Pflegepersonal wertschätzen  Wenn Chefärzte Betten beziehen – Pflegekräfte für einen Tag

Dorothee Hoppe
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Von Dorothee Hoppe
| 29.08.2022 14:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Dr. Thomas Günnewig (links) hilft Schwester Anke Kunze beim Verteilen der Frühstücks-Tabletts. Foto: Elisabeth Krankenhaus Recklinghausen/Kristina Schröder
Dr. Thomas Günnewig (links) hilft Schwester Anke Kunze beim Verteilen der Frühstücks-Tabletts. Foto: Elisabeth Krankenhaus Recklinghausen/Kristina Schröder
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Pflegekräfte leisten viel, dennoch fehlt es an Wertschätzung. Darauf machte vor Kurzem die Aktion „Chefärzte in der Pflege“ in Recklinghausen aufmerksam. Könnte es so etwas auch mal in Emden geben?

Emden/Recklinghausen - Die Wertschätzung von Pflegepersonal ist insbesondere seit der Corona-Pandemie ein Thema, das immer wieder aufkommt. Doch am Fenster zu stehen und zu klatschen reicht nicht.

Das Elisabeth Krankenhaus in Recklinghausen hat deswegen Anfang August eine besondere Aktion gestartet: „Chefärzte in der Pflege“. Für einen Tag war die gesamte Chefärzteschaft beim Pflegedienst im Einsatz. Wie lief das ab und könnte es so eine Aktion auch hier in der Emder Klinik geben?

Was und warum

Darum geht es: um die Recklinghäuser Aktion „Chefärzte in der Pflege“ und verschiedene Meinungen dazu

Vor allem interessant für: Menschen, die im medizinischen Bereich arbeiten, und Menschen, die schon mal im Krankenhaus waren

Deshalb berichten wir: Ein Krankenhaus im Ruhrgebiet hat einen Aktionstag veranstaltet, an dem die gesamte Chefärzteschaft für einen Tag beim Pflegedienst im Einsatz war.

Die Autorin erreichen Sie unter: d.hoppe@zgo.de

Wichtige Erkenntnisse

Nachdem die Pflegekräfte der Uni-Kliniken für bessere Arbeitsbedingungen streikten, hätten ihre Chefärzte auch ein Zeichen für ihre Kolleginnen und Kollegen aus der Pflege setzen wollen, erklärt Kristina Schröder, Pressesprecherin des Elisabeth Krankenhauses Recklinghausen: „Thomas Günnewig, Chefarzt der Geriatrie/Neurologie, kam auf die Idee, dass alle Chefärzte als Zeichen der Wertschätzung eine Schicht lang den Kittel gegen einen Kasack tauschen und in der Pflege mitarbeiten.“

Auch das Bettenbeziehen gehört dazu: Dr. Thomas Günnewig und Gesundheits- und Krankenpflegerin Anke Kunze packen gemeinsam an. Foto: Elisabeth Krankenhaus Recklinghausen/Kristina Schröder
Auch das Bettenbeziehen gehört dazu: Dr. Thomas Günnewig und Gesundheits- und Krankenpflegerin Anke Kunze packen gemeinsam an. Foto: Elisabeth Krankenhaus Recklinghausen/Kristina Schröder

Der Kasack ist die Kleidung, die die Pflegekräfte tragen. So kam es, dass am 9. August alle neun Chefärzte pünktlich zum Schichtbeginn um 6 Uhr vor Ort waren und im Kasack bis Schichtende auf den Stationen „bei allem mit angepackt haben, was anfiel: Patienten versorgen, Betten beziehen, Essen austeilen, Dokumentation, Fahrten zu Untersuchungen und und und“. Alle seien im Vorhinein gespannt gewesen, wie sich die Chefs anstellen würden.

Chefarzt: „Das ist eine ganz andere Nummer“

Während bei den erfahrenen Pflegekräften alle Handschläge sitzen, seien die Chefärzte in dieser Rolle ein bisschen unbeholfen gewesen. Außerdem wurde klar: Was die Pflege außerhalb der Visite leistet, das bekommen die Ärzte oft nicht mit. Das sei an dem Aktionstag anders gewesen. „Was nachher alles dokumentiert werden muss, ist überwältigend. Wir müssen als Ärzte auch dokumentieren, aber das ist eine ganz andere Nummer“, meint Dr. Ulrich Schneider, Chefarzt der Unfallchirurgie.

