Kolumne: Artikel 1, GG  Die neue Sau im Dorf heißt Winnetou

Canan Topçu
|
Eine Kolumne von Canan Topçu
| 31.08.2022 09:12 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Canan Topcu
Canan Topcu
Artikel teilen:

In unserer Mittwochs-Kolumne geht es immer um das Verbindende und Trennende von Kulturen. Diesmal: Die Debatte, in der Autor Karl May und seiner Figur Winnetou kulturelle Aneignung vorgeworfen wird.

Kaum bin ich im Lande, schon mittendrin in den Debatten über Rassismus. Die Sau im Dorf heißt diesmal Winnetou beziehungsweise Karl May; die einen regen sich darüber auf, dass Ravensburger überhaupt auf die Idee kam, Begleitbücher zu einem Winnetou-Film für Kinder auf den Markt zu bringen; andere kritisieren, dass der Verlag „einknickte“ vor dem Protest einer „woken Minderheit“, die Karl May Rassismus attestiert und meint, seine Bücher bedienten Stereotypen.

Zur Person

Canan Topçu (57) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.

Ich habe kein einziges Buch von Karl May gelesen, kenne auch den neuen Film und die Begleitbücher nicht. Im konkreten Fall halte ich mich daher zurück im Urteilen, grundsätzlich erachte ich es aber als problematisch, Romane nicht zu veröffentlichen, weil sie Geschichte verfälschen, Gefühle verletzen oder Rassismus reproduzieren. Aus meinem Studium der Literaturwissenschaft weiß ich: Ein Roman ist nicht per se die Beschreibung von Wirklichkeit. Autoren schreiben aus unterschiedlichen Motiven und bearbeiten Historisches und Zeitgenössisches auf unterschiedliche Art. All die, die sich über Karl May und dessen Werk aufregen, scheinen von einer heilen Welt zu träumen und nicht zu merken, dass sie für dieses Ziel totalitäre Methoden anwenden.

Derweil die Causa Winnetou hochkocht, erlebe ich reale Diskriminierung. Auf einer Bahnfahrt sehe ich, wie ein Zugbegleiter eine junge Ukrainerin, ihre Tochter und Mutter schikaniert. Er droht ihnen, sie beim nächsten Halt aus dem Zug zu „schmeißen“, wenn sie weiterhin darauf bestehen, dass sie Tickets haben, aber diese nicht vorzeigen können, weil der Akku des Handys den Geist aufgegeben hat. Derselbe Zugbegleiter hatte aber kein Problem damit, dass ich ohne Ticket eingestiegen war. Er bot mir an, dass ich mir schnell ein 9-Euro-Ticket via Smartphone kaufe, derweil er andere Fahrgäste kontrolliert. Meine Mutmaßung: Mich hat er aufgrund meines akzentfreien Sprechens nicht als Flüchtling eingeordnet, die Ukrainerin ohne Deutschkenntnisse aber schon.

Ähnliche Artikel