Hamburg Kann das Huhn bald in Rente? Wie Tanja Bogumil das Ei ersetzen will
Nach Milch und Fleisch geht es nun ans Ei: Immer mehr Startups wollen das tierische Produkt ersetzen, oder besser gesagt: möglichst gut imitieren. Ganz vorne mit dabei: Unternehmerin Tanja Bogumil mit ihrem Berliner Startup „Perfeggt” - und tatkräftiger Unterstützung aus dem Emsland.
Es ist voll in den Messehallen in Hamburg im Mai. Die großen Player der Ernährungsbranche haben imposante Stände aufgebaut, an denen sie ihre neuesten Erzeugnisse präsentieren. Darunter auffallend viele Fleischersatz-Produkte. Es ist die erste größere Messe nach dem nicht enden wollenden Corona-Lockdown.
Viele unternehmerische Pläne hat die Pandemie ausgebremst. Nun sollen sie der Welt präsentiert werden. Etwas abseits haben die Messemacher die Startups platziert. In kleinen Holzverschlägen dürfen sie ihre Produkte zeigen, vorführen und anbieten. „Hier, probieren Sie mal”, sagt Tanja Bogumil, Chefin des Startups „Perfeggt”, und reicht einen kleinen Pfannkuchen herüber, den im Hintergrund ein Koch in einer Pfanne zubereitet hat.
Das Fingerfood dampft und qualmt. Optik, Konsistenz, Geschmack: Alles ist so, wie es sein sollte bei einem Omelette. Nur, dass die Kernzutat des klassischen Rezepts fehlt: das Ei. Das kleine gelbe Ding auf dem Teller hat keinerlei tierische Bestandteile.
Der Ei-Ersatz ist aus Erbsenproteinen kreirt, „Perfeggt” hat sich diese Technik patentieren lassen. Der Pfannkuchen und das Rührei der Zukunft können ohne Hühner auskommen, ist die Botschaft des Unternehmens auf der Messe in Hamburg. Auch das Rührei als zweite zubereitete Speise kommt ohne Ei aus.
Daran arbeiten Bogumil und ihr Team von „Perfeggt” - dem Ersatz des Eis auf dem Speiseplan. Bogumil, 37 Jahre alt, spricht von einer Mission. Nach Milch und Fleisch soll auch das letzte populäre tierische Produkt möglichst gut imitiert werden.
Der Markt jedenfalls wäre riesig. Allein in Deutschland essen die Menschen pro Kopf fast 240 Eier im Jahr. An einer vernünftigen Alternative für Flexitarier oder überzeugte Veganer mangelt es derzeit noch.
Das ist nicht weiter verwunderlich. In der Welt der veganen Lebensmittel ist der Ei-Ersatz die Königsdisziplin. Die Eigenschaften und der Geschmack sind deutlich schwieriger nachzuahmen als beispielsweise bei Hackfleisch oder Milch. „Perfeggt” setzt dabei auf verquirltes Ei, andere Mitbewerber versuchen sich an Spiegel- oder hart gekochten Eiern.
Doch nur wenigen gelingt es: Das Gelbe vom Ei ist noch nicht dabei, könnte man also sagen. „Der Markt ist regelrecht hungrig”, sagt Bogumil. Überall im Land veranstaltet ihr Unternehmen seit Monaten Testessen. Der Auftritt auf der Messe in Hamburg ist nur einer von vielen.
Erste Kunden hat „Perfeggt” bereits gefunden: Hotels und Restaurants beispielsweise, die ihren Gästen zum Frühstück eine vegane Ei-Alternative anbieten wollen. Der „Launch”, wie es in der Startup-Branche heißt, solle alsbald erfolgen.
Gerade im Vergleich zu US-Mitbewerbern gibt sich „Perfeggt” dabei geradezu schüchtern. Dabei ist Zurückhaltung eigentlich keine Eigenschaft, die häufig in der Welt der Startups anzutreffen ist. Eher wird mehr versprochen als gehalten. Aber es gibt gerade im Bereich der Ersatzprodukte mahnende Beispiele für „Perfeggt”, es eben nicht zu übertreiben. Etwa Fleischersatz-Pionier „Beyond Meat”, der mit großem Trara und aufwendigen Werbekampagnen den Fleischmarkt erst in den USA und dann auch in Europa aufrollte.
