Unwägbarkeiten in Bagband  „Ich will doch einfach nur Bier brauen“

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 02.09.2022 15:20 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In dieser Rundhalle befindet sich bislang das Lager von Ostfriesen-Bräu. Es soll durch einen Neubau ersetzt werden. Foto: Cordsen
In dieser Rundhalle befindet sich bislang das Lager von Ostfriesen-Bräu. Es soll durch einen Neubau ersetzt werden. Foto: Cordsen
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Weiterhin verzögern sich Neubaupläne bei der Bagbander Brauerei Ostfriesen-Bräu. Das ist einer von mehreren Punkten, die nicht nach Plan laufen und dem Firmenchef Improvisationstalent abverlangen.

Bagband - Leben ist, was einem dazwischenkommt, während man eifrig dabei ist, andere Pläne zu schmieden. Dem Sprichwort von John Lennon folgend, ist im Leben von René Krischer zuletzt einiges dazwischengekommen. Eigentlich wollte der Chef der Bagbander Brauerei Ostfriesen-Bräu schon im April zwei Neubauten in Betrieb nehmen: eine Erweiterung des beengten Sudhauses, auf dass die Produktion effektiver ablaufen kann, und ein neues Lager, das die uralte, in die Jahre gekommene Rundhalle ersetzen soll. Der April ist längst verstrichen, eine von beiden Hallen ist aber noch nicht mal im Bau – und auch bei der anderen ist unklar, ab wann sie genutzt werden kann. „Das ist schon eine Übung in Gelassenheit“, sagt Krischer.

Was und warum

Darum geht es: Teilemangel, ein möglicher Gas-Notstand und weitere Schwierigkeiten bremsen Ostfriesen-Bräu aus.

Vor allem interessant für: Biertrinker, Gäste des Biergartens und wirtschaftlich Interessierte

Deshalb berichten wir: Die Brauerei wollte ihre beiden Neubauten eigentlich längst in Betrieb genommen haben. Wir haben uns nach dem Stand der Dinge erkundigt – auch beim Leergut, das dem Unternehmen zuletzt massiv fehlte.

Die Autorin erreichen Sie unter: o.cordsen@zgo.de

Anfangs hatte der Braumeister lange auf die Baugenehmigung gewartet, dann gab es bei der Sudhaus-Erweiterung Probleme beim Fundament, in der Folge verzögerte sich der Rohbau wegen fehlender Teile. Aktuell steht das Gebäude, kann aber noch nicht bezogen werden: „Die Innenräume sind komplett verputzt, der Putz ist aber an mehreren Stellen gerissen – möglicherweise, weil es zu lange zu heiß und trocken war. Eigentlich sollte längst schon eine zusätzliche Beschichtung mit Epoxidharz dran sein, die wir aus hygienischen Gründen brauchen. Aber jetzt muss erst beim Putz nochmal nachgearbeitet werden, sonst reißt auch die Beschichtung“, sagt Krischer. Den ebenfalls für das Frühjahr geplanten Bau eines neuen Lagers hatte der Bagbander zwischenzeitlich wegen der massiv in die Höhe geschnellten Stahlpreise kurzzeitig auf Eis gelegt. Nun soll es eigentlich losgehen, damit die Gebinde vor dem Winter trocken im Neubau untergebracht werden können. Der Bauzaun steht. „Aber der Lieferant der Halle kann uns keinen Termin nennen, wann er liefern kann“, sagt Krischer. „Der Bauunternehmer steht parat, aber ob das im November noch was wird oder im Herbst? Wir wissen es nicht.“ Unverzichtbar sei, dass – wenn – der Bau vor dem Winter komplett abgeschlossen werden kann. „Es geht ja nicht, dass wir das alte Lager abreißen und im Winter ohne Lager oder mit einem Rohbau ohne Dach dastehen.“

Wann kommt das neue Lager?

Parallel ist, weil auch da das Leben quergeschossen hat, Krischer weiterhin unter Hochdruck dabei, weiteres Leergut aufzutreiben, um überhaupt weiter produzieren zu können. Im Sommer hatte er einen Hilferuf abgesetzt, weil das Leergut für ihn wie auch für sehr viele weitere Getränkehersteller knapp wurde: An Neuware ranzukommen ist aktuell schwierig und – wenn überhaupt – in etwa doppelt so teuer wie vor einem Jahr: Die Glashütten, die für die Schmelze sehr viel Energie und damit Erdgas brauchen, fürchten, dass ihnen abseits der Produktion von medizinischem Glas mit als ersten der Gashahn zugedreht wird. Entsprechend panisch reagierte die Branche. „Das Problem ist zudem aber, dass im Sommer viele Leute verreisen, Getränke später trinken, Flaschen später zurückbringen, in der Logistik generell Fahrer fehlen, in der Urlaubszeit aber noch mehr. Und für die Großhändler hat das Vollgut Vorfahrt, die vollen Flaschen werden zuerst ausgeliefert. Und dann türmt sich Leergut. Und somit ist auch an gebrauchte Flaschen umso schwieriger ranzukommen“, sagt Krischer. „Das entspannt sich jetzt wieder etwas – bleibt aber schwierig.“

Seit Monaten könne er nur von Woche zu Woche planen. „Wir erfahren in der Regel mittwochs, wenn der Großhändler kommt, wie viel Leergut er zurückbringt. Und erst dann wissen wir, wie viel Bier wir auch produzieren können“, sagt Krischer. Zuletzt habe er, auch weil die Medienberichte über das Problem und der eigene Aufruf für einigen Rücklauf sorgten, drei Wochen am Stück wieder ganz normal produzieren können. „Jetzt sind die nächsten zwei Wochen noch gesichert. Und danach? Keine Ahnung“, sagt Krischer. Auch die große Konkurrenz der Brauerei Jever oder Auricher Süssmost als Safthersteller haben dies Problem, und Spirituosenhersteller wie Wein Wolff aus Leer ächzen unter schwer verfügbaren, verteuerten Flaschen.

Biergarten-Saison lief sehr gut – aber Herbstsorgen

Wirtschaftlich sehr gut gelaufen sei die Sommersaison in Brauhaus und Biergarten. „Da war bei tollem Wetter richtig viel los“, sagt Krischer. Zugleich habe dies die Mitarbeiter an Grenzen gebracht, denn weiterhin fehlten Fachkräfte, sei die Personaldecke dünn. Und weiterhin sorge ihn der Herbst: „Wir haben weiterhin noch Reservierungen, aber man muss kein Prophet sein, dass wir als Branche – beim besonderen Bier, aber auch bei der Gastronomie – zu denen gehören, bei denen die Menschen als Erstes sparen werden, wenn sie die deutlich verteuerten Abschläge für Energiekosten richtig realisieren.“

Zwischen Teuerung und Teilemangel, Personalengpässen und Produktions-Unwägbarkeiten, zwischen permanent wechselnden Hygieneregeln und Kontaktbeschränkungen habe er sich zuletzt deutlich häufiger erwischt, wie er zu sich gesagt habe: „Ich will doch eigentlich nur Bier brauen.“

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