Berlin  Müssen wir ohne Putins Gas im Winter frieren, Herr Müller?

Tobias Schmidt
|
Von Tobias Schmidt
| 27.08.2022 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, in seinem Bonner Büro Foto: Rolf Vennenbernd / dpa
Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, in seinem Bonner Büro Foto: Rolf Vennenbernd / dpa
Artikel teilen:

Klaus Müller wird entscheiden, wem das Gas abgedreht wird, wenn im Winter die Speicher leer sind. Im Interview erklärt der Präsident der Bundesnetzagentur, wie das Horrorszenario noch abgewendet werden kann.

Ein Knackpunkt: Einer der größten Speicher im niedersächsischen Rehden ist „noch weit von den vorgeschriebenen Füllständen entfernt“, wie Müller sagt. Und auch die Sparbereitschaft der Privatverbraucher reiche noch nicht. Wer im Winter bei drohender Mangellage in der Sauna schwitze, der verhalte sich „grob unsolidarisch“, mahnt der Bundesnetzagentur-Präsident.

Das Interview im Wortlaut:

Frage: Herr Müller, die Gaspreise steigen wieder dramatisch. Trägt der Bund dazu bei, indem er auf Teufel komm raus Gas einkauft, um die Speicher zu füllen?

Antwort: Dafür dass der Marktgebietsverantwortliche THE durch seine Einkäufe für den Staat die Preise hochtreibt, sehen wir keine Anhaltspunkte, beobachten aber die Gasbörsen mit einem sehr kritischen Blick. Preistreiber Nummer 1 ist Russlands Präsident Wladimir Putin mit seiner Ankündigung einer „technischen Wartung“ von Nordstream 1 zum 31. August. Bislang kam nach jeder Wartung weniger Gas aus Russland, auch wenn es diesmal nicht so sein muss. Das entscheidet wohl nur Putin allein.

Frage: Eine Einkaufspause wäre zu riskant?

Antwort: Das ist eine schwierige Abwägung: Gehen wir ins Risiko, die Speicher jetzt nicht zu befüllen, und dann später zu womöglich noch höheren Preisen nachkaufen zu müssen? Oder riskieren wir eine Gasmangellage wegen nicht ausreichend gefüllter Speicher? Ein Viertel unserer Speicher, und dazu gehören ausgerechnet die größten, wie Rehden in Niedersachsen, sind trotz guter Fortschritte noch weit von den vorgeschriebenen Füllständen entfernt. Zudem handelt es sich um Porenspeicher, die ab einer bestimmten Füllmenge nur noch langsam weiter befüllt werden können. Da ich fest damit rechne, dass wir die Speicher im Winter benötigen werden, ist es aus meiner Sicht besser, sie jetzt zu füllen, auch wenn das sehr, sehr teuer ist. Eine Gasmangellage würde das Land viel teurer zu stehen kommen. Im September wird es aber zur planmäßigen Wartung von Rehden kommen, dann können wir ein paar Tage nicht weiter einspeichern.

Frage: Warum nicht die Atomkraftwerke länger nutzen, anstatt jetzt Gas für die Stromerzeugung zu verbrauchen?

Antwort: Es wird derzeit noch zu viel Gas verstromt, vor allem um Frankreich zu helfen, weil dort wegen der Probleme mit den dortigen Atomkraftwerken nicht genug Strom erzeugt werden kann. Atomkraft kann aber gegen eine Gasmangellage bei uns nicht helfen. Denn wir benötigen das Gas als Grundstoff in der chemischen Industrie und für die Kraft-Wärme-Kopplung, also zum Heizen. Für beides ist Atomstrom kein Ersatz. In den laufenden Stresstests geht es um die Frage, ob unsere Atomkraftwerke länger am Netz bleiben müssen, um im Winter Strombedarfe bei uns und in Europa zu decken. Das wird gerade von den Übertragungsnetzbetreibern sehr gründlich durchgerechnet. Dem werde ich nicht vorweggreifen.

Frage: Wie stehen die Chancen, die Krise ohne Gasmangellage zu überstehen?

Antwort: Bleiben die russischen Gaslieferungen bei 20 Prozent, und sparen Industrie und Privatkunden 20 Prozent ein, kann das gelingen, allerdings bei drei Bedingungen: Der Winter darf nicht besonders kalt werden. Wir können nicht so viel Gas wie üblich an die Nachbarländer weiterleiten, also darf es auch dort keine Gasmangellagen geben. Und um zwei Winter zu überstehen, benötigen wir zusätzliche Gasimporte. Dafür braucht es neben den von der Bundesregierung gecharterten LNG-Terminals auch die Anlagen, die die Privatwirtschaft zum Beispiel in Wilhelmshaven und Lubmin andocken will. Die Signale sind hoffnungsvoll. Wenn hierüber zusätzlich 10 bis 15 Gigawattstunden ins Land kommen, ja, dann könnten wir es hinkriegen. Und die erhebliche Einspeicherleistung, die die Bundesregierung ermöglicht hat, gibt uns einen Puffer, etwa um der Industrie eine gewisse Vorlaufzeit zu geben. Auch das Regelenergieprodukt kann eine Mangellage verzögern oder vermeiden, wenn die Unternehmen es freiwillig nutzen.

Frage: Aber wenn aus Russland bald weniger als 20 Prozent Gas fließen, kommt der Notstand?

Antwort: Wenn Putin nach der angekündigten Wartung den Gashahn noch weiter abdreht, müssen entweder noch mehr als 20 Prozent eingespart oder es muss noch mehr Gas von anderen Ländern aufgetrieben werden, um eine Gasmangellage abzuwenden.

