Erste Privatschule in Emden  Warum schickt Familie Arends ihre Kinder zur Privatschule?

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 26.08.2022 18:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Stefanie und Wilhelm Arends in ihrem Garten in Harsweg. In den vergangenen Wochen haben sie mitgeholfen, dass die Freie Schule Emden pünktlich zum Unterrichtsbeginn betriebsbereit geworden ist. Foto: Päschel
Stefanie und Wilhelm Arends in ihrem Garten in Harsweg. In den vergangenen Wochen haben sie mitgeholfen, dass die Freie Schule Emden pünktlich zum Unterrichtsbeginn betriebsbereit geworden ist. Foto: Päschel
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Leer hat eine, Aurich mehrere und jetzt auch Emden: kostenpflichtige Privatschulen. Was bringt offenbar immer mehr Eltern dazu, sich vom Regelschulbetrieb abzuwenden?

Emden - In dieser Woche hat in Niedersachsen das neue Schuljahr begonnen. An Samstag nimmt auch der jüngste Jahrgang die Arbeit auf – traditionell wird die Einschulung der Erstklässler an einem eigenen Tag zelebriert. Für einige Schülerinnen und Schüler und deren Lehrkräfte in Emden dürfte der Unterrichtsbeginn besonders aufregend sein. Denn mit „Meine Freie Schule Emden“ nimmt eine Bildungseinrichtung zum ersten Mal überhaupt den Lehrbetrieb auf. Es ist eine kostenpflichtige Privatschule, die erste in Emden.

Was und warum

Darum geht es: Schule, Bildung und die wachsende Bedeutung von Privatschulen auch in Ostfriesland

Vor allem interessant für: Eltern, Lehrer, Schüler und Verantwortliche von Schulen

Deshalb berichten wir: In Emden nimmt in dieser Woche mit dem neuen Schuljahr die erste Privatschule ihren Betrieb auf. Wir haben mit Eltern gesprochen, die ihre Kinder von einer Regelschule genommen haben, um sie an einer kostenpflichtigen freien Schule anzumelden.

Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

Zu den Pionieren gehört die Familie von Stefanie und Wilhelm Arends. Sie hat in den vergangenen Wochen tatkräftig mit angepackt, dass die Bildungseinrichtung rechtzeitig betriebsbereit wurde. Das Ehepaar aus Harsweg hat seine beiden schulpflichtigen Töchter von einer öffentlichen Grundschule abgemeldet, damit diese auf die neue Schule wechseln. Damit steht die Familie stellvertretend für eine Entwicklung, die sich auch in Ostfriesland immer stärker bemerkbar macht. Denn auch in den Landkreisen Aurich und Leer verzeichnen Privatschulen wachsenden Zulauf.

Plagt Sie ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Staat?

Stefanie Arends: Nein.

Wilhelm Arends: Wir nehmen ihm doch eigentlich nur etwas Arbeit ab. Indem zusätzliche Schulen aufmachen, werden die öffentlichen Schulen entlastet.

Bildung ist in Deutschland aber ureigenste Aufgabe des Staates. Man kann also auch sagen, dass Sie als Eltern, die Ihre Kinder an einer Privatschule anmelden, dem Staat etwas wegnehmen.

Stefanie Arends: Das mag so sein. Aber so lange sich an den Schulen nichts tut und immer noch wie vor vielen Jahrzehnten unterrichtet wird, wird es viele Eltern geben, die sich nach Alternativen umsehen. Für uns ist nur wichtig, dass wir unseren Kindern eine gute Bildung ermöglichen.

Haben Sie sich gegen eine Regel-Grundschule oder für eine Privatschule entschieden? Was hat überwogen?

Stefanie Arends: Wir haben uns für die Freie Schule entschieden. Die beiden würden ja auch auf einer Regelschule durchkommen, sie würden da keinen Schaden nehmen. Aber das Lernkonzept der Freien Schule klingt einfach überzeugender.

In welchem Punkt?

Wilhelm Arends: Zum Beispiel, dass die Kinder bis 15 Uhr betreut werden und die Hausaufgaben in der Schule machen. Wir sind beide berufstätig und darauf angewiesen.

Solche Angebote bieten Regelschulen ebenfalls...

