Hamburg Kostja Ullmann: „Ich wollte ein bisschen wilder sein“
Der Schauspieler über besondere Herausforderungen seines neuen Films, seine Zeit beim Ballett und die Leidenschaft für den HSV.
Es ist heiß. Die schattige Terrasse im Hof des Hotels „The George“ im Hamburger Stadtteil St. Georg bietet halbwegs angenehmes Klima für das Gespräch mit Manfred Ertel. Der Film- und Fernsehstar kommt lässig und entspannt in sommerlichem Outfit mit knielanger Hose. Und spricht ebenso locker und offen über alle Fragen. Mit Leidenschaft natürlich auch über Fußball und den gemeinsamen Lieblingsklub.
Frage: Die wichtigste Frage vorweg: Wird der HSV dieses Jahr eigentlich endlich wieder in die Bundesliga aufsteigen?
Antwort: (lacht) Diese Saison müssten sie es eigentlich schaffen. Das haben zwar alle auch schon in den Vorjahren gesagt, aber gerade die zweite Hälfte der letzten Saison hat richtig Mut gemacht. Zumal jetzt auch nicht mehr allzu große andere Namen in der 2. Liga sind. Ich habe das Gefühl, dass der HSV eine gute Truppe und einen guten Zusammenhalt in der Mannschaft hat, sodass es diesmal reichen muss.
Frage: Sind Sie echter Fan, oder ist der HSV vor allem ein PR-Gag?
Antwort: Ich wünschte manchmal, das wäre so, dann könnte man sich ein bisschen zurücklehnen und etwas entspannter sein (lacht). Aber nein, das ist etwas, was man sich nicht aussucht: Ich bin HSV-Fan, seit ich klein bin, ich habe immer noch zwei Dauerkarten, bin immer noch Mitglied, und ich unterstütze die HSV-Stiftung „Hamburger Weg“, wo ich kann.
Frage: Wie wird man als Sohn künstlerischer und musischer Eltern ausgerechnet zum Fußball-Fan?
Antwort: Das fing damit an, dass mein Vater mich mitgenommen hat, damals noch ins alte Volksparkstadion. Und ich so begeistert war, da im Stadion zu sitzen. Ich spüre das bis heute jedes Mal aufs Neue: die Mannschaft auf dem Rasen, die Menschenmassen, die Begeisterung .Irgendetwas löst das in mir aus und fasziniert mich wahnsinnig. Ich habe jetzt seit über 15 Jahren Dauerkarten, auch wenn die 90 Minuten manchmal etwas anstrengend sind.
Frage: Gibt es eine Verbindung zwischen Fußball und Schauspiel in der Art, dass man sich auf beide Spiele hundertprozentig einlassen muss?
Antwort: Total, wenn man es schafft, als Fußballer oder auch als Schauspieler abzuschalten und einfach in seiner Rolle zu funktionieren. Das Fallenlassen ist ganz wichtig, vor allem für mich als Schauspieler. Natürlich gehe ich mit einer gewissen Idee und einem Plan in mein Spiel hinein. Aber wenn ich einen Partner habe, mit der oder dem ich mich verliere in meiner Figur, und nicht mehr nachdenke, dann bin ich gut. Das macht den Job auch jedes Mal so schwer. Ähnliches kann man auch beim Fußball sehen: Auf dem Rasen stehen lauter Top-Spieler. Aber am Ende entscheidet sich im Kopf, wie gut jeder ist. Wie sehr er sich auf das Spiel und seine Mannschaft konzentriert und einlässt. Und die Leute drum herum vergisst.
Frage: Sie wollen nicht immer den „Jungen“ spielen, haben Sie schon vor Jahren gesagt und sind trotzdem oft der jugendliche Charmeur. Ist dieser Film ein Bruch mit Ihren herkömmlichen Rollen?
