Tradition in Spetzerfehn  Warum ein letzter Müller noch immer voll auf Windkraft setzt

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 06.09.2022 17:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Wo gemahlen wird, wirbelt Staub auf: Heye Steenblock fegt den Mahlgang ab. Fotos: Cordsen
Wo gemahlen wird, wirbelt Staub auf: Heye Steenblock fegt den Mahlgang ab. Fotos: Cordsen
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Außer Heye Steenblock (Spetzerfehn) mahlt bundesweit fast kein Müller mehr gewerblich mit Wind. Nun soll ein Verein unterstützen – und im Nachbardorf wieder Brotmehl gemahlen werden.

Spetzerfehn - Wie Heye Steenblocks Arbeitstage aussehen, hängt eng davon ab, wie der Wind weht. Beruflich ist der 61-Jährige in Ostfriesland inzwischen ein Unikat, denn er ist der letzte hauptgewerbliche Müller in der Region, dessen Mühlenflügel und Mahlsteine sich nur mithilfe der Wucht des Windes drehen. Auch bundesweit gibt es nur noch drei weitere Windmühlen, deren Müller hauptberuflich auf die Kraft der Böen setzen – in Ruttel bei Neuenburg (Friesland), in Bardowick bei Lüneburg sowie die Mühle „Kriemhild“ in Xanten am Niederrhein. „Wassermühlen gibt es noch eine Menge mehr und Mühlen, die wundervoll restauriert sind und an Schautagen noch mahlen, ebenfalls“, setzt er hinzu. „Die meisten mahlen inzwischen mit Motormühlen, mit Strom betrieben. Wir, die wir fast komplett auf Wind setzen, sind nur noch ganz wenige, denn wirtschaftlich rechnet es sich eigentlich nicht. Überspitzt gesagt, ist das eigentlich Wahnsinn.“

Was und warum

Darum geht es: Nur noch ein einziger Müller in Ostfriesland mahlt hauptgewerblich mit Windkraft.

Vor allem interessant für: Historisch Interessierte, Mühlenfreunde, Brotbäcker und Tierhalter

Deshalb berichten wir: Der Betreiber der Mühle in Spetzerfehn, Heye Steenblock, möchte gemeinsam mit der Gemeinde Großefehn einen Mühlenverein für seinen eigenen Galerieholländer und den in Ostgroßefehn gründen.

Den Autor erreichen Sie unter: o.cordsen@zgo.de

Imposante Technik: Zargen, riesige Zahnräder, dicke Balken in der Mühlenkappe.
Imposante Technik: Zargen, riesige Zahnräder, dicke Balken in der Mühlenkappe.

Weil die Mühle auch bei Flauten jederzeit lieferfähig sein muss, gibt es auch in Spetzerfehn einen Elektromotor, der die Mahlsteine bewegen kann. Doch der Windkraft-Anteil liegt bei etwa 80 Prozent, seit Jahren. Wieso macht Steenblock selbst es noch? „Liebhaberei, die sich nur durch ganz individuelle Geschäftsmodelle trägt“, sagt er. „Das uralte Handwerk, die Zahnräder und Balken drehen sehen, das liebe ich, das ist schon etwas ganz Besonderes.“ Dennoch seien die Kosten für den Unterhalt seiner reinen Windmühle spürbar höher als es bei einer strombetriebenen Motormühle der Fall wäre. „Durch die aktuell rasant gestiegenen Strompreise verkürzt sich die Spanne der Mehrkosten im Vergleich immerhin – aufgehoben ist sie aber noch nicht“, sagt er.

Idyllischer Anblick: So sieht die Spetzerfehner Mühle aus, von der Brücke des Ostfriesland-Wanderwegs übers Unterende des Spetzerfehnkanals aus gesehen.
Idyllischer Anblick: So sieht die Spetzerfehner Mühle aus, von der Brücke des Ostfriesland-Wanderwegs übers Unterende des Spetzerfehnkanals aus gesehen.

Wirtschaften wird kniffliger

Dass sich die Windmühle weiterhin trägt und sein Betrieb „wirtschaftlich gut da“ steht, wie er sagt, hat damit zu tun, „dass wir ein besonderes Konzept für die Mühle entwickelt haben“, sagt Heye Steenblock. Genau genommen war es schon sein Vater Theo. Der hatte den 1886 errichteten dreistöckigen Galerieholländer 1955 übernommen und 1961 gekauft, nachdem die bisherigen Eigner und Betreiber der Mühle, Jan und Fritz Müller, 1953 beide am selben Tag verstorben waren – einer vormittags, einer nachmittags. Heye Steenblock stieg nach seiner Müllerlehre von 1977 bis 1980 in den Familienbetrieb ein, übernahm die Mühle gemeinsam mit seiner Frau Anita im Jahr 1993. „Anfangs, weit vor meiner Zeit, wurde bei uns noch gut ein Drittel des Getreides für Bäckereien im Umkreis gemahlen, schon damals waren 60 Prozent Getreide für Tierfutter“, sagt Heye Steenblock. „Weil die kleinen Bäckereien aber nach und nach gestorben sind, hat mein Vater ein Konzept entwickelt, komplett auf Futtergetreide zu setzen – verbunden mit einem Landhandel.“ So ist es bis heute.

