Politiker drucken wieder  Wahlplakate bleiben trotz knapper Rohstoffe begehrt

Michael Hillebrand
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Von Michael Hillebrand
| 15.09.2022 14:54 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Wahlplakate finden sich derzeit überall. Dieses Foto beispielsweise entstand im Ortskern von Hesel. Foto: Ortgies
Wahlplakate finden sich derzeit überall. Dieses Foto beispielsweise entstand im Ortskern von Hesel. Foto: Ortgies
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Obwohl Umweltschützer darum bitten, weniger zu drucken, setzen Parteien im Wahlkampf weiter auf Plakate. Warum machen sie das und wie nachhaltig ist das heute?

Ostfriesland/Vechta - Lächelnde Gesichter, so weit das Auge reicht: Plakate für die anstehende Landtagswahl entdeckt man überall. Obwohl Umweltschützer seit vielen Jahren dazu aufrufen, weniger zu drucken und jetzt noch akuter Rohstoffmangel dazukommt, halten die Parteien und Wählergemeinschaften an ihnen fest. Wie zeitgemäß ist das noch, wie nachhaltig werden die Plakate produziert und wo landen sie nach der Wahl? Darauf haben wir Parteien, ostfriesische Behörden und eine wichtige Druckerei aus dem Umland angesprochen.

Was und warum

Darum geht es: Die Parteien setzen trotz Kritik weiter auf Wahlplakate. Allerdings sind diese heute zumindest nicht mehr so umweltschädlich wie früher.

Vor allem interessant für: Leser, die sich für den Wahlkampf oder für technische Neuerungen interessieren

Deshalb berichten wir: Derzeit sieht man überall Wahlplakate, obwohl zum Beispiel Papier immer teurer wird. Wir haben uns gefragt, warum an ihnen festgehalten wird.

Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de

Kalle Altmann ist Kassierer des Kreisverbands Aurich-Norden von Bündnis 90/Die Grünen. Dass ausgerechnet auch diese für den Umweltschutz stehenden Politiker Wahlplakate drucken lässt, begründet er mit der geringeren Präsenz kleinerer Parteien in den regionalen Medien. Von denen wiederum gibt es gerade in Ostfriesland viele, was es noch aufwendiger mache, bei der Öffentlichkeitsarbeit überall berücksichtigt zu werden. Da hätten es die Großen einfacher, die die meisten Landtagsabgeordneten stellen und die sich auch eher Werbeanzeigen leisten können. Aber auch in ihrem Fall behielten Wahlplakate ihre Daseinsberechtigung: Viele Menschen lesen heute immerhin keine Zeitung mehr und auch diese sollen erreicht werden.

Nachteil des Internets

Auf dem Land komme erschwerend hinzu, dass man mit einzelnen großen Aufstellern nicht so viele Menschen ansprechen könne wie in einer dicht besiedelten Stadt. Man müsse daher mit der Werbung stärker in die Fläche gehen, zumal sechs Prozent der Deutschen nach wie vor keinen Internetzugang hätten. Schließlich gibt Altmann noch zu bedenken, dass selbst die Werbung in den sozialen Medien nicht ganz umweltfreundlich sei. Um die Netzwerke in Betrieb zu halten, werde mengenweise Energie verbraucht.

Ralf Jurczyk ist Kreisgeschäftsführer der CDU Leer und Bezirksgeschäftsführer der CDU Ostfriesland. Auch er betont auf Nachfrage, dass man möglichst die gesamte Wählerschaft erreichen müsse und deshalb auf eine Mischung aus verschiedenen Werbeträgern setze. „Dazu gehören selbstverständlich inzwischen verstärkt

die „Sozialen Medien“, aber auch Printmedien, Bauzaunbanner oder Werbeplakate, die für jedermann (nicht nur für die Nutzer der einzelnen Kanäle) öffentlich sichtbar sind.“ Laternenplakate seien nach wie vor „ein wichtiger Eckpfeiler und fester Bestandteil politischer Kommunikation“, auch wenn am Ende nichts das persönliche Gespräch an einem Wahlkampfstand ersetzen könne, so Jurczyk.

Als die Plakate von den Laternen fielen

Wolfgang Sievers, Vorsitzender des Kreisverbands Wittmund der FDP, begründet die Wahlplakate damit, dass sie „gute alte Tradition“ und „was für das Auge“ sind. Der SPD Unterbezirk Emden, den wir als exemplarischen Vertreter der Parteien in dieser Stadt ausgewählt haben, antwortete bislang auf Nachfrage unserer Redaktion nicht.

Gründe, die für die Plakate sprechen, gibt es also. Wie umweltfreundlich oder -feindlich aber ist ihre Herstellung? Jan-Bernd Rolfes ist Außendienstler bei der Gramann Digitaldruck GmbH im Landkreis Vechta. Nach seinen Angaben zählt sie zu den fünf bedeutendsten Wahlplakat-Druckereien bundesweit und produziert sowohl für den deutschen als auch den österreichischen und dänischen Markt. Das Thema Nachhaltigkeit beschäftige das Unternehmen schon seit zehn Jahren ganz verstärkt, betont er. Allerdings habe es damals in der Branche noch Startschwierigkeiten mit nachhaltigeren Produkten gegeben, die zum Beispiel bei Wahlen in Nordrhein-Westfalen bei Regen durchweichten und von den Laternen herunterfielen. Inzwischen sei man da weiter.