Antwort: Ein wenig vielleicht schon. Ich versuche bei meiner Rollenauswahl darauf zu achten, wie mich die Leute sehen sollen und wie ich mich selber grade sehen will. Das ändert sich natürlich. Und es ist ja auch ein Kompliment, dass ich dieses Fach als jugendlicher Charmeur auch bedienen kann. Ich liebe an der Schauspielerei, dass ich mich ausprobieren kann. Ich bin total dankbar, dass ich jetzt diese Rolle eines grausamen Pflegers spielen konnte. Ich freue mich aber auch, wieder den nächsten Liebhaber zu spielen.
Frage: Sind Sie eigentlich ein guter Tänzer?
Antwort: Ich tanze gerne, und ich habe schon ein gewisses Körpergefühl. Wir hatten eine Ballettstange im Wohnzimmer und haben da meistens zu Jazz und Blues getanzt. Meinen Tanzkurs habe ich allerdings früh abgebrochen. Das war mir irgendwie alles zu steif und geregelt, obwohl ich es manchmal schön finde, Walzer zu tanzen. Das hat was Sinnliches. Ich tanze aber lieber frei.
Frage: Warum sind Sie als Schüler des großartigen John Neumeier nicht Balletttänzer geworden?
Antwort: Da gibt es tausend Gründe. Wahrscheinlich war ich nicht groß genug, um Frauen zu heben. Oder es hat an den körperlichen Voraussetzungen gehapert, dass ich, wie man so sagt, nicht genug auswärts gedreht war. Das bedeutet, wenn in der ersten Position die Füße nach außen gesetzt werden und sich die Hüfte dabei mitdrehen muss. Ich bin total dankbar dafür, sechs Jahre dabei gewesen zu sein. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass es in der Schule nicht das Coolste war zu sagen, ich tanze Ballett. Ich wollte irgendwie ein bisschen wilder sein.
Frage: Mit 19 Jahren haben Sie die Schauspielschule abgebrochen. Hatten Sie es nicht nötig?
Antwort: Ich hatte damals schon viel gedreht und wollte das immer machen. Dann kam das Angebot für meine erste Kinohauptrolle im „Sommersturm“, und ich musste mich entscheiden. Beides ging zeitlich nicht, ich hätte gleich am Anfang des Studiums zu viel gefehlt. Und ich wollte drehen: dieses tolle Buch, mit diesem tollen Regisseur. Bei mir wurde daraus „learning by doing“.
Frage: Sie haben indische Wurzeln durch Ihre Mutter, die in Mumbai geboren ist und in London aufwuchs. Was ist davon geblieben?
Antwort: Ein gutes Curry auf jeden Fall (lacht). Meine absolute Lieblingsküche ist die indische Küche, fast täglich esse ich indisch. Als Kind waren die indischen Wurzeln viel präsenter für mich. Da gab es eine große indische Community in Hamburg, in der man zusammen Bollywood-Filme geguckt hat. Ich habe auch mehrfach meine Familie in Sri Lanka besucht. Danach hat sich das ein bisschen verloren. Ich spüre immer noch eine Verbindung zu dem beeindruckenden Land, aber gleichzeitig ist mir auch alles wahnsinnig fern und fremd. Ich liebe zum Beispiel die Herzlichkeit der Menschen, die zum Teil in extremer Armut leben. Aber es gibt eben auch dieses Kastensystem, das mir so fremd und fern ist.
Frage: Sie halten sich mit Interviews und Privatstorys in sozialen Medien eher zurück. Sind Sie schüchtern?
Antwort: Tatsächlich ja. Aber die sozialen Medien überfordern mich auch. Mich strengt das an, mich immer selber zu filmen. Die Zeit nutze ich lieber, andere Dinge zu machen. Ich bin jemand, der genießt den Augenblick. Das kann ich besser, ohne immer das Handy vor der Nase zu haben und alles teilen zu müssen. Ab und zu finde ich den Austausch in sozialen Medien ja ganz spannend. Aber mein Privatleben behalte ich gern für mich, das muss ich nicht mit jedem teilen.