Handwerk in Ostfriesland „Leute, lasst Euch ausbilden!“
Das Handwerk klagt ja schon fast traditionell über zu wenige oder zu schlechte Lehrlinge. Die aktuellen Zahlen sind aber wirklich beängstigend.
Ostfriesland/Hannover/Nürnberg - Ostfrieslands Handwerk hat ein echtes Problem. Nach den jüngsten Zahlen konnte fast die Hälfte der ausgeschriebenen Ausbildungsplätze nicht besetzt werden. In konkreten Zahlen der Arbeitsagentur klingt das so: Insgesamt wurden im Agenturbezirk Emden-Leer im Berichtsjahr 2021/2022 genau 558 Berufsausbildungsstellen angeboten, die der Handwerkskammer zugeordnet werden können. Davon waren im Juli dieses Jahres 264 Ausbildungsstellen unbesetzt. Insgesamt gibt es in Ostfriesland noch 1006 freie Ausbildungsplätze.
Was offensichtlich ein Riesenglück für Bewerber ist, bringt vor allem die mittelständischen Betriebe in Not. Das ist inzwischen auch bei Andrea Nahles angekommen, der neuen Chefin der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg.
Appell an junge Leute
Bei ihrer ersten Pressekonferenz zur Vorstellung der Arbeitsmarktstatistik konnte sie am Mittwoch robuste Zahlen und eine stabile Entwicklung verkünden. Und so nutzte sie die einstige SPD-Chefin und Bundesarbeitsministerin ihren Debütauftritt in Nürnberg auch angesichts des immer stärker spürbaren Fachkräftemangels zu einem Appell: „Junge Leute – lasst Euch ausbilden!“ Es gebe noch gute Chancen, einen Ausbildungsplatz zu finden.
Nahles warb insbesondere für das Handwerk als Lehrmeister. „Es ist gibt tatsächlich gute Perspektiven, dass man heutzutage mit einem eingeschlagenen Weg als Handwerker sogar mehr verdient, als wenn man einen Bachelor-Studiengang macht“, sagte Nahles. Jugendliche wie Arbeitgeber sollten den Sommer und Herbst nutzen. „Den Jugendlichen empfehle ich, sich auch für Ausbildungsberufe zu öffnen, die nicht ihr absoluter Traumberuf sind und darüber nachzudenken, ob eine Ausbildung auch in anderen, vielleicht benachbarten Region infrage kommt.“
Appell an die Arbeitgeber
An die Arbeitgeber gerichtet sagte Nahles: „Ich würde mir wünschen, dass sie sich noch mehr für junge Menschen öffnen, die nicht zu den optimalen Kandidaten gehören.“ Die Bundesagentur halte viele Fördermöglichkeiten bereit, von der assistierten Ausbildung bis zur Einstiegsqualifizierung. Es sei belegt, dass diese Unterstützungen auch zum Erfolg der Ausbildung führen können.
Der flammende Appell hat einen Hintergrund: „Wir haben seit 2017 den Trend, dass immer weniger junge Menschen sich für eine duale Ausbildung entscheiden.“ Diese sei aber ein Herzstück, um das Deutschland im Ausland beneidet werde. Es dürfe nicht weiter wegrutschen.
Mehr Ausbildungsplätze
Die Zahl der Bewerber um eine Lehrstelle ist nicht nur in Ostfriesland, sondern auch bundesweit für das beginnende Ausbildungsjahr erneut zurückgegangen – um 13.000 auf 408.000. Die Zahl der gemeldeten Ausbildungsplätze stieg dagegen um 20.000 auf 526.000. Trotz des Überhangs an Stellen gelingt es nicht, jeden Bewerber zu vermitteln.
Dabei ist die Zufriedenheit eigentlich gegeben: Fast drei von vier Auszubildenden in Deutschland sind mit ihrer Ausbildung zufrieden, zeigt ein am Mittwoch in Berlin vorgestellter Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Allerdings gebe es bei der Qualität große Unterschiede. „Auffällig ist dabei, dass anscheinend die Begeisterung vieler Auszubildender im Laufe der Ausbildung abnimmt“, heißt es in dem Report.
Zu viele Überstunden?
Mehrarbeit gehört laut dem Report für etwa ein Drittel der Auszubildenden zum Alltag. Eine deutliche Verbesserung erkennen die Studienautoren bei minderjährigen Auszubildenden, die regelmäßig mehr als 40 Stunden pro Woche arbeiten müssen: Ihr Anteil sank um fast vier Prozentpunkte auf 6,6 Prozent.
Schlecht schnitt die schulische Berufsorientierung ab. Mehr als 72 Prozent der Befragten gaben an, dass ihnen an der Schule kaum bei der Berufswahl geholfen wurde. Rund 29 Prozent der Befragten haben die Berufsberatung der Agentur für Arbeit genutzt. Der Präsident des Zentralverbandes des deutschen Handwerks (ZDH), Hans Peter Wollseifer, bezeichnete die Berufsorientierung als unzureichend. „Die Berufswahl darf nicht dem Zufall überlassen werden“, sagte er. Eine systematische Berufsorientierung sei daher an allen Schulformen – insbesondere an Gymnasien – dringend notwendig.
Hilft eine Ausbildungsgarantie?
Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack wies darauf hin, dass vergangenes Jahr nicht einmal 70 Prozent aller bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten Jugendlichen einen Ausbildungsplatz bekommen hätten. „Nicht einmal mehr jedes fünfte Unternehmen bildet hierzulande noch aus.“ Mehr als 220 000 Jugendliche steckten jedes Jahr in Maßnahmen zwischen Schule und Ausbildung fest.
Hannack forderte die Regierung auf, die angekündigte Ausbildungsgarantie einzuführen. DGB-Bundesjugendsekretär Kristof Becker sagte: „Wer Fachkräfte will, muss gut ausbilden.“
Robuster Arbeitsmarkt in Ostfriesland
Derweil sieht es am Arbeitsmarkt in Ostfriesland relativ entspannt aus. Die Zahl der Arbeitslosen im Agenturbezirk Emden-Leer stieg im August 2022 um 390 auf jetzt 14.003 Personen an, die Arbeitslosenquote stieg im Vergleich zum Vormonat um 0,1 Prozent auf 5,6 Prozent. Im Vorjahresvergleich sind die Arbeitslosenzahlen weiterhin rückläufig, so die Arbeitsagentur, im Vergleich zum August 2021 waren 882 Menschen weniger arbeitslos gemeldet.
Insgesamt blickt Roland Dupák, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Emden-Leer, zuversichtlich auf den regionalen Arbeitsmarkt: „Mit aktuell genau 3597 gemeldeten Arbeitsstellen ist der Arbeitsmarkt im Agenturbezirk nach wie vor aufnahmefähig.“
Mit Material von DPA