Demonstration unterm Regenbogen  CSD in Aurich feiert die Vielfalt – und trauert

| | 11.09.2022 14:23 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Hunderte kamen am Sonnabend zum CSD in Aurich. Foto: Mühring
Hunderte kamen am Sonnabend zum CSD in Aurich. Foto: Mühring
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Zum siebten Mal gab es an diesem Sonnabend in Aurich den Christopher Street Day. Über der Demo in Regenbogenfarben lag jedoch ein Schatten: der tödliche Angriff auf einen Transmann beim CSD in Münster.

Aurich - Am Sonnabend wurde es in Aurich laut und bunt – und doch lag über dem siebten Christopher Street Day (CSD) ein Schatten: der Tod von Malte C. Beim CSD in Münster am 27. August hatte der 25-jährige Transmann Frauen gegen homophobe Beleidigungen in Schutz genommen. Ein 20-Jähriger schlug ihn nieder. Nach fünf Tagen im künstlichen Koma starb Malte C. am 2. September.

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Motto beim CSD in Aurich: "Liebe leben"
10.09.2022

Als Melly Doden, die Initiatorin des Auricher CSD, zu Beginn der Kundgebung an Malte C. und die Tat erinnerte, brach ihr nach zwei Sätzen die Stimme. Umso deutlicher formulierte sie aber dann nach einer kurzen Pause ihren Wunsch: „Ich möchte, dass wir alle in Freiheit leben können.“ Sie wolle mit ihrer Partnerin, ihrer Ziehtochter und den Haustieren „mein scheißlangweiliges Leben führen können, wie jeder Normhetero auch, ohne dafür niedergeschlagen zu werden“. Diesen Wunsch teilten am Sonnabend beim siebten CSD in Aurich viele. Mehr als 400 Lesben, Schwule, Trans-, Inter-, nicht binäre und heterosexuelle Menschen waren gekommen, um ein Zeichen für Respekt, Akzeptanz und Wertschätzung sexueller Diversität zu setzen.

Ausgrenzung und Anfeindung auch in Ostfriesland

Ausgrenzung, Anfeindung – erleben das queere Menschen auch in Ostfriesland? Ja, auch wenn es Ausnahmen seien, sagte zum Beispiel Gunnar Ott. Er sitzt für die Grünen im Auricher Kreistag. „Es zeigt sich doch schon, wenn man zu dieser Veranstaltung kommt. Manche schauen einen merkwürdig an oder schubsen dir das Fahrrad um.“ Es seien Ausnahmen, dennoch komme es vor.

„Liebe ist bunt“, sagte Nicole Parschat (mit Schild). Foto: Mühring
„Liebe ist bunt“, sagte Nicole Parschat (mit Schild). Foto: Mühring

Gunnar Ott hatte sich ein Bienenkostüm angezogen. Die Biene stehe für die Artenvielfalt. Für ihn symbolisiere sie Frieden, Liebe und Leben. Noch dazu sei sie ein positiv besetztes Tier und beim CSD gehe es ja darum, Freude an der Vielfalt zu zeigen, und anderen Mut zu machen, ihr Leben zu leben. Er mache beim CSD mit, „weil es für mich eine Herzensangelegenheit ist“, so Gunnar Ott.

„Mir geht es um Sichtbarkeit“

Eine solche ist es auch für Michael Kamphus aus Esens. Auch er trug ein Kostüm: die Rüstung eines Kämpfers sowie große blaue Flügel. „Der Kämpfer steht für den alltäglichen Kampf für Toleranz, die Flügel stehen für die Sehnsucht nach Harmonie.“ Er beteilige sich nicht nur als schwuler Mann an der Demo, sondern auch als ein Mensch mit Behinderung. Sie würden manchmal eine noch größere Ausgrenzung erfahren. „Mir geht es um Sichtbarkeit“, sagte Kamphus. Ausdrücke wie „schwule Sau“ habe auch er sich schon gefallen lassen müssen. Ihn erschrecke oft, wie leichtfertig Menschen mit Wörtern umgehen.