Frage: Die gerade vom Kabinett beschlossene Sparverordnung von Wirtschaftsminister Robert Habeck wird dann nicht reichen?

Antwort: Niemand kann das Verhalten von Haushalten und Unternehmen vorhersagen. Die exorbitant hohen Preise allein zwingen uns schon zum Sparen. Schon jetzt bekommen wir unzählige Briefe, in denen uns Menschen ihre Not schildern, die Rechnungen zu bezahlen. Ich appelliere jedenfalls eindringlich an jeden und jede: Sparen Sie, wo sie können! Das hilft nicht nur dem eigenen Portemonnaie, das hilft auch, drastische Probleme bis hin zu Gasreduzierungen oder -abschaltungen in Industriezweigen abzuwenden. Wir wollen vermeiden, dass es soweit kommt.

Frage: Muss die Regierung nicht verhindern, dass Menschen im Winter in der Spa-Sauna fröhlich schwitzen, während wegen geschlossener Industrieanlagen Arbeiter ihre Jobs verlieren?

Antwort: Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Gasverbrauch im Freizeitbereich während des Winters angesichts der extrem hohen Energiepreise einfach weitergeht. In jedem Fall wäre das in einer Gasmangellage grob unsolidarisch. Eine Gasmangellage hätte dramatische Folgen für Arbeitsplätze, Betriebe, Produktion. Das muss jedem klar sein. Jobs und die Herstellung wichtiger Güter sollten uns in der Energiekrise wichtiger sein als persönliche Annehmlichkeiten.

Frage: Den Menschen ins Gewissen reden könnte nicht ausreichen…

Antwort: Es ist richtig, dass zum Beispiel Haushaltskunden besonders geschützt sind und vorrangig versorgt werden. Aber auch geschützte Kunden sollten in einer Gasmangellage nicht so viel Gas verbrauchen wie sie wollen. Ich gebe auch zu bedenken, dass in europäischen Nachbarländern längst zu härteren Maßnahmen gegriffen wird, um Gas einzusparen.

Frage: Braucht es nicht wenigstens rasch ein Heizpilzverbot für die Gastronomie?

Antwort: Es läuft immer auf das Gleiche hinaus: Wird im Winter nicht deutlich weniger Gas verbraucht, wird der Gasverbrauch in Unternehmen gekürzt und wir wollen nicht, dass Menschen ihren Job verlieren. Man kann über Waschlappen-Empfehlungen denken, was man will – der Kern der Sache ist sehr ernst. Es wird zwar viel über die hohen Preise diskutiert, aber manche denken offenbar, das Ganze habe nichts mit ihnen zu tun. Ich halte das für unangemessen, weil ich nicht will, dass die industrielle Substanz Deutschlands gefährdet wird. In fünf Wochen beginnt die Heizsaison. Jetzt ist der Zeitpunkt, um als Familie, mit dem Vermieter, als Hausbesitzer gründlich zu überlegen, wie es gelingen kann, mindestens 20 Prozent weniger Gas zu verbrauchen. Und wenn Russland noch weniger Gas an uns liefert, müssen die Sparanstrengungen noch verstärkt werden.

Frage: Die Industrie sagt, 20 Prozent seien schlicht nicht zu schaffen…

Antwort: Das sehe ich anders. Die Industrie hat bereits signifikant gegenüber den Vorjahren gespart und ihren Verbrauch um mehr als 20 Prozent reduziert. Nicht jedes Unternehmen gleichermaßen, aber in der Summe. Nicht nur durch technische Innovationen, sondern durch einen teils ganz harten Produktionsrückgang. Im Winter wird es dann zusätzlich auf die privaten Haushalte ankommen. Bei den sommerlichen Temperaturen im Moment können sie noch keinen großen Einsparbeitrag leisten, das wird sich aber ändern, wenn es kälter wird und wir die Heizungen aufdrehen.

Frage: Wie sieht das Szenario einer Gasmangellage ganz konkret aus?

Antwort: Wenn eine Region schon mehrere Tage weniger Gas erhält, schon auf die Speicher zurückgreifen musste, und dann noch eine knackige Kaltfront vorhergesagt wird, dann kann eine regionale Mangellage drohen. Zu erwarten wären dann dramatische Appelle von Landesregierung, Sportlern, Künstlerinnen oder Gewerkschaften, mal zwei Wochen richtig zu sparen. Unternehmen können das Regelenergieprodukt nutzen. Wenn auch das nicht hilft, wäre die Bundesnetzagentur – nach einer Entscheidung der Bundesregierung - gezwungen, bei einzelnen Unternehmen das Gas zu reduzieren oder abzudrehen.

Frage: Eine digitale Plattform soll berechnen, welche Schäden genau entstünden. Entscheidet am Ende ein Computer, wem der Hahn zugedreht wird?

Antwort: Nein, die Plattform, die am 1. Oktober an den Start geht, ist ein extrem sinnvolles Hilfsinstrument. Aber die Entscheidungen treffen Menschen in der Bundesnetzagentur.

Frage: Werden Sie ab Oktober rund um die Uhr vor der Plattform sitzen?

Antwort: Unser Krisenstab kann bei einer Gasmangellage an sieben Tagen die Woche 24 Stunden tagen.

Frage: Wann machen Sie Urlaub, nach Ende der nächsten Heizperiode?

Antwort: Das kann ich zurzeit noch nicht absehen.

Ähnliche Artikel