Facharzt im Interview  Die häufigsten Kopfschmerzformen und was man dagegen tun kann

Dorothee Hoppe
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Von Dorothee Hoppe
| 04.09.2022 18:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Immer mehr Menschen im Nordosten haben Migräne, das zumindest sagen die bei den gesetzlichen Krankenkassen gemeldeten Fälle. Foto: Andrea Warnecke/dpa-tmn/dpa
Immer mehr Menschen im Nordosten haben Migräne, das zumindest sagen die bei den gesetzlichen Krankenkassen gemeldeten Fälle. Foto: Andrea Warnecke/dpa-tmn/dpa
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Am 5. September ist in Deutschland Kopfschmerztag. Deshalb hat diese Zeitung Facharzt Prof. Dr. Thomas Büttner vom Klinikum Emden gefragt, was gegen verschiedene Arten von Kopfschmerzen hilft.

Emden - Kopfschmerzen kennt eigentlich jeder Mensch. Doch was kann dahinterstecken und wann sollte man mit ihnen zum Arzt?

Anlässlich des bundesweiten Kopfschmerztags am 5. September hat diese Zeitung Prof. Dr. Thomas Büttner, Chefarzt der neurologischen Klinik in Emden, genau diese Fragen gestellt.

Welche Arten von Kopfschmerzen gibt es?

Prof. Dr. Thomas Büttner ist Chefarzt der neurologischen Klinik und Experte für Kopfschmerzen. Foto: Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden
Prof. Dr. Thomas Büttner ist Chefarzt der neurologischen Klinik und Experte für Kopfschmerzen. Foto: Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden

Prof. Dr. Thomas Büttner: Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft hat eine Klassifikation von Kopfschmerzen vorgenommen und mehr als 200 verschiedene Formen beschrieben. Grundsätzlich kann man zwischen primären und sekundären Kopfschmerzen unterscheiden. Primär bedeutet, der Kopfschmerz ist die Erkrankung an sich, es steckt also keine andere Diagnose dahinter. Das beste Beispiel dafür ist Migräne.

Sekundäre Kopfschmerzen bedeuten: Der Kopfschmerz ist nur Symptom einer anderen Erkrankung. Als Beispiel kann man hier den Hirntumor nennen, der die eigentliche Erkrankung darstellt und bei dem der Schmerz nur das Symptom ist. Allerdings äußert sich ein Hirntumor meist eher durch einen epileptischen Anfall oder neurologische Ausfallerscheinungen und nur selten durch Kopfschmerzen.

Woran kann man primäre und sekundäre Kopfschmerzen erkennen?

Prof. Büttner: Die häufigsten Formen von primären Kopfschmerzen, die etwa 90 Prozent der Fälle ausmachen, sind die Migräne und der Spannungskopfschmerz. Man kann diese beiden Formen anhand der Krankengeschichte unterscheiden: Migräne ist typischerweise ein episodischer Kopfschmerz, es kommt also zu Schmerzanfällen, die unterschiedlich lang andauern. Die Kopfschmerzen bauen sich langsam auf, werden schlimmer und sind halbseitig lokalisiert. Sie erreichen häufig ein so starkes Ausmaß, so dass der Betroffene nicht mehr weiterarbeiten kann und sich hinlegen muss. Begleiterscheinungen sind oft Übelkeit, Sehstörungen, Lichtscheu und Überempfindlichkeit gegenüber äußeren Reizen wie lauten Geräuschen. Der Spannungskopfschmerz ist von der Intensität her leichter, also auszuhalten, aber unangenehm. Hier gibt es zwei Verlaufsformen: Entweder man hat ihn selten und in leichterer Ausprägung – diese Form kennen viele Menschen. Er kann aber chronifizieren, geht also nicht mehr weg – und dann wird er zum Problem. Wenn das über mehrere Monate geht, ist definitiv eine Behandlung nötig.

Ein klassisches Beispiel für einen sekundären Kopfschmerz ist die Hirnhautentzündung. Das ist eine fiebrige Infektionskrankheit, bei der es durch die Reizung der Hirnhäute zu Fieber und Kopfschmerzen kommt. Häufiger ist der sekundäre Kopfschmerz des Bluthochdruck-Patienten. Erhöhter Blutdruck kann sich in Kopfschmerzen äußern, weil die Gefäße des Gehirns sich weiten und die Hirnhäute reizen. Bei Kopfschmerz-Patienten muss ein Arzt deshalb immer den Blutdruck messen. Auch erhöhter Augeninnendruck kann zu sekundären Kopfschmerzen führen.

Was kann man gegen Migräne oder Spannungskopfschmerz tun?

