Berlin  Wie das Merit-Order-Prinzip unsere Stromrechnung aufbläht

Sören Becker
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Von Sören Becker
| 08.09.2022 16:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Energie Hessen Foto: Sebastian Gollnow
Energie Hessen Foto: Sebastian Gollnow
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Es macht Stromkonzerne reich, Atomkraftwerke angeblich überflüssig und die Stromrechnung definitiv teuer: das Merit-Order-Prinzip. Wie es funktioniert.

Wer in zurzeit eine Diskussionsrunde im Fernsehen sieht, hört ein bestimmtes Wort fast garantiert: Merit-Order-Prinzip (zu Deutsch: Ordnung nach Vorteilhaftigkeit). Die Grünen nutzen es, um zu erklären, warum Atomkraftwerke den Strom nicht billiger machen. Ökonomen nutzen es, um die hohen Strompreise zu erklären. Stromkonzerne nutzen es, um Milliarden an Übergewinnen zu erwirtschaften. Aber was steckt hinter dem Prinzip?

Das Merit-Order-Prinzip beschreibt eine einfache Regel auf dem Strommarkt: Der teuerste Anbieter bestimmt den Preis. Im Moment sind das Gaskraftwerke, weil Gas in Europa knapp und damit teuer ist. In der Produktion ist Strom aus Erneuerbaren Energien am günstigsten. In der Folge explodieren Gas- und Strompreise stets synchron.

Wie kommt es dazu? Stromspezifisch ist das Merit-Order-Prinzip nicht. Entgegen gängiger Annahmen handelt es sich auch nicht um eine gesetzlich verordnete Regel, sondern um ein ökonomisches Prinzip. Es kommt bei allen austauschbaren Gütern, die auf einem gemeinsamen Markt ohne regulatorische Eingriffe gehandelt werden, zum Einsatz. Hier bestimmt der teuerste Anbieter den Preis. Ein Beispiel:

Angenommen da ist eine Straße, in der es zwei Eisdielen gibt. In einer kostet die Kugel ein Euro, in der anderen zwei Euro. Der Besitzer der billigeren Eisdiele könnte seinen Profit sehr leicht erhöhen, in dem er seinen Preis dem teureren anpasst und hätte keinen Wettbewerbsnachteil gegenüber seinen Kollegen. Umgekehrt dürfte das schwieriger sein. Vielleicht hat die teurere Eisdiele höhere Produktionskosten, oder bezahlt ihre Angestellten besser. Sonst wäre sie, rationales kapitalistisches Handeln vorausgesetzt, schon längst bei einem Euro pro Kugel. Die Konsequenz: Der Preis zieht gegen zwei Euro.

Strom wird auf digitalen Börsen gehandelt, wo alle Stromkunden und Stromproduzenten in Konkurrenz zu einander stehen. Schließlich ist eine Kilowattstunde Strom nicht besser als eine andere und dank des europäischen Stromnetzes ist sie auch nicht geografisch gebunden. Da es den Käufern egal ist, welche Kilowattstunde sie kaufen, wurde das Prinzip dort automatisiert. Die Kraftwerksanbieter bieten den Strom den sie potentiell produzieren könnten an und sagen, was sie das kosten würde. Der billigste Erzeugerpreis kommt zuerst zum Zug bis alle Käufer versorgt sind. Das teuerste Kontingent, dass einen Abnehmer gefunden hat, bestimmt den Preis für alle anderen.

Wer günstig Energie produziert, wird so belohnt, wer teuer verkauft, wird jedoch im Markt gehalten. Wer zu teuer ist, muss seine Kapazitäten brachliegen lassen.

Das führt, um es mit den Worten von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) im ZDF-Sommerinterview zu sagen, „zu Gewinnen, die nichts mit dem zu tun haben, was man eigentlich wirtschaftlich tut“.

Wie vergangenen Sonntag nach der Koalitionsausschusssitzung angekündigt, will die Bundesregierung dieses Marktdesign verändern, um günstigere Preise zu erzielen. Etwa durch den Ausbau von Erneuerbaren Energien und die Wiederinbetriebnahme von klimaschädlichen Kohlekraftwerken. Diese produzieren günstig und wären bei entsprechendem Zuwachs in der Lage, Gaskraftwerke aus dem Markt zu kegeln. Zudem ist eine „Erlösobergrenze“ Teil des Entlastungspakets. Abgesehen davon, ist man mit Details bisher sparsam.

Die EU-Kommission, die bei diesen Fragen ohnehin sehr viel mehr Macht hat, hat ein detaillierteres Konzept vorgelegt. Auch hier wird von einer Erlösobergrenze geredet, die bei rund 200 Euro pro Megawattstunde liegen könnte. Ein Solidaritätsbeitrag für Öl und Gasunternehmen soll die Kosten für diese Firmen weiter erhöhen.

Als weitere Maßnahme gegen die hohen Strompreise schlug EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vor, den Stromverbrauch während Zeiten hoher Nachfrage zu reduzieren. „Wir werden ein verbindliches Ziel für die Verringerung des Stromverbrauchs zu Spitzenzeiten vorschlagen.“ In den Zeiten sei Strom besonders teuer, da während den Nachfragespitzen mehr teures Gas einen Käufer findet.

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