Der angegliederte Landhandel ermöglicht, dass das Mahlgeschäft nur mit Hilfe von Wind weiterhin wirtschaftlich betrieben werden kann.
Der angegliederte Landhandel ermöglicht, dass das Mahlgeschäft nur mit Hilfe von Wind weiterhin wirtschaftlich betrieben werden kann.
Wo gemahlen wird, wirbelt Staub auf: Heye Steenblock fegt den Mahlgang ab. Fotos: Cordsen
Wo gemahlen wird, wirbelt Staub auf: Heye Steenblock fegt den Mahlgang ab. Fotos: Cordsen

Zwischen den Mahlsteinen landen Weizen und Roggen, Mais und Triticale – eine Kreuzung aus beiden Getreiden. Zudem werden Hafer und Gerste gequetscht, etwa für Pferdefutter. „Inzwischen mahlen wir sogar um die Hälfte mehr als früher“, sagt Steenblock. Knapp 600 Tonnen Futtergetreide werden pro Jahr in seiner Mühle verarbeitet, 80 bis 90 Prozent der produzierten Futtermenge, knapp die Hälfte davon gemahlen. Zusätzlich wird beispielsweise Mais für Mischungen aufgebrochen. Zum Teil werden den Futter-Mixturen auch fein vermahlener Muschelkalk oder vorgemahlener Sojaschrot beigemengt. Steenblocks Landhandel bietet weit mehr als in Spetzerfehn gemahlenes und gemischtes Futter an. Und weil die Geschäfte dort gut laufen und der 61-Jährige die Kosten für den Unterhalt der Mühle zugleich geltend machen kann, „trägt sich das Ganze, ist es kein Zusatzgeschäft – und weil wir eigene Futtermischungen entwickelt haben und herstellen, können wir selbst unsere Mühle auslasten“, sagt Steenblock. Knapper geworden ist die Marge zuletzt dennoch: „Zwischen der Ernte 2021 und dem Frühjahr hatten sich die Preise für Weizen verdoppelt, Diesel für unsere Lastwagen hat sich verteuert – und längst nicht alle Mehrkosten kannst du ja weitergeben“, sagt der 61-Jährige. Aktuell liegen die Weizenpreise immer noch um die Hälfte über dem Vorjahr. „Das ist schon knifflig.“

Heye Steenblock auf der Galerie.
Heye Steenblock auf der Galerie.
Heye Steenblock lehnt an einem der beiden Fugbalken, die erneuert werden müssen.
Heye Steenblock lehnt an einem der beiden Fugbalken, die erneuert werden müssen.

Hoffen auf einen Mühlenverein

Parallel sind im laufenden Betrieb Investitionen zu stemmen: Aktuell erhält die Mühle einen neuen Anstrich. Zudem sind zwei Fugbalken, „die Wirbelsäule der Mühle, worauf die Kappe ruht“, in die Jahre gekommen und müssen auf Sicht erneuert werden, sagt Steenblock. Kostenpunkt: rund 280.000 Euro. Und hier greift nun eine neue Idee ins Räderwerk: Gemeinsam mit der Gemeinde Großefehn prüft Steenblock aktuell die Gründung eines Mühlenvereins. „Dies hat zum einen damit zu tun, dass man ja nie weiß, ob mir mal etwas zustößt. Ich möchte aber die Mühle in guten Händen wissen“, sagt er. „Zudem ist es für Vereine mitunter einfacher Fördergeld zu beantragen und erhalten als für Einzelpersonen.“ Geplant ist dies gemeinsam für die Mühlen in Spetzerfehn und die nur etwa zwei Kilometer entfernt stehende in Ostgroßefehn. „Wir hoffen auf Leute, die Interesse an der Mühle haben – und daran, dass sie als Baudenkmal, aber auch als Betrieb erhalten bleibt“, sagt Steenblock.

Heye Steenblock lehnt an einem der beiden Fugbalken, die erneuert werden müssen.
Heye Steenblock lehnt an einem der beiden Fugbalken, die erneuert werden müssen.
Die beiden Fugbalken, auf denen die Kappe sitzt, von unten betrachtet. Sie sind links und rechts der abgeflachten Seite, über der die Windrose sitzt, erkennbar.
Die beiden Fugbalken, auf denen die Kappe sitzt, von unten betrachtet. Sie sind links und rechts der abgeflachten Seite, über der die Windrose sitzt, erkennbar.