Die Aktien des kalifornischen Unternehmens schossen durch die Decke. Um so härter mittlerweile der Aufprall: Liefer- und Absatzprobleme dämpften die Euphorie der Anleger. Das Meat-Wunder blieb einstweilen aus. Das zeigen auch die Wirtschaftsdaten in dieser Statista-Grafik:
Auch beim Milchersatz-Pionier „Oatly” ist zumindest an der Börse Ernüchterung eingekehrt. Hinzu kommt: Große Handelsketten haben mittlerweile Eigenmarken in den Supermarktregalen; vom Preis her deutlich günstiger, vom Geschmack her vergleichbar mit der Markenware.
Auch im Ei-Bereich herrscht Hype-Stimmung. Gefühlt überall entstehen Unternehmen mit Alternativ-Angeboten. Mal wird das gekochte, harte Ei simuliert, mal Rührei oder eben Omelette und Pfannkuchen. Alle wollen eine sogenannte Lovebrand werden - die Marke, mit der das Ersatzprodukt identifiziert wird; ein bisschen wie bei Taschentüchern und der Marke Tempo.
Ob sie Angst habe vor der Konkurrenz? Tanja Bogumil lacht. „Gar nicht! Jeder weitere Spieler hilft unserer Mission”, sagt sie. Bogumil weiß, wie schwierig es sein kann, Startups in profitable Unternehmen zu verwandeln. 2012 gründete die Betriebswirtin das Mode-Startup „Kisura”.
Kundinnen konnten sich Pakete mit zusammengestellter Bekleidung zuschicken lassen. Irgendwann blieb das Geld von Investoren aus und „Kisura” ging in die Insolvenz. Mittlerweile ist das Unternehmen Teil des Karstadt-Konzerns - und Bogumil im Geschäftsfeld Ernährung unterwegs.
Allerdings nicht alleine. An ihrer Seite ist Bernd Becker. Er trägt den Titel CPO, zu deutsch in etwa Chef der Produktentwicklung. Becker, 54 Jahre alt, bringt reichlich Erfahrung mit. Der Lebensmitteltechnologe aus dem Emsland hat bereits den Transformationsprozess bei der „Rügenwalder Mühle” begleitet. Dem Unternehmen aus Niedersachsen ist es gelungen, mit Fleischersatz-Produkten mehr Umsatz zu generieren als mit der traditionellen Wurstware.
In einem Labor im Emsland tüftelt Becker an der richtigen Konsistenz, am richtigen Geschmack für „Perfeggt”. Ausgerechnet im Emsland, könnte man sagen. In dem Landkreis ganz im Westen Niedersachsens werden so viele Hühner gehalten, wie sonst kaum wo in Deutschland. Im Herz der Hühnerhaltung wird also an deren Abschaffung gearbeitet.
„Man hat genau eine Chance, den Kunden von seinem Produkt zu überzeugen”, sagt Becker. Schmecke es nicht, sei der Konsument erst einmal vergrault. „Und es muss in der Anwendung einfach sein”, ergänzt der CPO. „Nicht 27 mal rechts oder links rühren.”
Beide Voraussetzungen scheinen ihm gelungen zu sein: Der Ei-Ersatz schmeckt annähernd wie Ei und kommt in Flaschen daher, aus denen es einfach in die Pfanne gegeben werden kann.
Bleibt die Frage nach dem Preis. Im Supermarkt ist „Perfeggt” derzeit noch nicht zu bekommen. Das emsländisch-berliner Startupp richtet sich zunächst an Großabnehmer. „Wir sind im Preissegment sicherlich im oberen Bereich unterwegs”, sagt Gründerin Bogumil.
Auf 50 Cent je Ei-Äquivalent taxiert Bernd Becker den Preis des gequirlten Ei-Ersatzes aus der Flasche derzeit. „Je mehr wir aber produzieren, desto günstiger können wir das Produkt am Ende auch anbieten.”
Zumindest auf der Messe in Hamburg ist Perfeggt gefragt. Kein anderes Startup zieht derart viel Aufmerksamkeit auf sich. Der Pfannkuchen ohne Ei ist gefragt.