Pappe ist nicht gleich Pappe

Heute gebe es grundsätzlich drei Verfahren für die Herstellung von Wahlplakaten. Das älteste nutze sogenanntes Blueback-Papier in Kombination mit Holzpappe, Eukalyptus-Hartfaser aus Südamerika und Industrieleim. Alles sei sehr billig und diese Art der Plakate werde heute aufgrund von hiesigen Umweltvorschriften eigentlich nur noch in Fernost produziert, wo man das etwas lockerer sehe.

Die Gramann Digitaldruck GmbH aus Vechta druckt nach eigenen Angaben einen großen Teil der Wahlplakate in Deutschland. Das Bild zeigt Geschäftsführer Antonius Gramann (links) und Jan-Bernd Rolfes. Foto: Privat
Die Gramann Digitaldruck GmbH aus Vechta druckt nach eigenen Angaben einen großen Teil der Wahlplakate in Deutschland. Das Bild zeigt Geschäftsführer Antonius Gramann (links) und Jan-Bernd Rolfes. Foto: Privat

Dann seien da die sogenannten Vordermann-Plakate. Es handle sich dabei um Allwetterpappe, die Tetrapak-Material gleiche. Die seien es gewesen, die damals von den Laternen fielen, weil sie nur eine einseitige Kunststoff-Schutzschicht gegen den Regen hatten und von innen aufweichten, erklärt der Experte. Inzwischen seien sie beidseitig beschichtet, aber ließen sich dadurch auch nicht mehr so gut recyclen. Er selbst kenne nur eine Fabrik, die das – wenn überhaupt – richtig könne. Auch wenn es sich offiziell um Altpapier handle, lohne sich das Recycling für die meisten nicht und man verbrenne die Plakate häufig. Dennoch gelten die Vordermanns bei Laien wegen ihrer Pappe als die ungefragt umweltfreundlichsten, erklärt Rolfes.

Flugverkehr hatte Folgen fürs Recycling

Kaum mehr CO2 verursachen seiner Rechnung zufolge allerdings Plakate auf Polypropylen-Basis (PP). Diese stelle man mithilfe von Rohbenzin her, einem ohnehin anfallenden Abfallprodukt aus der Petrochemie, das auch für den Flugzeug-Treibstoff Kerosin benötigt werde. Kurz nach dem Ausbruch der Pandemie seien diese Plakate besonders umweltfreundlich geworden. „Damals hoben kaum noch Flugzeuge ab und die PP-Preise schossen in die Höhe.“ Die hohe Nachfrage habe schließlich dazu geführt, dass sich Wahlplakat-Druckereien aus Deutschland und mehreren Nachbarländern zusammenschlossen, um alte Plakate bei einer Spezialfirma in Österreich zum Recyclen abzugeben.

Das Abholen lassen sei für die Parteien ab bestimmten Mengen kostenlos, sofern sie sich nicht stattdessen für eine Abgabe vor Ort entscheiden. So weist beispielsweise Leers Kreissprecher Philipp Koenen auf den Wertstoffhof in Breinermoor hin, wo man sie kostenlos abgeben kann. Emdens Stadtsprecher Eduard Dinkela empfiehlt die Müllstation des Bau- und Entsorgungsbetriebs (BEE). Die Abgabe sei dort – im Gegensatz zu Breinermoor – allerdings nur für Plakate aus Papier oder Karton kostenlos.

So wird man Schmierereien los

Früher habe Rolfes Firma PP-Plakate noch zu Blumentöpfen verarbeiten lassen, die dann automatisch unterschiedliche Farben annahmen. Diese Eigenschaft habe es auch unmöglich gemacht, daraus neue Plakate herzustellen. Mithilfe des „Cirular Print“-Verfahrens in Österreich gelinge dies aber. Zudem werde dort beim Recycling relativ wenig Wasser verbraucht und aus 100 Kilogramm an Plakaten könne man 99 Kilogramm Granulat gewinnen. Die neuen bestehen dann laut Rolfes zu 60 Prozent aus diesem Altmaterial. Mehr sei derzeit noch nicht möglich, ohne den einheitlichen Qualitätsstandard bei den Farben zu gefährden. Es werde aber daran gearbeitet.

Was die Druckfarben auf den Plakaten angeht, so würde Rolfes sie „zwar nicht trinken“. Es seien aber dieselben, die auch für Lebensmittel-Verpackungen genutzt werden dürfen und sie seien immer noch verträglicher als die beim Siebdruck verwendeten. Ihre Zusammensetzung hat zudem einen Vorteil, der den Parteien Kosten ersparen kann: Wenn die Plakate mit Edding-Stiften bemalt werden, kann man die Schmierereien Rolfes zufolge mit Schuhdeo wieder entfernen, ohne das Plakat austauschen zu müssen.

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