Winsen Klage in Niedersachsen: Schäfer Schmücker will auf Wölfe schießen
Darf ein Schäfer notfalls zur Waffe greifen und einen Wolf erschießen? Mit dieser Frage befasst sich am Dienstag, 6. September, das Verwaltungsgericht in Lüneburg. Wir haben mit dem Schäfer gesprochen, der klagt.
Wendelin Schmücker hat genug vom Wolf. Drei Mal sind die Schafe des Berufsschäfers in den zurückliegenden Jahren Opfer des Raubtiers geworden. Massaker habe der Wolf angerichtet, umschreibt es Schmücker. Er fand jedes Mal tote Schafe und solche, die so schwer verletzt waren, dass der Tierarzt sie einschläfern musste.
Wolfsabweisende Zäune, wie es im Behördendeutsch heißt, konnten den Wolf nicht stoppen. Deswegen will Schäfer Schmücker im wahrsten Wortsinn aufrüsten: Vor Gericht will er sein Recht erstreiten, mit einer Flinte auf Wölfe zu schießen. Am Dienstag wird vor dem Verwaltungsgericht in Lüneburg verhandelt: Schäfer Schmücker gegen den Staat.
Der Staat ist in diesem Fall die Stadt Winsen in Niedersachsen, genauer gesagt das Ordnungsamt als Waffenbehörde. Denn die hat den Antrag auf Bewaffnung von Bürger Schmücker abgelehnt. Er habe kein „Bedürfnis“, befand die Behörde in ihrem Ablehnungsbescheid.
Weiter heißt es in dem Schreiben: „Ihre Bedürfnisbegründung und Intention Wölfe zu vergrämen und zu töten widerspricht eindeutig der geltenden Rechtsordnung und ist nicht genehmigungsfähig.” So formulierte das Amt und stellte 216,90 Euro für den Verwaltungsakt in Rechnung.
Das war im Oktober 2018. Wenige Tage später kam es zum zweiten der bislang drei Angriffe auf Schmückers Schafe. Wieder starben Tiere oder wurden schwer verletzt. Er klagte gegen den Bescheid.
Nun, gut vier Jahre später, soll verhandelt werden. Das Verwaltungsgericht in Lüneburg ist zuständig. Am Dienstag, 6. September, um 10 Uhr beginnt die Verhandlung. Das Gericht begründet die Verzögerungen mit der Corona-Pandemie. Zwischenzeitlich gab es im April 2022 den dritten Angriff auf Schmückers Schafe.
Sein Ansinnen ist einigermaßen aussichtslos. Denn der Wolf ist nach wie vor streng geschützt. Obwohl er sich immer weiter in Niedersachsen und Deutschland ausbreitet, gilt er weiter als vom Aussterben bedroht. Eine Untersuchung im Auftrag des Landes Niedersachsen kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass schon bald mehr als 1000 Wölfe durch das Flächenland streifen könnten.
Und trotzdem dürfen Wölfe nur auf amtliche Anordnung hin erschossen werden. Aber auch nur dann, wenn ein und derselbe Wolf zweimal nachweislich Schutzmaßnahmen wie Zäune überwunden hat. Reißen jeweils unterschiedliche Wölfe aus einem Rudel bei mehreren Angriffen Schafe, kann der Abschuss nach Lage der rechtlichen Dinge nicht genehmigt werden. In anderen europäischen Ländern wird der Wolfsbestand indes durch Bejagung begrenzt.
Aktuell wird geprüft, wie es sich mit einem Wolfsrudel in Wittmund verhält. In Ostfriesland waren mehrfach Nutztiere attackiert worden. Reicht das für einen Abschuss einzelner Problemwölfen? Landesumweltminister Olaf Lies (SPD) zeigte sich in einer Mitteilung skeptisch, ob die Beweislage reicht. Lies mahnte aber auch: „Wir müssen als Staat Handlungsfähigkeit beweisen, also Tiere aus besonders auffälligen Rudeln gezielt abschießen, bevor verzweifelte Weidetierhalter selbst zur Waffe greifen.“
Genau das hat Schäfer Schmücker vor. Allerdings auf legalem Wege und deswegen klagt er. Der Halter von 650 Mutterschafen ist Vorsitzender des Fördervereins Deutsche Schafhaltung und in dieser Funktion einer der führenden Köpfe der Anti-Wolf-Bewegung. Wenn sich das Raubtier immer weiter ausbreitet, sieht er seinen Berufsstand in der Existenz bedroht.
Zwar bekommen Schäfer pro getötetem Schaf eine Entschädigung. Aber ihr Geld verdienen viele von ihnen eigentlich mit den Lämmern. Ein totes Schaf lammt nicht. Ein überlebendes Schaf erleidet häufig eine Fehlgeburt nach einem Wolfsangriff. Dem Schäfer fehlen dauerhaft Einnahmen.
Schmücker geht es aber auch darum, im Ernstfall sich und sein Eigentum zu schützen. Er fühlt sich schutz- und machtlos. „Was soll ich denn machen,” fragt Schmücker, „wenn ich bei meinen Schafen bin und plötzlich kommt ein Rudel Wölfe aus dem Wald? Da hilft es mir auch nicht, wenn ich mit Stöckchen werfe.”
In den zurückliegenden Jahren gab es immer wieder Meldungen von Wolfssichtungen und Raubtieren, die Menschen auffällig nahe kamen. Selbst im Umfeld von Großstädten werden mittlerweile Wölfe gesichtet, zuletzt im Norden von Hannover. Schmücker will gewappnet sein.
Und wenn das Gericht ihm die Bewaffnung verweigert? Dann will er weiter streiten und die Berufung beantragen. Er kämpfe ja schließlich nicht nur für sich. Seine Tochter wolle den elterlichen Betrieb in Winsen irgendwann einmal übernehmen. Auch deswegen wehrt sich Schmücker gegen Wolf und Staat.