Die Gemeinde Großefehn um Bürgermeister Erwin Adams (parteilos) und Ingenieur Günther Siefken vom Bauamt unterstützt das Ansinnen. „Es wäre toll, wenn man Fehntjer findet, denen die Mühlen Herzensangelegenheit sind und die Lust haben sich einzubringen“, sagt Adams. „Leute, die sich mit einbringen, die sich vielleicht auch mal um Spenden bemühen oder anpacken. Leute, die vielleicht auch Lust haben, einen freiwilligen Müller zu machen, die sich für die Geschichte der Mühlen interessieren und Urlaubern oder Schul- und Kindergartenkindern davon erzählen würden.“ Ein gemeinsamer Verein für die Mühlen in Spetzerfehn und Ostgroßefehn sei auch sinnvoll, weil beide Mühlen künftig enger zusammenarbeiten sollen. „Wir möchten, dass in Großefehn bald auch wieder Mehl zum Brotbacken gemahlen werden kann“, sagt Adams.

Die Mühle in Ostgroßefehn: Dort soll auf Sicht wieder Mehl für Brot gemahlen werden können.
Die Mühle in Ostgroßefehn: Dort soll auf Sicht wieder Mehl für Brot gemahlen werden können.

Wieder Mehl zum Backen aus Großefehn?

An den Voraussetzungen dafür arbeitet aktuell Ronald Scheltens. Er stammt aus Appingedam (Niederlande), ist selbst Müller, hat einige Zeit in Steenblocks Mühle gearbeitet, man kennt und schätzt sich. Er, der auch in der Mühle Vosberg in Aurich gearbeitet hat und sich aktuell bemüht, die seit Jahrzehnten stillstehende Mühle in Backemoor (Rhauderfehn) wieder in Gang zu bringen, ist in Teilzeit als Müller bei der Gemeinde Großefehn angestellt. „Ich bin dran, die Mühle fertig zu machen, damit da auch wieder Mehl für Backmischungen entstehen kann“, sagt Scheltens.

Davor hatte er schon mitgeholfen, dass die Mühle sich wieder drehen kann. „Nun machen wir einen Mahlgang fertig, damit man da wieder Feinmehl herstellen kann“, sagt er. „Zuletzt war eine zusätzliche Schicht auf die originalen Steine gegossen worden, um damit statt Feinmehl Getreide für Futter mahlen zu können. Nun wollen wir diese Schicht wieder beseitigen und den ursprünglichen Zustand wieder herstellen.“ Ziel sei, die Mühle künftig wieder einen Tag pro Woche zu betreiben. „Daran arbeiten wir.“ Und dabei wollen Scheltens und Steenblock eng zusammenarbeiten. „Wir unterstützen das nach Kräften – das ist eine tolle Sache“, sagt Bürgermeister Adams. Aktuell prüfen die Verantwortlichen noch unterschiedliche Satzungen für den Verein. „Das soll und muss passen“, sagt Steenblock.

Dieser Sacklift erspart schweres Schleppen über steile Treppen.
Dieser Sacklift erspart schweres Schleppen über steile Treppen.

Eritreer als große Hilfe

Unterstützung erhält er seit etwa fünf Jahren auch im Betrieb. Kidane, mit vollem Namen Kidanemariam Terweldebrahn und 2015 als Flüchtling aus Eritrea in Ostfriesland angekommen, begann 2017 als Praktikant in der Mühle,. Ein halbes Jahr später wurde er fest angestellt und ist „meine rechte Hand, mein handwerkliches Double – ein unglaublich toller Mensch, eine riesige Hilfe“, sagt Steenblock. Bis heute wartet der Eritreer, Vater von fünf Kindern, auf seine Familie.

Seit fünf Jahren arbeitet der aus Eritrea stammende Kidane in der Mühle in Spetzerfehn. Er ist Heye Steenblocks rechte Hand.
Seit fünf Jahren arbeitet der aus Eritrea stammende Kidane in der Mühle in Spetzerfehn. Er ist Heye Steenblocks rechte Hand.

„Die hängt in einem Flüchtlingslager in Äthiopien fest, von deutscher Seite ist alles vorbereitet. Wir haben alles in unserer Macht Stehende versucht. Aber noch warten und hoffen wir weiter“, sagt Steenblock. Zudem arbeitet seine Frau Anita voll mit, mit Gerd Lubinus verantwortet ein weiterer Mitarbeiter an Steenblocks Lager-Standort in Neufirrel die Logistik, mit Lydia Trauernicht beschäftigt er zudem eine Bürokraft. Einige Jahre will er selbst auch noch weitermachen, so die Gesundheit es zulässt – als Ostfrieslands letzter gewerblicher Windmüller. Und dann? „Erste Gespräche dazu gibt es, aber aktuell kann man da noch nichts vermelden. Ich fände aber schön, wenn es hier auch in Zukunft mit Windkraft weitergeht“, sagt der Müller.

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