„Großen Respekt vor der Leistung der Pflege hatte ich immer schon. Manche Dinge sieht man jetzt klarer, auch wie wir Pflege noch unterstützen können.“ Diese Erkenntnisse wollen die Chefärzte besprechen und sehen, was sie tun können. Das Fazit falle durchweg positiv aus, teilt auch Sprecherin Schröder mit. „Es hat näher zusammengeschweißt. Ohne flache Hierarchien und das gute Miteinander im Haus wäre so eine Aktion sicherlich nicht möglich gewesen“, meint sie. Das Recklinghäuser Krankenhaus hoffe, dass es mit dieser Aktion auch in der Bevölkerung und der Politik mehr Aufmerksamkeit für die Pflege und ihre Bedürfnisse wecken konnte.

Dr. Ulrich Schneider hilft Gesundheits- und Krankenpflegerin Patricia Jankowiak beim Desinfizieren des Verbandswagens. Foto: Elisabeth Krankenhaus Recklinghausen/Kristina Schröder
Dr. Ulrich Schneider hilft Gesundheits- und Krankenpflegerin Patricia Jankowiak beim Desinfizieren des Verbandswagens. Foto: Elisabeth Krankenhaus Recklinghausen/Kristina Schröder

Das meint man in Emden dazu

Könnten sich andere Einrichtungen wie das Klinikum in Emden vorstellen, ebenfalls eine solche Aktion durchzuführen? Die Stationsleiterinnen Sabrina Schömbs und Sandra Harms halten die Aktion für eine tolle Idee, um den Pflegefachkräften Anerkennung und Wertschätzung gegenüber der täglich geleisteten Arbeit zu zeigen. „Die professionelle pflegerische Versorgung ist nicht selbstverständlich. Wir sind nicht selbstverständlich!“, betonen die Gesundheits- und Krankenpflegerinnen. Von einer solchen Aktion würde das gegenseitige Verständnis profitieren und die Zusammenarbeit zwischen Pflegekräften und Ärzteschaft gestärkt werden.

Im Klinikum Emden gibt es verschiedene Meinungen zu der Aktion. Foto: Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden
Im Klinikum Emden gibt es verschiedene Meinungen zu der Aktion. Foto: Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden

„Ein richtiges und wichtiges Signal!“, meint auch Dr. Jens Bräunlich, Direktor des Zentrums für Innere Medizin am Klinikum Emden. Auch Dr. Bernhard Scherger, Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie, findet die Aktion „gelungen“. Er meint: „Die Pflegekräfte haben mehr Anerkennung verdient als einen zeitlich begrenzten abendlichen Applaus auf den Balkonen unserer Städte. Es sind kreative Ideen gefragt, um der Bevölkerung die vielen schönen Seiten dieses Berufes, die es zweifellos gibt, nahezubringen, um junge Menschen für diese Tätigkeit zu begeistern.“

Ärzte: Es muss mehr passieren

Der Chefarzt der neurologischen Klinik sieht das etwas anders. „Selbstverständlich ist den Pflegekräften des Krankenhauses ein hohes Maß an Respekt für ihre Arbeit entgegenzubringen. Die dort bestehende Be- und auch Überlastung sehen – und spüren – wir täglich, auch ohne dass wir in die Rolle der Pflegenden schlüpfen müssen“, meint Prof. Dr. Thomas Büttner. Durch die enge Zusammenarbeit und den täglichen Austausch zwischen den Ärzten und Pflegekräften am Emder Klinikum seien diese Einsichten immer präsent, so dass „es eines solchen Aktionstages aus meiner Sicht wirklich nicht bedarf“.

Er ist der Meinung, man sollte einen anderen Weg finden, „das Problem in die Öffentlichkeit zu transportieren, zumal wir einen Personalmangel und eine Überlastung in ähnlicher Weise im ärztlichen Dienst haben“. Oliver Bungenstock, Pflegedirektor der Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden, bezeichnet die Aktion aus dem Ruhrgebiet als ein „weiteres und sicherlich auch gut gemeintes Zeichen der Wertschätzung für unsere Berufsgruppe“. Jedoch findet er, dass mehr passieren muss: „Bei den wesentlichen Entscheidungen auf politischer Ebene, die die Pflege betreffen, wird seit Jahrzehnten nicht mit der Pflege geredet. Hier ist die Politik aufgefordert, auf Bundesebene und auch auf der Landesebene etwas zu ändern und der Pflege ein entsprechendes Mandat zu ermöglichen.“

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