Alkohol am Steuer  Autounfall mit 2,48 Promille – ein Alkoholiker erzählt

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 15.09.2022 19:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Mit Leuten und Alkohol feiern? Nicht jeder hat seinen Alkoholkonsum im Griff. Ein Problem hat, wer danach noch Auto fährt. Foto: Pixabay
Mit Leuten und Alkohol feiern? Nicht jeder hat seinen Alkoholkonsum im Griff. Ein Problem hat, wer danach noch Auto fährt. Foto: Pixabay
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Seit wieder gefeiert wird, häufen sich die Polizeimeldungen über Alkoholfahrten und damit verbundene Unfälle. Ein Betroffener erzählt, wie es bei ihm dazu kam und was danach passierte.

Aurich - Wie Bernd Müller hinter das Steuer seines Autos gekommen ist, daran erinnert er sich nicht mehr. Aber er weiß noch, dass er losfuhr. Die Welt kam ihm weit weg vor. Die Geräusche waren dumpf und er fuhr wie in einem Tunnel. Plötzlich ein Knall. „Ein Vogel vielleicht, der gegen den Wagen geflogen ist“, denkt Müller. Er fährt weiter, bis die Fahrt auf dem Heck eines anderen Wagens endet. Auffahrunfall. Müller steigt aus. Bleibt cool. Als die Polizei kommt, ist er kooperativ: „Was ist hier los, kann ich helfen?“ Die Polizisten merken sofort, dass etwas nicht stimmt. Müller muss pusten. Er hat 2,48 Promille, laut Blutprobe. Ein Wert, mit dem es nur Alkoholiker schaffen, einen Wagen zu lenken. Das war im Oktober 2019.

Was und warum

Darum geht es: Ein Alkoholiker erzählt, wie er mit 2,48 Promille einen Unfall verursacht hat und wie es dazu kam.

Vor allem interessant für: alle, die denken, sie könnten mit Alkohol ein Auto fahren, ihre Angehörigen und alle, die so etwas beobachten

Deshalb berichten wir: Die Meldungen der Fahrten unter Alkoholeinfluss häufen sich, seitdem wieder gefeiert werden darf.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Bernd Müller heißt nicht wirklich so, sein Name wurde geändert, um ihn zu schützen. Müller ist Alkoholiker und war bereit, über den Tag zu reden, als er unter Alkoholeinfluss einen Autounfall verursachte. Es war einer der schlimmsten Tage seines Lebens, sagt er selbst. Die Reporterin, die mit ihm gesprochen hat, hat als Kind ihre Kindergärtnerin verloren. Karin H. war 19 Jahre alt, als ein alkoholisierter Fahrer ihr Leben in einem Unfall beendete und danach Fahrerflucht beging. Seitdem schnürt es ihr die Kehle zu, wenn sie Polizeimeldungen über Alkohol am Steuer liest. Im Gespräch will sie verstehen, wie es zu so etwas kommen kann.

Alkoholfahrten häufen sich, seit wieder gefeiert wird

Denn es sind viele Polizeimeldungen, seit nach den Corona-Lockdowns wieder gefeiert werden darf. Darunter sind viele Unfälle, einige schwer, glücklicherweise keiner tödlich. In der Polizeistatistik des Jahres 2021 für die Landkreise Aurich und Wittmund waren die Alkohol- und Drogenfahrer die Sorgenkinder der Polizei. Zwar liegt ihre Zahl mit 122 noch immer unter den Werten der Vorjahre (Ausnahme 2020 mit 89 Fällen). Insgesamt zeigt allerdings vor allem die Zahl der Fahrten unter Alkoholeinfluss einen deutlichen Trend nach oben. Laut Wiebke Baden, Pressesprecherin der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund, sind in diesem Jahr Kontrollen ein Schwerpunkt der Polizeiarbeit.

Bernd Müller will reden. Will erzählen, wie es dazu kam, dass er sturzbesoffen am Steuer eines Autos saß. Offen darüber reden: Das war etwas, das er lange nicht konnte und erst in der Suchtklinik gelernt hat. Inzwischen ist er seit mehr als zwei Jahren trocken. Er hofft, dass seine Geschichte anderen die Augen öffnet. „Wenn nur ein Mensch nach dem Lesen des Artikels den Wagen stehenlässt, wenn er getrunken hat, dann wäre ich glücklich“, sagt Müller.

Der Unfall war kein Weckruf

Bei ihm war es damals nicht nur der Auffahrunfall. Der Knall vorher war der Seitenspiegel, den er abgefahren hatte. So steht es im Schreiben der Staatsanwaltschaft. Müller hat alles aufgehoben. Er hat noch jeden Überweisungsbeleg der Raten sorgsam abgeheftet, in denen er seine Strafe abstotterte. Was auch in seinen Unterlagen steht: Bevor die Fahrt endete, gefährdete er durch seine Fahrweise einen Fußgänger. Damals hatte er es nicht einmal gemerkt. Heute sieht er sehr erschrocken aus, wenn er an diese Stelle seiner Geschichte kommt. „Wenn das ein Kind gewesen wäre, wenn es schlimmer gekommen wäre...“, sagt er. Das ist etwas, das er sich nicht vorstellen möchte.

