Berlin Wie teuer werden Gas und Strom wirklich?
Die Energiepreisexplosion kommt jetzt mit Wucht bei den Verbrauchern an. Beim Gas geht es teils ums Zehnfache hoch, trotz aktuell gesunkener Beschaffungspreise. Wie teuer wird es für wen? Ein Faktencheck.
Gasabschlagsforderungen von mehr als 1.000 Euro monatlich sorgen gerade für einen Schock in etlichen Haushalten. Versorger verlangen teils mehr als das Zehnfache der bisherigen Preise. Wie kommen die gewaltigen Preissprünge zustande? Was kommt auf die Allgemeinheit beim Gas und Strom zu? Und wie kann man sich wehren? Wir haben bei Versorgern, Experten und Verbraucherschützern nachgefragt.
Fragen und Antworten zur Energiepreisexplosion:
Die „BILD“-Zeitung berichtete kürzlich von einem Rentner aus Zwickau, der ab November statt 165 jeden Monat 2.268 Euro für sein Gas bezahlen soll, 13,74 mal mehr! Ein Einzelfall? Mitnichten, Hunderttausende sind betroffen.
Die gute in der schlimmen Nachricht: Solche extremen Preissprünge „sind nicht der Regelfall“, sagt Hermann-Josef Tenhagen, Finanz- und Verbraucherspezialist und „Finanztip“-Chefredakteur. „Kunden mit ‚gescheiten‘ Verträgen müssen sich mittelfristig auf eine Verdreifachung ihrer Gasrechnung verglichen mit 2020 einstellen.“
Die Beschaffungspreise sind zwar derzeit – auch nach den jüngsten Senkungen – fünfmal so hoch wie vor dem Ukraine-Krieg. Aber: In die Endkundenpreise fließen andere Faktoren ein, die sich nicht verfünffacht haben. „Daher halte ich eine Verdreifachung für ein realistisches Szenario, also Preise von etwa 15 Cent pro Kilowattstunde“, so Tenhagen.
Der norddeutsche Großversorger EWE verlangt ab Oktober 14,99 statt 13,17 Cent pro Kilowattstunde Gas, ab November kommen nochmal 3,229 Cent wegen der Gasbeschaffungsumlage hinzu. Die Mehrwertsteuersenkung von 19 auf 7 Prozent wird später an die Kunden weitergegeben, dann wird es wieder etwas billiger.
Stadtwerke haben in der Regel sehr vorausschauend Gas eingekauft, die meisten können die Wucht der gestiegenen Beschaffungskosten noch mildern, sodass deren Kunden „derzeit häufig zwischen 30 und 60 Prozent“ mehr zahlen müssen, erklärt ein Sprecher des Verbandes der kommunalen Unternehmen (VKU). „Es gibt aber auch Stadtwerke, die ihre Preise mehr als verdoppeln müssen, teilweise auch mehr.“ Und diese Entwicklung „könnte sich auch im kommenden Jahr noch einmal verschärfen“.
Doppelte oder dreifache Preise sind hart, eine Verzehnfachung ist schlimm. Allein beim ostdeutschen Großversorger MITGAS sind davon bis zu 180.000 Kunden betroffen, für die die Garantiepreise auslaufen. Die Versorger dürfen ihre explodierten Beschaffungskosten weitergeben. „Da werden 35, 40, teils 48 Cent pro Kilowattstunde verlangt gegenüber vier oder fünf Cent vorher“, sagt Fachmann Tenhagen. Es gebe aber auch Stadtwerke, die Neukunden zunächst in eine sogenannte Ersatzversorgung stecken „und Preise von bis zu 48 Cent verlangen“.
Wie viele der 41,5 Millionen Haushalte in Deutschland gerade in so eine Falle stürzen, das weiß niemand genau. Das Bundeswirtschaftsministerium teilt auf Nachfrage mit: „Während eine sinkende Zahl an Bestandskunden noch von bestehenden Preisgarantien profitieren kann, schlägt der starke Kostenanstieg auf den Großhandelsmärkten bei Neuverträgen umfassend durch. Eine Vervielfachung um den Faktor 10 und mehr ist in Einzelfällen leider nicht unplausibel.“
Auf Dauer gar nicht. „Die Verbraucher sollten sich mittelfristig auf Preise einstellen, wie sie für neu abgeschlossene Verträge verlangt werden“, erklärt der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv). Aber ewig werden die Preise hoffentlich nicht hoch bleiben.