Michael Kamphus kam als Kämpfer mit blauen Flügeln. Foto: Mühring
Michael Kamphus kam als Kämpfer mit blauen Flügeln. Foto: Mühring

Dass Homosexualität noch lange nicht als selbstverständlich angesehen wird, haben auch Rebecca und Elisabeth (beide wollen nur mit Vornamen genannt werden) aus Moormerland erlebt. Sie sind miteinander verheiratet. Rebecca hat schon mehr als 30 CSD besucht. „Dass es diese Community überhaupt braucht, zeigt doch schon, dass es nicht selbstverständlich ist, anders zu sein“, sagte sie. „Natürlich wird man komisch angeguckt, wenn man wo hinkommt und als Frau seine Frau vorstellt.“

„Moin, Liebe, moin, Leben“

Jannes Jakobs aus Aurich gehörte zum Organisationsteam des CSD. Passend zum Motto des CSD „Moin, Liebe, moin, Leben“ gehe es darum, auch in Ostfriesland Farbe zu bekennen. Es gebe in Ostfriesland viele Farben, so Jakobs, und der CSD wolle Mut machen, auf die Straße zu gehen und diese zu zeigen. In Großstädten sei das sicherlich einfacher als auf dem Land. Jakobs: „In den Städten gibt es ja mehr junge Leute, oft Studenten, die ja sowieso alternative Denkweisen haben.“ In einer Region wie Ostfriesland falle man da schon schneller auf, wenn man anders sei. Grundsätzlich sei die Akzeptanz schon besser geworden, findet er, doch vor allem an Schulen, so Jakobs, sei Ausgrenzung ein Problem. Dort müsse mehr Aufklärung betrieben werden.

Eine Gedenktafel am Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz erinnert seit Sonnabend an den Vorkämpfer für die Gleichstellung von homosexuellen Menschen. Foto: Mühring
Eine Gedenktafel am Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz erinnert seit Sonnabend an den Vorkämpfer für die Gleichstellung von homosexuellen Menschen. Foto: Mühring

Der CSD begann am Sonnabend um 13 Uhr am Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz. Dort wurde eine Gedenktafel für Ulrichs (1825-1895) enthüllt. Der gebürtige Auricher gilt als Vordenker und -kämpfer der heutigen Lesben- und Schwulenbewegung. Keine 30 Minuten später setzte sich der Demonstrationszug in Bewegung. Rund zwei Stunden lang ging es durch die Stadt. Gegen 15 Uhr traf der Tross vor dem Rathaus zur Kundgebung ein.

„Wir wollen eine vielfältige Gesellschaft, rücksichtsvoll, bunt, tolerant“

Schirmherr des CSD war der SPD-Bundestagsabgeordnete Johann Saathoff (Pewsum). Ihm sei wichtig, zu sagen: „Der CSD ist kein Umzug und keine Parade. Er ist eine Demonstration für Diversität, Toleranz und Gleichberechtigung.“ Vieles müsse in Deutschland noch auf dem Weg zur Gleichberechtigung getan werden, so Saathoff. Die Bundesregierung arbeite daran. So müsse der Artikel 3 des Grundgesetzes um ein Verbot der Diskriminierung von sexueller Identität ergänzt werden. Auch eine Änderung des Namenrechtes strebe die Regierung an. Niemand soll künftig mehr ein ärztliches Attest vorlegen müssen, wenn der Vorname und die Angabe des Geschlechts beim Standesamt geändert werden sollen. Saathoff: „Denn man ist ja nicht krank.“ Auch das Abstammungsrecht müsse geändert werden. „Wenn bei zwei Frauen ein Kind geboren wird, müssen beide als Mütter gelten.“

Esther Filly Ridstyle gehörte zu den Künstlern, die beim CSD auftraten. In Erinnerung an Malte C., sang sie "Halleluja" von Leonhard Cohen. Foto: Mühring
Esther Filly Ridstyle gehörte zu den Künstlern, die beim CSD auftraten. In Erinnerung an Malte C., sang sie "Halleluja" von Leonhard Cohen. Foto: Mühring

Für Landrat Olaf Meinen (parteilos) ist der CSD wichtiger denn je. Denn er sei ein deutliches Zeichen an alle, die die demokratische Grundordnung nicht wollten. Eine Entwicklung wie in Münster könne man nicht hinnehmen. „Wir wollen eine vielfältige Gesellschaft, rücksichtsvoll, bunt, tolerant.“

Auch Aurichs Bürgermeister Horst Feddermann (parteilos) begrüßte die Teilnehmer des CSD: „Die Stadt erstrahlt heute in Regenbogenfarben, aber es gibt auch ein paar Wolken.“ Der Vorfall in Münster sei nicht nur eine Straftat, so Feddermann, sondern auch menschlich verachtenswert. Es sei daher wichtig, ein Zeichen gegen Gewalt und Hass zu setzen. Er freue sich, dass „wir Vielfalt in Aurich haben“. Für die gelte es, weiter zu kämpfen.

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