Müller hat versucht zu verstehen, wie es so weit kommen konnte. Er erinnert sich daran, wie seine Eltern ihm schon mit zwölf Jahren erlaubten, Alkohol zu trinken. „Mein Junge darf das“, sagten sie auf Plattdeutsch. Müller hat früh gelernt, dass Alkohol zum Leben dazugehört. „Eltern sollten sich klarmachen, was es mit einem Kind macht, das nicht schlafen kann und seine Eltern in der Küche in lustiger Runde beim Trinken findet“, sagt er heute. „Auch dass es nicht witzig ist, wenn Opa Fidi kaum noch laufen kann, sich aber auf das Fahrrad setzt und nach Hause fährt.“

Alle von damals sind tot

Bernd Müller hat nie heimlich getrunken. Seine Flaschen hingen offen im Schuppen. Er hat viel gefeiert und dabei getrunken. Es gab immer etwas zu feiern, und sei es ein neuer Gartenzaun bei den Nachbarn. Müller konnte nicht Nein sagen. Das Leben war schön, sagt Müller. Missen will er die Zeit nicht. Hatte er Ärger oder Probleme, verschwand er allein im Schuppen. Über Probleme reden konnte er nicht. Er trank sie weg. Mit Alkohol war er frei und im Mittelpunkt, unterhielt die Leute. In der Woche war er meistens nüchtern. Am Wochenende gab es Alkohol ohne Maß. Je älter er wurde, desto schlimmer wurde es. Gamma-Trinker heiße sein Suchttyp, sagt der heute 63-Jährige. Er hatte Phasen ohne Alkohol. Wenn er aber anfing zu trinken, gabt es kein Halten. Oft ist er im Straßengraben aufgewacht.

Vom harten Kern seiner Zeit in einem kleinen Dorf in Südbrookmerland lebt heute keiner mehr. Müller ist weggezogen, um sich in Sicherheit zu bringen und seine Mutter zu pflegen. Er suchte sich neue Freunde, trat in einen Verein ein – und trank weiter. „Kein Alkoholiker will wahrhaben, dass er ein Problem hat“, sagt Müller heute. Bis ein Alkoholiker von sich sagt, dass er Alkoholiker ist, dauere es. Das bedeute nämlich, dass er nicht mehr trinken darf, sogar auf Alkohol in Nahrungsmitteln, Medizin und Pflegeprodukten achten muss. Es ist ein anderes Leben voller Versuchungen.

„Ich heiße Bernd und bin Alkoholiker“

Heute ist das für Müller kein Problem mehr. Er ist mit sich im Reinen und kann offen sagen: „Ich heiße Bernd und bin Alkoholiker.“ Aber der Weg dorthin war lang. Auch der schlimme Unfall war nicht das Ende seiner Suchtkarriere. Wäre er das gewesen, wäre Müller einiges erspart geblieben. Der Tag zum Beispiel, an dem er mit einer Kopfwunde nach dem Sturz von einem Fahrrad bewusstlos am Straßenrand gefunden wurde – mit einem Blutalkoholwert von 2,66 Promille. Erst dieser Tag hat ihn aufgerüttelt. Es war der 30. Mai 2020. Damals hat er sich selbst gegenüber „geoutet“, wie er sagt.

„Sich selbst gegenüber ehrlich zu sein ist das Schwerste“, sagt er und grinst gequält. Seit damals führt er ein Tagebuch über sein Leben und das Bedürfnis, Alkohol zu trinken. Er will nicht von einem Alkoholproblem sprechen. „Es ist wesentlich schlimmer als ein Problem“, sagt er im Hinblick auf alles, was er erlebt hat. Inzwischen hat er die Medizinisch-Psychologische Untersuchung erfolgreich abgeschlossen und den Führerschein wiederbekommen. Er war ein langer Weg.

Zur Not die Polizei rufen

Vorher wollte er alles vermeiden, was ihm den Alkohol wegnehmen konnte. So war es immer. Wies ihn ein Freund auf seinen hohen Alkoholkonsum hin, endete die Freundschaft. War es seine Frau, war sie die Böse. Die Guten waren die Menschen, die mit ihm feierten. Bis zum Sturz vom Fahrrad. Damals war er das letzte Mal betrunken, bis heute. Heute sieht man ihm seine Zeit mit dem Alkohol nicht mehr an. Er wirkt wie das blühende Leben. „So war es immer“, sagt seine Frau. „Nur wenn er getrunken hatte, wirkte er plötzlich zehn Jahre älter. Wenn es ganz schlimm kam, konnte er danach drei Tage nicht mehr aufstehen“, erinnert sie sich. Müller nickt.

Heute können beide offen drüber reden. Er rechnet es ihr hoch an, dass sie bei ihm geblieben ist. Sie fragt sich noch heute, wie sie die Zeit überstanden hat. Was sollen andere tun, wenn jemand wie er sich ans Lenkrad oder besoffen auf ein Fahrrad setzt? „Einschreiten“, sagt Müller. „Und wenn er sich nicht abbringen lässt, die Polizei rufen. Es geht nicht anders. Wer weiß, was dadurch verhindert wird?“ Wenn es nach ihm ginge, wären null Promille für die Teilnahme am Straßenverkehr Gesetz. „Dann hätte es die Polizei auch viel leichter.“

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