Großefehner entwickeln Eigenmarke  Leinerstift steigt ins Grillsoßen-Geschäft ein

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 01.09.2022 18:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
„Wattnlack“, eine Soße, mit der Grillgut „lackiert“ werden kann, ist eine von zwei Barbecue-Soßen, die unter der Eigenmarke „Feinerleiner“ jetzt vertrieben werden. Fotos: Cordsen
„Wattnlack“, eine Soße, mit der Grillgut „lackiert“ werden kann, ist eine von zwei Barbecue-Soßen, die unter der Eigenmarke „Feinerleiner“ jetzt vertrieben werden. Fotos: Cordsen
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Schon länger wird im Leinerstift in Großefehn Olivenöl abgefüllt. Jetzt steigt die soziale Einrichtung auch in die Produktion von Grillsoßen, Marmeladen, Suppen und Gewürzen ein.

Mittegroßefehn - In Mittegroßefehn klebt „Captain America“ Etiketten auf Gläser mit Gewürzmischungen. Frisch abgewogen, zieht er in einem Produktionsraum hinter dem Dorfladen vorgedruckte Etiketten von einer Rolle und drückt sie vorsichtig auf Gläser und Deckel. „Captain America“ heißt eigentlich ganz anders, stellt sich aber so vor, und der junge Mann, der mit Trisomie 21 zur Welt kam, grinst. Er ist für das Leinerstift im Einsatz, arbeitet im Backshop im ehemaligen Dorfladen mit – aber auch am neuen Zweig der gemeinnützigen Einrichtung: Das Leinerstift hat vor Kurzem eine Produktlinie mit Kochzutaten kreiert, die von etwa 20 jungen Menschen zubereitet werden. Sie werden in der Berufsbildungssparte für den ersten Arbeitsmarkt fit gemacht.

Was und warum

Darum geht es: Das Leinerstift in Großefehn steigt jetzt in die Lebensmittelproduktion ein.

Vor allem interessant für: alle, die gern kochen und grillen und dabei regional hergestellte Saucen und Gewürze einbeziehen

Deshalb berichten wir: Vor Kurzem hat das Leinerstift seine Eigenmarke „Feinerleiner“ erstmals im Internet vorgestellt. Wir haben nachgefragt.

Den Autor erreichen Sie unter: o.cordsen@zgo.de

„Feinerleiner“ heißt die Eigenmarke. Unter deren Label gibt es rund zehn verschiedene Gewürz- und Dip-Mischungen. Es gibt drei Marmeladensorten, eine Boskop-Kürbis-Suppe, ein Zwiebelchutney sowie zwei Grillsoßen, „Watt’n Lack“ und „Kirsch-Knaller“. Deren Rezept hat Ole Sandgaard aus Varel beigesteuert, der unter dem Titel „Wattn BBQ“ im Videoportal Youtube begeistert Beiträge übers Grillen dreht, sich bundesweit vernetzt hat und auch an Wettbewerben teilnimmt. Zusätzlich vertreibt das Leinerstift unter dem Label „Feinerleiner“ auch Olivenöle und echte schwarze Oliven, die in Mittegroßefehn abgefüllt werden und von einer Bio-Plantage in Griechenland stammen. Über Kontakte zu einem Norder, der vor Jahren dorthin ausgewandert ist, kam es zum Miteinander.

Sinnvolle Tätigkeit mit „Mehrwert“

Janna Higgen, Leiterin der Sparte Bildung, Beruf, Leben beim Leinerstift, sagt: „Uns war wichtig, dass die Menschen, die bei uns in der Berufsbildung fit gemacht werden, etwas mit Mehrwert schaffen, das auch Kunden kaufen, das im Leben Verwendung findet, worauf sie stolz sein können. Und weil in liebevoller Handarbeit in Manufakturen selbst gekochte Soßen oder selbst zusammengestellte Gewürzmischungen zuletzt im Trend waren, haben wir uns entschieden, da auch eigene Dinge zu entwickeln.“

Einrichtungsleiterin Janna Higgen mit dem Olivenöl, das in Griechenland geerntet und gepresst und in Mittegroßefehn abgefüllt und verkauft wird.
Einrichtungsleiterin Janna Higgen mit dem Olivenöl, das in Griechenland geerntet und gepresst und in Mittegroßefehn abgefüllt und verkauft wird.

