Sydney Warum ein Gletscher in der Antarktis zur Gefahr für Norddeutschland werden könnte
Die Erderwärmung macht auch vor der Antarktis nicht Halt. Forscher beobachten seit Jahren besonders den Thwaites-Gletscher. Sollte er schmelzen, wird sich der Meeresspiegel dramatisch erhöhen – davon wäre auch Norddeutschland betroffen.
Der Thwaites-Gletscher hat sich seinen Spitznamen „Weltuntergangs-Gletscher“ nicht ohne Grund erworben. Rutscht der Gletscher in der Westantarktis ins Meer, hat dies Folgen für die gesamte Welt. Etliche Küstenstädte könnten überfluten, ganze Länder unbewohnbar werden. Forscher beobachten die Entwicklungen am sogenannten „Doomsday Glacier“ deswegen seit Jahren mit Sorge.
Eine aktuelle Studie, veröffentlicht im Fachmagazin „Nature Geoscience“, zeigt nun, wie schnell die Schmelze in den vergangenen Jahren vorangeschritten ist. „Der Thwaites hält sich inzwischen wirklich nur noch mit seinen Fingernägeln fest“, sagte Robert Larter, ein Meeresgeophysiker der British Antarctic Survey und Mitautor der Studie.
Sobald der Gletscher einen bestimmten Punkt überschreite und sich über einen flachen Grat in seinem Bett zurückziehe, habe er das Potenzial, noch schneller als bisher schon zu schrumpfen. „Wir sollten in Zukunft mit großen Veränderungen in kleinen Zeiträumen rechnen – sogar von einem Jahr zum nächsten“, warnte der Forscher.
Das internationale Team, das an der im September veröffentlichten Studie arbeitete, reiste Anfang 2019 mit dem Eisbrecher Nathaniel B. Palmer in die Antarktis. Eine 20-stündige Mission, die von einem autonomen Unterwasserfahrzeug ausgeführt wurde, produzierte dabei geophysikalische Daten für einen etwa 13 Quadratkilometer großen Bereich. Die Wissenschaftler kartierten dabei einen kritischen Bereich vor dem Gletscher. Dieser gibt Einblick, wie schnell sich der Thwaites in der Vergangenheit zurückgezogen hat.
Dabei stellten die Wissenschaftler fest, dass der Thwaites-Gletscher anfällig für einen schnellen Rückzug ist. So hatte sich der vordere Teil des Gletschers in den vergangenen zwei Jahrhunderten irgendwann vom Meeresboden abgelöst. Danach schrumpfte er dann um 2,1 Kilometer pro Jahr. Letzteres ist etwa doppelt so viel wie die Rate, die aktuelle Satellitendaten aus den Jahren 2011 bis 2019 dokumentierten.
Alastair Graham, ein Forscher der University of Florida, der die Studie leitete, sagte, dass dies die zuvor gehegte Hoffnung zunichte mache, dass die antarktischen Eisschilde träge und langsam auf Klimaveränderungen reagieren würden. „Nur ein kleiner Kick könnte beim Thwaites zu einer großen Reaktion führen“, sagte der Wissenschaftler.
Der Thwaites-Gletscher gilt als der verwundbarste Punkt der Antarktis. Bereits 2020 berichtete Keith Nicholls, ein Experte der British Antarctic Survey, der ebenfalls ein Auge auf den Gletscher hält, wie das Eis dort immer brüchiger wird. „Momentan verliert der Gletscher jedes Jahr ungefähr 50 Milliarden Tonnen mehr, als er durch Schneefall wieder gewinnt“, berichtete der Forscher. Das verlorene Eis schmilzt im Meer und lässt den Meeresspiegel global ansteigen. Schon heute trägt der Gletscher rund vier Prozent pro Jahr zum Meeresspiegelanstieg bei.
Der Klimawandel spielt dabei eine Rolle, doch welche genau, lässt sich schwer sagen. „Wir wissen, dass sich das Klima ändert, und wir wissen, dass der Gletscher Eis an den Ozean verliert“, sagte der britische Forscher. „Aber die Verbindung zwischen beiden ist ziemlich kompliziert.“ Sicher habe der wärmere Ozean aber dazu beigetragen, dass das Schelfeis in den letzten Jahrzehnten schneller geschmolzen sei.
Auch andere Gletscher sind bereits ins Meer abgestürzt. Ein Kollaps des Thwaites-Gletscher wäre allerdings besonders gefährlich, da er das Potenzial hat, die Erde, so wie wir sie kennen, massiv zu verändern. Denn der Verlust des Gletschers, der mit 192.000 Quadratkilometern fast so groß wie Großbritannien ist, würde den Meeresspiegel global um etwa 65 Zentimeter ansteigen lassen, erklärte Nicholls. „Und das Risiko, dass dann noch weitaus mehr folgt, ist durchaus real.” Denn ein Kollaps des Kolosses könnte den gesamten westantarktischen Eisschild destabilisieren.
Schmilzt dieser in der Folge ebenfalls, so steigt der Meeresspiegel gar um zwei bis drei Meter an. Städte wie San Francisco, New York, Miami, London, Jakarta oder Hamburg würden überfluten. Für einige Pazifikstaaten wie Kiribati oder tiefliegende Länder wie die Niederlande oder Bangladesch wären die Folgen ebenfalls katastrophal.