Fußball-Regionalliga Der Kickers-Gegner ist eine Trainerschmiede
An diesem Mittwoch steht für Emden das siebte Ligaspiel an. Drochtersen/Assel hat den jüngsten Regionalliga-Nord-Coach aller Zeiten. Ein Vorgänger ist sogar in der Bundesliga.
Emden/Drochtersen - Als leidenschaftlicher Fußballer sein Geld mit seinem Hobby verdienen: Diesen Traum haben viele, nur die allerwenigsten schaffen das. Frithjof Hansen, der Trainer des heutigen Kickers-Gegners SV Drochtersen/Assel, erreichte das bereits mit 22 Jahren, wenn auch nicht als Spieler – da reichte das Potenzial „nur“ für die Kreisliga –, sondern als Trainer. 2018 bekam er eine Festanstellung im Deutschen Fußball-Internat (DFI) in Bad Aibling. Heute ist Hansen 26 Jahre alt – und Viertliga-Trainer. Sogar der jüngste, den es je in der der Fußball-Regionalliga Nord gab.
So gesehen kommt es an diesem Mittwoch ab 20 Uhr in Drochtersen zu einem gewissen Trainer-Generationenduell. Hansen hat erst sechs Herren-Spiele als Trainer in seiner Vita stehen. Emdens Coach Stefan Emmerling blickt dagegen auf zwei Trainerjahrzehnte im hochklassigen Seniorenfußball zurück. Beide Trainer, auch wenn sie sich noch nicht persönlich kennen, schätzen sich, haben sich gut auf das Spiel gegeneinander vorbereitet. „Ich habe Drochtersen mehrmals spielen gesehen. Es ist eine sehr reife Mannschaft“, sagt Emmerling. „Ich habe mir Emden in Hamburg angeschaut“, erzählt Hansen und meint die Emder 1:6-Pleite am Sonntag bei der Reserve des Hamburger SV. „Zudem hat mir mein Videoanalyst Material zu Kickers bereitgestellt.“
Hansen macht Kickers Mut
Auf dem Blatt Papier ist Kickers als Null-Punkte-Letzter klarer Außenseiter. Aber genau deshalb bezeichnet der SV-Coach die Partie als „gefährliches Spiel“. „Kickers hat nichts zu verlieren. Die knallen alles raus“, so Hansen. Emdens sechs Niederlagen in sechs Regionalliga-Spielen bei 2:21 Toren will er nicht überbewerten. „Ich habe die Emder noch nicht abgeschrieben, die hatten in Spielen immer mal interessante Phasen“, macht er dem Gegner aus Ostfriesland Mut für den weiteren Saisonverlauf. „Mit dem Punkteholen muss Kickers aber bitte nicht gegen uns anfangen.“ Stefan Emmerling ist es dagegen egal, wie der Gegner heißt oder wo er in der Tabelle steht: „Wir wollen endlich was Zählbares. Das kann neue Kräfte freisetzen. Dafür dürfen wir nicht so wild verteidigen.“
Um 14 Uhr macht sich der Kickers-Tross auf den Weg nach Drochtersen. Beruflich haben es alle Spieler organisiert bekommen. Ob die angeschlagenen Alagie Jabbie, Milad Faqiryar und Nick Köster dabei sein können, ist noch fraglich. Definitiv fehlen wird André N‘Diaye, der sich in Hamburg eine Gelb-Rote Karte eingehandelt hatte.
Gooßen seit 40 Jahren Vorsitzender
Dem SV Drochtersen/Assel ist der Saisonstart dagegen geglückt. Das „obere Tabellendrittel“ soll es am Saisonende sein, Platz vier ist es nach sechs Spieltagen. „Wir liegen im Soll, wissen aber auch, dass wir in jedem Spiel voll da sein müssen“, sagt Frithjof Hansen. Der 26-Jährige ist seit 2020 beim SV tätig, erst als A-Jugend-Coach und Co-Trainer der ersten Herren. In diesem Sommer wurde er zum Cheftrainer befördert. Noch dazu ist Hansen der erste hauptamtliche Coach des Vereins – ausgestattet mit einem Drei-Jahres-Vertrag.
„Es ist ein gewisser Vertrauensvorschuss. Er ist ausgezeichnet ausgebildet, einer, der die ‚New Generation‘ versteht und erreicht“, wird Hansen von seinem Vereinspräsidenten Rigo Gooßen fast schon geadelt. Der 62-Jährige gibt gerne jungen Leuten eine Chance, so wie er sie selbst 1982 bekam. Da übernahm Gooßen den Vorsitz des SV Drochtersen/Assel – als 20-Jähriger. Seit nun 40 Jahren ist er Präsident des mittlerweile etablierten Regionalligisten. „Gewiss nach oben“ – sagt Rigo Gooßen – wird der Weg vom jetzigen Coach Frithjof Hansen gehen. Vorgemacht hat es einer seiner Vorgänger. Auch Enrico Maaßen begann seine Trainerkarriere beim SV Drochtersen/Assel (2014 - 2018), mittlerweile ist er Bundesliga-Trainer beim FC Augsburg.
Drochtersen-Trainer ist wissbegierig
Für sein Traineramt beim SV hat Frithjof Hansen eine Reihe anderer Angebote ausgeschlagen. Unter anderem eines von seinem Herzensklub: dem Hamburger SV. Selbst HSV-Vereinsikone Horst Hrubesch versuchte persönlich, Frithjof Hansen von einem Engagement beim HSV zu überzeugen. Der einst als Kopfballungeheuer bekannt gewordene 71-Jährige ist als Direktor Nachwuchs beim HSV tätig. „Wir haben uns mehrmals getroffen. Es hat unglaublich Spaß gemacht, mich mit ihm über Fußball zu unterhalten. Ein toller Mensch“, sagt Hansen. Er entschied sich aber dazu, als Erwachsenen-Coach Erfahrungen zu sammeln. Im Jugendbereich hat Hansen schon zahlreiche gesammelt, seit er 16 ist.
Hansen will sich stets weiterbilden. Er hospitierte bei mehreren Vereinen, schloss ein Sportstudium ab, erwarb die Trainer-A-Lizenz, machte eine Fortbildung zum Spielanalysten. Auch in seiner Freizeit schaut sich Hansen mit Kumpels gerne Fußballspiele im Stadion an – auch mal mit einem Bierchen in der Hand und ohne die Partie „auseinanderzupflücken“, verrät er. „Und dann ist da ja auch noch die Freundin, die gerne einmal Zeit mit mir verbringen will“, sagt der 26-Jährige. An diesem Mittwochabend klappt das aber nicht, denn da will Frithjof Hansen mit seiner Mannschaft die ersten Punkte von Kickers Emden verhindern.