Das Leinerstift ist damit in der Region nicht allein: Die Lebenshilfe Leer etwa beliefert von ihren Küchen aus nicht nur Schulen und Einrichtungen und Veranstaltungen mit Essen und vermarktet unter anderem eigene Chutneys, Soßen und Marmeladen. Auch die Fehnwerkstätten in Wiesmoor der Werkstatt für behinderte Menschen sind in das Geschäft eingestiegen und verwandeln schiefes und krummes Gemüse und vollreifes Obst, das in den Edeka-Behrends-Märkten so nicht mehr verkauft werden kann und dem die Mülltonne droht, unter dem Namen „Liebe²“ – ebenfalls in Chutneys und Aufstriche, aber auch in Pickles, also sauer Eingelegtes. „Mit diesem Projekt setzen wir mit unseren Märkten ein Zeichen gegen die Lebensmittelverschwendung“, wird Markt-Geschäftsführer Wilhelm Behrends in einer Mitteilung zitiert.

Videoblogger spendete Rezepte

Janna Higgen betont: „Uns geht es hier nicht darum, zusätzliche Umsätze und Erlöse zu erzielen, sondern darum, dass wir unsere jungen Leute einbeziehen, ihnen mit sinnvollen Aufgaben weiterhelfen, auf der anderen Seite aber auch der Allgemeinheit zu fairen Preisen etwas zurückzugeben.“ Das Gute an der Produktlinie seien die gestaffelten Schwierigkeitsgrade: „Einige, die sich mit komplexen Dingen schwerer tun, können sich beim Mischen, Abwiegen und Verpacken der Gewürzmischungen einbringen oder füllen die Öle und Oliven ab. Andere übernehmen dann das Kochen des Chutneys und der Marmeladen oder der Grillsoßen, was ja schon deutlich mehr Schritte, Zutaten und Überblick erfordert.“

In Gemeinschaftsarbeit werden die Gewürzmischungen zusammengestellt, gemischt, gewogen, verpackt und gelabelt.
In Gemeinschaftsarbeit werden die Gewürzmischungen zusammengestellt, gemischt, gewogen, verpackt und gelabelt.

Den Kontakt zu Ole Sandgaard hat dessen Freund Lars Hassler aus Großefehn hergestellt. Der gelernte Koch zieht selbst unter dem Namen „Dej Lekkerbeck“ grillend durch die Region und hat selbst auch diverse Soßen kreiert, die er bei der Lebenshilfe Leer zubereiten lässt. „Ich hatte mitbekommen, dass das Leinerstift nun auch so was hochziehen möchte – und Ole hatte zwei richtige Knallersoßen und kam mit den Rezepten zu mir, für die er einen Produzenten suchte, und da habe ich vermittelt“, sagt Hassler. Er selbst hat auch eine Steak-Gewürzmischung zur „Feinerleiner“-Kollektion beigesteuert. „Ich finde, das ist ein tolles Projekt. Das unterstütze ich gern“, sagt Hassler, der ergänzt, dass zukünftig auch noch weitere Neuentwicklungen gemeinsam mit dem Leinerstift folgen sollen. Auch Sandgaard sagt: „Ich bin immer und immer wieder angesprochen worden auf Veranstaltungen und sonst, ob man die Soßen nach meinem Rezept auch irgendwo kaufen kann. Als sich der Kontakt jetzt ergeben hat, haben meine Frau und ich die Rezepte für den guten Zweck gern gespendet. Dafür ist unser Logo mit drauf und wir bekommen ein wenig Werbung. So haben beide Seiten etwas davon.“

„Es soll und muss machbar bleiben“

Vertrieben wird die Eigenmarke insbesondere über den ehemaligen Dorfladen und das Leinercafé im Park in Mittegroßefehn, wo auch weitere Erzeugnisse aus den Werkstätten feilgeboten werden wie gemalte Postkarten und Bretter für den Kücheneinsatz. „Unsere Öle gibt es auch bei Edeka-Märkten im Umkreis von etwa 50 Kilometern“, sagt Janna Higgen. Weitere Produkte der Eigenmarke sollen dort folgen.

Videoblogger Sandgaard hat zudem zugesagt, seine Netzwerke ebenfalls für das Leinerstift spielen lassen zu wollen. „Es soll und muss aber ja auch immer machbar bleiben. Wir sind keine Großküche und nicht auf riesiges Wachstum aus. Uns geht es darum, den jungen Leuten, die mit verschiedensten Schwierigkeiten zu uns kommen, weiterzuhelfen, Beziehungsarbeit zu leisten, sie fachlich weiterzubringen. Und durch diese Praxis lernen sie wirklich viel, und man merkt, wie viel Spaß sie auch daran haben.“