Osnabrück  Tatort „Das Verhör“: Mord aus blankem Hass auf Frauen?

Joachim Schmitz
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Von Joachim Schmitz
| 29.08.2022 14:42 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Lena Odenthal hält den Bundeswehr-Hauptmann Hans-Joachim Kessler (Götz Otto) für einen Frauenmörder, beißt sich im Verhör aber die Zähne an dem Soldaten aus. Foto: SWR/Benoit Lindner
Lena Odenthal hält den Bundeswehr-Hauptmann Hans-Joachim Kessler (Götz Otto) für einen Frauenmörder, beißt sich im Verhör aber die Zähne an dem Soldaten aus. Foto: SWR/Benoit Lindner
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Mit der sehenswerten Folge „Das Verhör“ kommt der Tatort heute Abend aus der Sommerpause. Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) versucht, einen Frauenmörder zu überführen.

Lass erstmal die Schweizer ran. Über viele Jahre war es beinahe ein ungeschriebenes Gesetz in der ARD-Programmplanung, dass der Tatort mit einer ohnehin nicht so zugkräftigen Folge aus der Schweiz die Sommerpause beendete - Ende August oder Anfang September, wenn die Menschen in Baden-Württemberg und Bayern noch Ferien hatten und die Erwartungen an die Quote allein schon deshalb heruntergeschraubt werden mussten. Ferien sind auch an diesem Wochenende noch in den beiden Südländern, aber bei der ARD hat sich etwas getan: Im letzten Jahr läutete eine Folge aus Frankfurt die neue Saison ein, nun ist es sogar Publikumsliebling Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), die mit „Das Verhör“ den Weg aus dem zehn Wochen tiefen Sommerloch weist.

Nach 47 Minuten in diesem Tatort fällt zum ersten Mal das Wort, um das es die ganze Zeit geht: Femizid. Ein Mord an einer Frau, nur weil sie eine Frau ist. Vorausgegangen ist das grausame Verbrechen an der erfolgreichen Investmentbankerin Ann-Kathrin Werfel. 

Nach einem abendlichen Geschäftsmeeting wird sie von einem Mann in Militäruniform an ihrem Auto abgepasst und im eigenen Wagen entführt. Am Rheinufer fesselt der Kidnapper sie an einen Baum, baut zu ihren Füßen eine Art Scheiterhaufen und erhitzt Benzin mit einem Tauchsieder. Gut anderthalb Stunden später steht die junge Frau in Flammen und verbrennt bei lebendigem Leib. Eine Hexenverbrennung?

Ein erster Verdacht gegen Werfels getrennt lebenden Ehemann, einen Handwerker, hat sich schnell erledigt - Patrick Werfel (Jonathan Müller) war zur Tatzeit mit dem THW in Österreich, wofür es zahlreiche Zeugen gibt. Dann aber rückt der Bundeswehr-Hauptmann Hans-Joachim Kessler (Götz Otto) ins Visier der Ermittler. Zunächst noch als Zeuge vorgeladen, gibt er sich bei seiner Befragung korrekt, süffisant, aber auch sonderbar unberührt vom Schicksal des Mordopfers. 

Spätestens als er Odenthals Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter) in die Hand beißt, während diese bei ihm einen Abstrich machen will, schwant den beiden Kommissarinnen, dass mit diesem Mann etwas nicht stimmt. „Ich spreche ungern mit der Ordonnanz“, kommentiert der sonderbare Offizier, der lieber von Odenthal befragt werden will. Dass auch noch Reifenspuren seines Wagens am Tatort gefunden wurden, macht ihn in den Augen der beiden Frauen zum einzig möglichen Täter. Nur was könnte sein Motiv sein? Blanker Hass auf Frauen?

Der sehenswerte Krimi von Stefan Dähnert (Buch) und Esther Wenger (Regie) kratzt zuweilen am Kammerspiel, ohne jedoch ein lupenreines zu sein. Ganz klar im Zentrum steht das stundenlange Verhör des Hauptmanns, der gerade erst mit stoischer Miene einen Anschiss seiner Vorgesetzten, Oberstleutnant Limbach (Katrin Röver), hat über sich ergehen lassen müssen und wegen dessen Zudringlichkeiten eine andere Frau die Truppe verlassen hat. Odenthal beißt sich mit ihrer Zermürbungstaktik die Zähne an dem spöttisch-überheblichen Mann aus, der immer wieder zu signalisieren scheint: Ich war’s, aber Ihr könnt mir nichts nachweisen.

Über eine Stunde lang ist „Das Verhör“ ein ausgesprochen starker Krimi, bevor er dann doch ein wenig überzieht und die Figuren überzeichnet. Doch allein das packende Duell zwischen Odenthal und dem nahezu körperliches Unwohlsein auslösenden Kessler lohnt das Einschalten.

Stark gespielt wird dieser Kotzbrocken vom 1,98-Meter-Mann Götz Otto, der 1997 als Schurke im James-Bond-Streifen „Der Morgen stirbt nie“ weltweit bekannt wurde und am 1. Mai diesen Jahres als Mörder im Franken-Tatort „Warum“ eine 25-jährige Abstinenz vom Lieblingskrimi der Deutschen beendete. In den letzten Jahren war es etwas ruhiger geworden um den 48-Jährigen, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit Ex-Nationalkeeper Jens Lehmann besitzt. Nun scheint ihm der Tatort neuen Aufwind zu bescheren.

Für den Tatort selbst bedeutet „Das Verhör“ auf jeden Fall einen starken Start in die neue Saison - auch weil er das lange unterbelichtete Thema Femizid in den Fokus eines großen Publikums rückt. Zwar führt das Bundeskriminalamt erst seit 2015 eine Statistik darüber, doch diese weist aus, dass jedes Jahr weit über 100 Männer in Deutschland eine Frau töten - im Jahr 2020 wurden 139 Fälle registriert, wobei fast immer die Partnerin oder Ex-Partnerin das Opfer war. Solange es noch Richter gibt, die im Zusammenhang mit versuchtem Mord, versuchter Brandstiftung, Nötigung und Sachbeschädigung von einem „Verbrechen aus Leidenschaft“ sprechen, bedarf es jeder Aufmerksamkeit.

Nächste Woche sind dann übrigens tatsächlich die Schweizer(innen) dran: Dann ermitteln Tessa Ott (Carol Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) in Zürich nach dem gewaltsamen Tod einer Anwältin.

Tatort: Das Verhör. Das Erste, Sonntag, 5. September 2022, 20.15 Uhr.

Wertung: 5 von 6 Sternen

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