Kolumne Intern  Ist die Stechuhr wirklich besser als das Vertrauen?

Joachim Braun
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Eine Kolumne von Joachim Braun
| 16.09.2022 12:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Joachim Braun
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Diese Woche fällte das Bundesarbeitsgericht ein Urteil, das für sehr viele Arbeitnehmer Konsequenzen haben wird: Arbeitszeit muss dokumentiert werden. Für unsere Redaktion ist das ein Rückschritt.

In unserer Redaktion herrscht in fast allen Ressorts Vertrauensarbeitszeit. Das heißt, dass sich die Journalisten ihre Arbeitszeit selber einteilen können. Reporter etwa fangen oft später an, arbeiten dafür aber am Abend länger. Überstunden sind normal, sie werden aufgeschrieben und - sobald es möglich ist - abgefeiert. Das funktioniert mal besser, mal schlechter, aber es funktioniert. Und seit Corona, seit viele Kolleginnen und Kollegen einen Teil ihrer Arbeit von Zuhause oder von unterwegs aus erledigen, ist dieses Vertrauen noch wichtiger geworden.

Dem setzt das diese Woche ergangene Urteil des Bundesarbeitsgerichts womöglich ein Ende. Nicht nur Überstunden, so heißt es dort, sondern auch die eigentliche Arbeitszeit muss präzise erfasst werden. Wie wir das umsetzen sollen, weiß ich nicht. Ich weiß ja nicht mal genau, wie Redaktionsarbeit definiert ist.

Gehört das Lesen eines Buches dazu, das anschließend besprochen wird? Ist es Arbeit, wenn ich als Stadtrats-Berichterstatter nach einer langen Sitzung noch mit den Kommunalpolitikern auf ein Bier in die Kneipe gehe (was heute zugegebenermaßen selten geworden ist)? Und wie steht’s mit dem Plausch in der Kaffeeküche: Reden über den letzten Urlaub ist Freizeit, Reden über die spannende Recherche Arbeit?

Aus gutem Grund haben nur ganz wenige Redaktionen in Deutschland eine Arbeitszeit-Erfassung. Und die, die sie haben, sind nach meinem Wissen nicht froh damit. Denn nicht die eingesetzte Zeit ist das wichtigste Kriterium für gute Geschichten, sondern deren Thema und die Recherche. Oder wie einst Helmut Kohl gesagt hat: „Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“

Darum ist, wie mein Freund und Kollege Holger Schellkopf schrieb, die Zeiterfassung „ein Bürokratie-Monster aus der Steinzeit der Arbeitswelt. Sie wird kaum Probleme lösen, aber viele neue Schwierigkeiten schaffen.“ Vor allem aber baut sie völlig unnötige Hürden auf zwischen Mitarbeitern und Chefs.

Kontakt: j.braun@zgo.de

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