So erkennt man ihn frühzeitig  Mit dem Schlaganfall beginnt der Kampf ums Leben

Jens Schönig
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Von Jens Schönig
| 26.08.2022 16:16 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Bei einem Schlaganfall ist schnelle Hilfe unerlässlich. Foto: Roessler/dpa
Bei einem Schlaganfall ist schnelle Hilfe unerlässlich. Foto: Roessler/dpa
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Bei einem Schlaganfall kommt es auf jede Sekunde an, um das Leben des Betroffenen zu retten. Der Weg zurück in den Alltag ist jedoch oft schwierig.

Großefehn - An einem Dezembermorgen vor neun Jahren änderte sich das Leben von Ludger Osterkamp buchstäblich schlagartig. „Ich bin aufgewacht, mit Schwindelgefühl und Brechreiz, konnte kaum etwas sehen und nicht mehr laufen“, erinnert er sich. „Auf allen vieren habe ich mich zur Toilette geschleppt. Am Nachmittag kam eine Bekannte zu Besuch, die sofort einen Krankenwagen rief, als sie mich sah.“

Einen Schlaganfall rechtzeitig erkennen

Für Laien empfiehlt Büttner vier Maßnahmen zur Erkennung eines möglichen Schlaganfalls bei einem Betroffenen:

1. Die Person bitten, zu lächeln. Hängt ein Mundwinkel herab, deutet das auf eine halbseitige Lähmung hin.

2. Die Person bitten, die Arme nach vorne zu strecken und dabei die Handflächen nach oben zu drehen. Bei einer Lähmung können nicht beide Arme gehoben werden, ein Arm sinkt oder dreht sich.

3. Einen einfachen Satz nachsprechen lassen. Ist derjenige dazu nicht in der Lage oder klingt die Stimme verwaschen, liegt vermutlich eine Sprachstörung vor.

4. Unverzüglich den Notruf verständigen und die Symptome schildern.

Der Cartoonist Ralph Ruthe hat die wichtigsten Regeln zur Schlaganfall-Erkennung in dem Comic-Video „Lächeln, Sprechen, Arme hoch“ in Szene gesetzt.

Osterkamp hatte an diesem Morgen einen Schlaganfall erlitten. Der Krankenwagen brachte ihn in die Stroke Unit (Schlaganfall-Station) des Nordwest-Krankenhauses Sanderbusch. Auf seine Behandlung im Krankenhaus folgten insgesamt zwölf Wochen Rehabilitationsmaßnahmen. „Ich musste fast alles neu lernen“, sagt er heute. Das Sprechen ging gerade noch so, aber das Laufen gar nicht. Ich war neidisch auf andere Patienten, wenn sie vom Rollstuhl an den Rollator wechseln konnten, und ich war überglücklich, als ich es auch irgendwann konnte.“

Was passiert im Gehirn?

Der Schlaganfall, auch Hirnschlag genannt, ist eine plötzliche Durchblutungsstörung im Gehirn. Meist wird sie durch ein Blutgerinnsel ausgelöst, das eine Arterie im Gehirn verschließt. Wird der Schlaganfall nicht so schnell wie möglich ärztlich behandelt, sterben so viele Gehirnzellen ab, dass der Patient bleibende Schäden wie Lähmungen oder Sprachstörungen davonträgt oder sogar stirbt. Jedes Jahr erleiden rund 270.000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall. 80 Prozent der Betroffenen sind über 60 Jahre alt, doch auch junge Menschen, sogar Kinder, kann er treffen. Osterkamp war damals 48.

„Es wird geschätzt, dass bis 2035 die Häufigkeit von Schlaganfällen um etwa 30 Prozent zunehmen wird“, sagt Prof. Dr. Thomas Büttner, Chefarzt der Neurologischen Klinik im Klinikum Emden. „Ursachen sind die zunehmende Alterung der Bevölkerung und das zunehmende Vorkommen der Risikofaktoren des Schlaganfalls.“ Hauptrisikofaktor ist Bluthochdruck. Auch hohe Cholesterinwerte, Rauchen, Alkohol, Bewegungsmangel und Stress erhöhen das Risiko eines Schlaganfalls. In der Emder Klinik werden laut Büttner jährlich rund 1000 Schlaganfall-Patienten versorgt. „25 Prozent der Patienten sind jünger als 60, aber fast die Hälfte älter als 75 Jahre“, so Büttner.

Das Leben danach

Spätfolgen eines Schlaganfalls sind häufig Lähmungen sowie Bewegungs- und Sprachstörungen. Ludger Osterkamp kämpft bis heute mit Konzentrationsstörungen. „Nach einer Stunde werde ich fahrig und bin ziemlich platt“, sagt er. Außerdem leidet er an einer Hemiparese, einer schubweisen Lähmung des linken Arms, Schwindelgefühlen und gelegentlichen Krämpfen. Drei Jahre musste er mit den Behörden kämpfen, bis die eine Erwerbsminderung anerkannten. Ein häufiges Problem von Betroffenen, wie Osterkamp sagt.

2016 gründete Osterkamp eine Schlaganfall-Selbsthilfegruppe – damals noch in Esens. Heute treffen sich die Mitglieder in Großefehn. Sie tauschen sich aus über ihr Leiden, Therapien und mögliche Hilfen. „Aber das allein hält eine Gruppe nicht zusammen, die Leute wollen auch ein bisschen bespaßt werden“, sagt Osterkamp. „Deshalb machen wir auch mal Grillnachmittage oder eine Grünkohlwanderung. Man muss dann ja nicht unbedingt weit laufen.“ Solche Aktivitäten sind für viele Betroffene wichtig, um ein Stück Normalität zurückzuerlangen. „Mal herauszukommen ist für viele Betroffene ein Problem, sie schmoren mit ihrer eingeschränkten Mobilität oft zu Hause im eigenen Saft“, sagt Osterkamp. „Und in der Gruppe fühlt man sich mit seiner Behinderung nicht so beobachtet, wie allein unter Gesunden.“

Die Schlaganfall-Selbsthilfegruppe trifft sich jeden zweiten Donnerstag im Monat um 15.30 Uhr im Pfarrhaus hinter der Kirche Mittegroßefehn, Kirchstraße 13. Nächster Termin ist der 8. September.

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