Prof. Büttner: Während eines akuten Migräne-Anfalls helfen vielen Patienten einfache Schmerzmittel und Mittel gegen Übelkeit. Es ist wichtig, dass man auch etwas gegen die Übelkeit nimmt, da die Schmerzmittel ansonsten nicht richtig über den Magen-Darm-Trakt aufgenommen werden. Für jene Patienten, denen so nicht geholfen werden kann, gibt es auch spezielle Migräne-Mittel. Diese heißen Triptane und unterdrücken spezifisch bei Migräne-Kopfschmerzen. Man sollte diese Mittel – wenn man ein bisschen Erfahrung hat, wie sich die Kopfschmerzen individuell entwickeln – nicht zu spät einnehmen, damit man noch eine gute Chance hat, den akuten Schmerz in den Griff zu bekommen. Das ist die Akutbehandlung. Wenn die Migräne aber häufiger – etwa an mehr als vier Tagen im Monat – auftritt, dann sollte man eine vorbeugende Behandlung einleiten. Diese umfasst bestimmte Medikamente, die man jeden Tag einnehmen muss und mit denen man auf mittlere Sicht die Häufigkeit und Intensität der Migränekopfschmerzen senkt. Man hat zwar die Veranlagung zur Migräne – wie stark sie sich aber äußert, kann man durchaus mit der Modifikation der Verhaltensweisen im Alltag selbst beeinflussen. So gibt es bestimmte Nahrungsstoffe, die Migräne auslösen können, zum Beispiel Stoffe im Rotwein oder im Käse, die man meiden sollte. Auch ein unregelmäßiger Lebenswandel oder Schlafentzug können die Migräne fördern. Auf der anderen Seite ist bekannt, dass man durch regelmäßige Bewegung an der frischen Luft und im Hellen die Anfälle reduzieren kann.

Zur Behandlung des Spannungskopfschmerzes nimmt man, wenn die Schmerzen ausgeprägt sind, auch einfache Schmerzmittel. Es helfen aber auch viele nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Muskelentspannung, Autogenes Training oder Stressreduktion. Bei leichteren Schmerzen kann man die betroffenen Kopfpartien mit japanischem Heilpflanzenöl einreiben.

Wann sollte man mit Kopfschmerzen zum Arzt gehen?

Prof. Büttner: Es gibt gefährliche Kopfschmerzen, bei denen man sofort in eine neurologische Klinik gehen sollte. Ein absolutes Warnsymptom ist, wenn ein bisher in solcher Intensität nicht bekannter Kopfschmerz plötzlich und akut und mit starker Ausprägung auftritt – ein sogenannter Vernichtungskopfschmerz –, möglicherweise noch einhergehend mit Nackensteifigkeit, starken hinterhauptbetonten Schmerzen, Fieber oder anderen neurologischen Symptomen. Dann kann eine Hirnhautentzündung dahinterstecken oder eine bestimmte Form einer Hirnblutung. In diesen Situationen muss man sofort handeln, und ohne abzuwarten im Krankenhaus die Ursache klären lassen.

Wenn man nur hin und wieder leichte Kopfschmerzen hat, muss man nicht zum Arzt, dann nimmt man eine Schmerztablette und wartet ab. Wenn der Kopfschmerz allerdings immer wieder kommt, chronisch wird, mit anderen neurologischen Symptomen einhergeht und vielleicht auch an Intensität zunimmt, dann sollte man zum Arzt gehen und schauen, ob ein hoher Blutdruck oder eine andere Erkrankung dahinterstecken oder eine spezielle Kopfschmerzform wie Migräne vorliegt, die einer besonderen Behandlung bedarf.

Es gibt zwei Kopfschmerzformen des älteren Menschen, die gefährlich sind und rasch behandelt werden müssen. Das eine ist die sogenannte Riesenzellarteriitis. Diese führt zu einem Schläfenkopfschmerz, der pochend und stark ist, nicht mehr weggeht und darauf beruht, dass ein Gefäß, das den Kopf versorgt, entzündet ist. Diese Gefäßentzündung kann auf die Augen übergreifen und birgt die Gefahr der Erblindung. Deswegen muss das rasch behandelt werden. Die zweite gefährliche Form ist eine chronische Blutung unter der Hirnhaut, ausgelöst durch ein Bagatelltrauma: Irgendwann stößt man sich den Kopf und Wochen später entwickeln sich Kopfschmerzen, die an Intensität zunehmen. Hinzu können Bewusstseinsstörungen oder psychologische Veränderungen kommen. Ursächlich ist eine schleichende Hirnblutung, und auch da muss man ein Krankenhaus aufsuchen, da eine rasche operative Therapie notwendig werden kann.

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