Stefanie Arends: Ich finde es aber auch wichtig, dass Kinder Spaß am Lernen haben und alltagsnah lernen. Es ist ein Unterschied, ob ich Mathe nur im Klassenzimmer habe oder dass man als Klasse zusammen einkaufen geht und dabei ausrechnet, wie teuer es wird. So lassen sich die Zusammenhänge viel besser verstehen und nachvollziehen, wofür das Wissen wichtig ist. Der Vorteil an der Freien Schule ist, dass die Kinder sich besser einteilen können, wann sie was lernen.

Lehrer Reiner Riemann (von links), Schulgründerin Dr. Katharina Lühring und Marlene Helms (ebenfalls Lehrkraft) schauen aus einem der Fenster der Klassenräume der neuen Schule in Emden. Foto: Hanssen
Lehrer Reiner Riemann (von links), Schulgründerin Dr. Katharina Lühring und Marlene Helms (ebenfalls Lehrkraft) schauen aus einem der Fenster der Klassenräume der neuen Schule in Emden. Foto: Hanssen

Ein Argument zum Wechseln ist für viele Eltern die Aussicht auf deutlich kleinere Klassen. Wie ist das bei Ihnen?

Stefanie Arends: Es macht einen großen Unterschied! Bei unserer Tochter waren am Anfang 15 Schüler in der Klasse. Später kamen mehr dazu, irgendwann waren sie dann 20. Das ist ein Riesensprung gewesen, die Unruhe nimmt bei so vielen Schülern und unterschiedlichen Charakteren einfach zu. Ein einzelner Lehrer ist mit einer großen Klasse schnell überfordert. Gerade die schüchternen Kinder gehen da schnell unter.

Wie hat Ihr Umfeld auf Ihre Entscheidung reagiert?

Wilhelm Arends: Sehr gemischt.

Stefanie Arends: Es gibt positive Rückmeldungen. Es gibt aber auch Kritik, dass damit die Gesellschaft in zwei Klassen gespalten wird oder dass wir unsere Kinder überbehüten würden.

Wie sehen Sie es selbst?

Wilhelm Arends: Ich habe mit den Privatschulen kein Problem. In meinen Augen wird in staatlichen Schulen einfach zu wenig für die Kinder gemacht. Wenn es zusätzliche Angebote gibt, kann es die Situation in öffentlichen Schulen vielleicht sogar verbessern. Dann könnte es auch dort wieder kleinere Klassen geben.

Wie teuer wird der Schritt eigentlich für Sie?

Stefanie Arends: Knapp 300 Euro pro Monat für beide Kinder zusammen.

Wilhelm Arends: Man muss dazu sagen, dass wir bisher alleine 150 Euro monatlich für die Nachhilfe für eine der beiden bezahlt haben. Wir gehen davon aus, dass wir das jetzt nicht mehr brauchen. So gesehen, bleibt es für uns fast gleich.

Was ist ihr Plan B, wenn es mit der Freien Schule nichts werden und sie dort ebenfalls unzufrieden mit dem Unterrichtsalltag sein sollten?

Stefanie Arends: Ich glaube nicht, dass es so weit kommt.

Wilhelm Arends: Damit beschäftigen wir uns nicht. Wir verfolgen die Entwicklung schon länger, ob in Moormerland mit der FCSO (Freie Christliche Schule Ostfriesland; Anm. der Redaktion) oder in Aurich. Da läuft es auch. Warum sollte es in Emden anders sein? Maßgebend ist, dass in einer Schule alle hinter einer gemeinsamen Idee stehen und sich dafür einsetzen. Deswegen bin ich fest davon überzeugt, dass auch diese Schule ihren Weg gehen wird.

Und was passiert im Jahrgang fünf? Die Freie Schule Emden geht derzeit nur bis einschließlich der vierten Klasse. Schicken Sie Ihre Kinder dann zurück auf eine Regelschule?

Wilhelm Arends: Wenn es bis dahin keine Alternative für uns gibt, dann wird es so kommen. Aber wir werden alle Kraft einsetzen, dass die Schule wächst und sich weiterentwickelt. Ich denke, dass wir es schaffen werden und die beiden nicht mehr zurückwechseln müssen.

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