseur, den ich hatte. Später habe ich dann auch in Hamburg am Ernst Deutsch Theater und bei Gerda Gmelin im „Theater im Zimmer“ gespielt, für mich eine wichtige Station. Und dann war ich drei Jahre bei der wunderbaren Professorin und Lehrerin Anne Marks-Rocke, die an der Hamburger Hochschule für Kunst lehrte. Sie hat ein bisschen Schadensbegrenzung an meiner Sprache vorgenommen. Dann ging es auf die Reise.
Frage: Im Spätherbst gibt’s den ersten von sechs neuen Filmen „Nord Nord Mord“, sind Sie nervös?
Antwort: Nervös ist zu viel, vielleicht angespannt, aber ich kann ja gar nichts mehr verändern. Ich weiß, wie viele Faktoren zu Einschaltquoten führen und die letztlich immer noch das Regulativ sind, nach dem wir abgerechnet werden. Ich bin natürlich stark daran interessiert, dass der Film und auch die anderen von vielen Menschen gesehen werden. Auch weil ich glaube, dass man damit gut den Abend verbringen kann.
Frage: Den letzten Film sahen über zehn Millionen Zuschauer, was selbst „Tatort“- Macher neidisch macht. Spüren Sie so etwas wie Erfolgsdruck?
Antwort: Schon, aber den gibt es immer. Klar, die Erwartungen sind vor so einem Hintergrund natürlich immer sehr hoch. Aber wer realistisch ist, weiß dass man so eine Zahl nicht halten kann. Wenn ich mich richtig erinnere, hatten wir, so lange ich dabei bin, nicht unter acht oder um die acht Millionen Zuschauer, jedenfalls kontinuierlich auf sehr hohem Niveau. Aber nicht nur, weil ich dabei bin, sondern viele großartige Kolleginnen und Kollegen. Und das Format war auch schon mit Robert Atzorn in der Hauptrolle erfolgreich.
Frage: Wie viel Peter Heinrich Brix steckt in der Hauptrolle des Ermittlers Carl Sievers?
Antwort: Schon ein gewisser Anteil, das ist eigentlich in jeder Rolle so. Ich glaube, für das Medium Fernsehen ist es gut, wenn man immer ein Stück von sich, von der eigenen Persönlichkeit mitbringt. Das macht auch ein Stück Authentizität der Filme aus, heißt jedoch nicht, dass man vor der Kamera eins zu eins Derselbe ist.
Frage: Sie gelten als der typische Norddeutsche. Sind Sie auf bestimmte Typen abonniert?
Antwort: Zu Beginn war ich erst mal froh, dass ich mit meiner Nase nicht die ersten zehn Jahre als Gangster durchs Bild laufen musste. Wobei das immer noch besser gewesen wäre, als gar nicht durchs Bild zu laufen. Dann habe ich viele komische Geschichten gespielt, oft die Rolle des „Lucky Losers“. Auch vor diesem Hintergrund ist der Kommissar Sievers in „Nord Nord Mord“ ein großes Geschenk, weil der zwar auch so seine Probleme hat, aber die Figur ist durchaus anders angesiedelt als Rollen, die ich sonst gespielt habe.
Frage: Ihre großen Erfolge sind Serien. Oder wurden alle Serien und Filmreihen mit Ihnen ein Erfolg, was stimmt?
Antwort: Na, letzteres bestimmt nicht. So vermessen sollte niemand sein und bin ich auch nicht. Aber gestört hat es nicht, dass ich dabei war .Vieles war auch gar so nicht geplant. Bei „Pfarrer Braun“ war ich anfangs zum Beispiel nicht für die ganze Staffel vorgesehen, das hat sich dann so ergeben. Beim „Großstadtrevier“ hatte ich erst mal nur eine Episodenrolle und kam über diese Schiene da rein. Die fast einzig programmierte Geschichte ist der Kommissar Sievers.
Frage: Vermissen Sie eigentlich oft Ihren kongenialen Partner und Kollegen Jan Fedder, mit dem Sie „Großstadtrevier“ und „Büttenwarder“ zu Kultserien gemacht haben?
Antwort: Natürlich, er war ja ein Stück vom Leben. Auch von meinem Leben. Sicher war er auch ein Hauer, aber bei Dreharbeiten war er nicht besonders schwierig, sondern sehr professionell...
Frage: Ein Hauer?
Antwort: Naja, er konnte ein rauer Geselle sein, aber das war Teil seiner Identität, ein toller Typ. Wir hatten ohne Frage auch unsere Baustellen, aber wir haben viel, viel zusammengearbeitet und wie ich finde, nicht ganz erfolglos und nicht ohne Freude (schmunzelt). Wir hatten schon eine besondere Bindung zueinander.
Frage: Werden Sie auf der Straße häufiger als Polizist Lothar Krüger aus „Großstadtrevier“, als Adsche Tönnsen aus „Büttenwarder“ oder als Carl Sievers angequatscht?
Antwort: Der Krüger geht langsam in der Peripherie unter, Adsche ist schon immer noch dabei. Aber jetzt taucht zunehmend der Sievers auf. Und dann gibt es auch noch einige, die mich bei meinem richtigen Namen nennen. Aber die allermeisten sind doch sehr distanziert und schauen nur nett, das war’s dann.
Frage: Wann und warum haben Sie entschieden, auch noch Stadtmensch zu werden, und zwar in Hamburg und nicht etwa in Flensburg?
Antwort: Als ich mich entschieden habe, Schauspieler zu werden. Ich habe gewusst, dass das aus Flensburg heraus nicht funktioniert, ich musste schon dahin, wo die Musik spielt. Und es war eine wunderbare Sache, mit 34 noch mal von vorne anzufangen, das eigene Leben neu zu beginnen. Da erlebt man Dinge, die andere sonst mit 16 oder 18 Jahren erleben. Ich war allerdings auch nur für mich selbst verantwortlich, ich hatte keine Familie, keine Kinder. Sonst hätte die Entscheidung sicher anders aussehen müssen.
Frage: Hat es geholfen, in der Großstadt und ihrer Menge an kulturellen Aktivitäten auch untertauchen zu können?
Antwort: Ach, anfangs kannte mich in Hamburg ja noch niemand aus dem Fernsehen und ich bin da als anonymer Vogel rumgelaufen. Ich habe das als großes Geschenk empfunden, noch mal woanders die Zelte aufzuschlagen, die zunächst mal sehr klein waren. Aber es war auch heftig, und ich habe manches Mal mit dem Arsch an der Wand gestanden und gedacht, wie soll das bloß gehen. Rückfahrkarten hatte ich nicht. Aber ich habe nie gedacht: Hättest du das bloß nicht gemacht. Nicht mal in den schlimmsten Existenzängsten.