Osnabrück  Igor Levit spielt Wagner, Benyamin Nuss stellt sich Levit

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 08.09.2022 16:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Nebelschwaden umwogen Igor Levit auf den Fotos zum neuen Album „Tristan“ Foto: Felix Broede
Nebelschwaden umwogen Igor Levit auf den Fotos zum neuen Album „Tristan“ Foto: Felix Broede
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Igor Levit ist zweifelsohne einer der populärsten Klassikstars unserer Tage. Das hat auch mit den sehr speziellen Werken zu tun, die er ausgräbt und zugänglich macht. Doch das Repertoire hat er nicht für sich: Benyamin Nuss hat nun ein Werk eingespielt, das als Synonym für Levits pianistische Kunst gegolten hat.

Im Radio sagte Igor Levit unlängst, ihm sei gar nicht bewusst gewesen, wie er auf dem Cover seines neuen Albums wirken kann. „Tristan“ heißt das neue Werk, und Levit sieht darauf aus, als wäre er Teil einer Wieland-Wagner-Inszenierung: Der Pianist steht neben dem Flügel, auf dem in Großbuchstaben „Igor Levit Tristan“ zu lesen ist. Alles ist in Sepia getaucht, Nebelschwaden umwölken ihn mit einem Schuss Mystik, und er selbst wirkt wie ein Mix aus Göttervater Wotan und dem von Levit so hochverehrten Rapper und Singer-Songwriter Danger Dan: cool und entschlossen, aber mit grüblerischem Unterton.

Grüblerisch: So klingt bei ihm auch das Vorspiel zu Wagners Oper „Tristan und Isolde“. Langsam, ja zerdehnt kommt einem vor, wie er auf einsamen Tönen hängenbleibt, als würde Wagners Sehnsuchtsmusik gleich wieder in sich zusammenfallen. Dabei hält sich Levit nur an den Notentext: Die Töne dauern nun einmal so lang, und der mysteriöse „Tristan“-Akkord steht eine halbe Ewigkeit, weil Wagner das so gewollt hat. Gut, und weil Levit ein langsames Tempo gewählt hat.

Natürlich ist das Levit in Reinform. Scharfe Konturen und klare Kontraste sind sein Markenzeichen; sein analytischer Blick schaut tief unter die Oberfläche und legt Strukturen frei. Gleichzeitig nimmt Levit Wagner beim Wort und zelebriert jenes „Langsam und schmachtend“, das in der Partitur steht. Daraus entwickeln sich lange musikalische Bögen, baut sich Spannung auf, und wo ist die wichtiger als in diesem Vorspiel zu einer Oper, die die Auflösung permanent verweigert?

Die knapp elf Minuten Wagner eröffnen die zweite CD und sind gewissermaßen das pochende Herz des Doppelalbums. Darum herum hat Levit auf seine typische Weise den musikalischen Kontext für Wagner gebaut: Levit scheint süchtig nach Musik, die sämtliche Rahmen sprengt, nach Kompositionen, die ausreizen, was auf dem Klavier überhaupt möglich ist. So ist die „Passacaglia on DSCH“ von Ronald Stevenson, so sind die Variationen über „The People United“ von Frederic Rzewski, so ist das Klavierkonzert von Ferrucio Busoni, mit dem er gegenwärtig durch die Konzerthallen tourt.

„Tristan“ ist dabei fast so etwas wie ein Konzeptalbum. Mit dem „Liebestraum No. 3“ von Wagners Freund und späterem Schwiegervater Franz Liszt geht es los, mit dessen „Harmonies du Soir“ endet der Reigen. Darin eingebettet sind einmal mehr Entdeckungen, mit denen Levit an Grenzen geht. „Tristan“ von Hans Werner Henze ist dabei gleich in mehrfacher Hinsicht eine Premiere: Zum ersten Mal hat Levit ein Werk für Orchester und Klavier aufgenommen, gemeinsam mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter Franz Welser-Möst. Vor allem aber küsst Levit abermals ein Werk wach, das in den Dornröschenschlaf geschickt wurde, weil Pianisten vermutlich den Aufwand scheuen, sich in die komplexe Klanglichkeit einzufinden und sich das Werk, wie man so sagt, draufzuschaffen. Außerdem: Wer will so etwas hören? Dazu später mehr.

Das zweite Hauptwerk ist das „Adagio“ aus der zehnten Sinfonie von Gustav Mahler in der Klavierfassung von Ronald Stevenson, seinerseits ebenfalls ein Experte für die Grenzen des Spielbaren. Der Witz dabei: Igor Levit spielt all das mit der größten Selbstverständlichkeit. Das kristalline Klingeln zu Beginn von in Henzes „Tristan“ schwebt wie aus einem luftigen Nebel, das dissonante Donnern, mit dem Mahler in seiner Zehnten das Tor zur Atonalität weit aufstößt, hat geradezu existenzialistische Wucht, und dazwischen liegt ein unermesslicher Reichtum an Farben, an pointiert ausformulierten Gedanken, an tief empfundener Musik.

Jetzt könnte man lange darüber nachsinnen, ob politische Dimension in einem Album steckten, in dem sich der gesellschaftlich und politisch engagierte Pianist mit der Musik des antisemitischen Komponisten Wagner auseinandersetzt. Doch so versteht Levit die Musik nicht; ihm geht es einerseits um die pianistische Herausforderung, andererseits um die emotionale Komponente der Musik - und um Richard Wagner, dessen Musik eine zentrale Rolle für Levit spielt. Dafür verlangt er seinen Hörern einiges ab: Henzes „Tristan“ fesselt einen fünfzig Minuten in den Sessel, Mahlers Sinfonie-Fragment – über der Zehnten ist der Komponist verstorben – immerhin auch eine knappe halbe Stunde.

Das Überraschende dabei ist: Levit ist fürs Publikum längst zu einer eigenen Marke geworden. Deshalb kann er aufs Programm setzen und auf CD aufnehmen, was er will: Konzertsäle füllt er sogar mit Kassengift wie der sperrigen „Passacaglia on DSCH“ oder den nicht minder komplexen „The People United“-Variationen. Das hat mit seiner Künstlerpersönlichkeit zu tun, die auch das neue Album prägt. Levit spielt hochgradig virtuos und gleichzeitig mitreißend emotional. Das ist sein Geheimnis.

Allerdings ist er nicht der einzige Pianist auf der Welt, der das kann. Der Pianist Benyamin Nuss, 1989 geboren, hat sich nun auch Frederic Rzewski vorgenommen hat, darunter auch die „.People United“-Variationen. Und dazu hat Nuss einiges zu sagen.

Nuss stürzt sich mit der gleichen Energie in den fingerbrecherischen Kosmos Rzewskis. Vier Nordamerikanische Balladen und ein Varitionenzyklus über ein jiddisches Lied flankieren „The People United“ - ein gewisses Maß an musikalischem Wahnsinn muss auch Benyamin Nuss eigen sein.

Bei ihm klingt der ausladende Zyklus dunkler und weicher - vielleicht romantischer, als bei Levit. Vor allem aber haucht Nuss den Variationen den Blues und den Jazz ein, und das macht die Aufnahme zu einer spannenden Alternative zu Levit. Wie er sich auf dem Markt behauptet, wird sich zeigen - Levit kommt ja jetzt erstmal in die Kinos, und das ist schon lange keinem klassischen Musiker mehr gelungen.

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