Finanzexperte Tenhagen rät: „Wer plötzlich Mondpreise zahlen soll, sollte sofort versuchen, bei einem Grundversorger unterzukommen.“ Selbst wenn man es bei den Stadtwerken zunächst nur in die Ersatzversorgung mit Kilowattstundenpreisen von bis zu 48 Cent schafft, wäre das nur befristet. „Sobald man nach ein paar Monaten wieder in die Grundversorgung kommt, würde es wieder preiswerter.“
Für zahllose Haushalte wird das allerdings zu spät sein. Denn von November bis Januar wird knapp die Hälfte das Jahresbedarfes verbraucht, und muss dann eben zu den horrenden Preisen bezahlt werden. „Muss eine Familie mit einem Verbrauch von 15.000 Kilowattstunden dann Preise von 45, 50 Cent zahlen, springen die Abschläge auf 1.100 Euro pro Monat. Das ist die erschreckende Realität, das sprengt den Rahmen für etliche Haushalte“, sagt Tenhagen.
Letzter Ausweg wäre dann der Gang zum Amt, um staatliche Unterstützung zu beantragen. Die Chancen sind gut. „Zu beachten ist, die Anträge in dem Monat zu stellen, indem die Abschläge oder die Nachzahlungen fällig werden“, sagt Tenhagen.
Ein gewaltiges Problem ist allerdings, dass gerade diejenigen von den Mondpreisen betroffen sind, die nicht verstehen, wie sie an preiswertere Verträge kommen, und dann sehr schnell in der Schuldenfalle landen können.
Erleben wir einen extrem kalten Winter, kann es auch kurzfristig nochmal bei den Grundversorgern steil nach oben gehen. „Je länger die aktuelle Rallye andauert, desto stärker oder häufiger müssen die Preise angehoben werden“, erklärt der VKU. „Dann kann es also auch für die Breite der Kunden richtig, richtig bitter werden“, sagt Tenhagen. Wer Neuverträge abschließt, solle daher unbedingt versuchen, eine Laufzeit zumindest bis zum Mai zu vereinbaren.
Immerhin: Das Russlands Präsident Wladimir Putin den Gashahn abgedreht hat, wird die Preise nicht nochmal anheizen. Das haben die Märkte inzwischen „eingepreist“.
Auch wenn die Strompreise das Megathema der vergangenen Wochen waren, ist die Lage hier nicht so dramatisch wie beim Gas. EWE erhöht für Grundversorgungskunden die Preise ab Oktober um 11,76 auf 37,81 Cent pro Kilowattstunde. Für einen Durchschnittshaushalt mit einem Jahresverbrauch von 3.000 Kilowattstunden ergeben sich so Mehrkosten von gut 352 Euro im Jahr beziehungsweise rund 29 Euro im Monat.
Aber auch hier wird es bitter. Der Verband der kommunalen Unternehmen (VKU) erklärt: „Lagen die Preissteigerungen beim Strom bislang bei eher zehn Prozent, werden für das kommenden Jahr tendenziell Preissteigerungen um die 60 Prozent erwartet.“
In Norddeutschland sei die Stromversorgung indes nicht so ein gewaltiges Problem, sagt Tenhagen. Hier komme man nach wie vor an „vernünftige Verträge“, bei denen die Kilowattstunde 36, 37 Cent koste. „Auch das sind 30 bis 50 Prozent mehr, auch das ist verdammt bitter, klar, aber eben nicht so dramatisch wie beim Gas.“
Der Tipp des Experten: Nach Ökostromanbietern zu suchen, die ihren Strom mit eigenen Windrädern oder Solaranlagen selbst erzeugen und nicht an der Börse kaufen müssen. „Sie bieten mitunter deutlich günstigere Tarife an.“
Die Bundesregierung hat die EEG-Umlage abgeschafft, Sozialleistungen erhöht, die Einkommenssteuer und die Mehrwertsteuer auf Gas gesenkt, gerade wird die Energiepreispauschale ausgezahlt. Und im dritten Entlastungspaket wird eine „Strompreisbremse“ angekündigt, wovon Experten durchaus absehbar Effekte erwarten. Zu Entlastungen bei Gaspreisen laufen derzeit Gespräche auf europäischer Ebene, aber da ist der Ausgang völlig ungewiss.
„Es ist auch klar, dass wir die aktuelle Lage und Entwicklung immer weiter beobachten müssen, ob Anpassungsbedarf besteht“, sagt eine Sprecherin von Wirtschaftsminister Robert Habeck.
Den kommunalen Versorgern reicht das nicht. „Preissteigerungen von mehreren Tausend Euro pro Jahr würden viele überfordern“, so ein VKU-Sprecher. „Wir brauchen ein umfassendes Entlastungsprogramm, nicht nur für die Preiserhöhungen dieses Jahres, sondern auch des nächsten.“
Und er rät allen Verbrauchern dringend, hier nach Energiesparmöglichkeiten zu suchen.