Bremen  Dirigent Pablo Heras-Casado: Mit Bruckner nach Bayreuth?

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 26.08.2022 14:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Auf der Suche nach dem Originalklang-Bruckner: Dirigent Pablo Heras-Casado und das Originalklang-Orchester Anima Eterna Bruggge. Foto: Patric Leo
Auf der Suche nach dem Originalklang-Bruckner: Dirigent Pablo Heras-Casado und das Originalklang-Orchester Anima Eterna Bruggge. Foto: Patric Leo
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Der Dirigent Pablo Heras-Casado bewegt sich elegant zwischen den Welten der berühmtesten konventionellen Orchester und den Originalklang-Ensembles wie Anima Eterna aus Brügge. Beim Musikfest Bremen präsentierten Dirigent und Orchester ihre Sicht auf Anton Bruckners Siebte.

Im Bayreuther Festspielhaus spielt die historische Aufführungspraxis, sonst das gehätschelte Kind des Klassik-Geschäfts, keine Rolle. Zumindest auf den ersten Blick. Dirigent Pablo Heras-Casado, der dort nächstes Jahr die Neuproduktion des „Parsifal“ dirigiert, sagt nämlich, „das Bayreuther Festspielorchester pflegt eine Tradition, die bis 1876 zurückreicht“, bis zu den ersten Festspielen also. Angesichts dieser Tradition spielt es eine nachrangige Rolle, ob die Geigen mit Darm- oder modernen Stahlsaiten bespannt sind, ob moderne oder historische Flöten zum Einsatz kommen, eine große Tuba heutiger Bauart oder ein kleiner dimensioniertes Instrument. Entscheidend ist, da ist Heras-Casado überzeugt, das Wissen darum, wie die Musik artikuliert und phrasiert wird.

Das entspricht den musikalischen Gepflogenheiten: Nur punktuell hat sich die Originalklangbewegung ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts oder gar darüber hinaus gewagt. Heras-Casado unternimmt nun einen Versuch, den man durchaus auch als Annäherung an Wagner verstehen könnte: Mit dem Originalklang-Orchester Anima Eterna aus Brügge beginnt gerade eine Zusammenarbeit, in der sich Dirigent und Orchester mit den Sinfonien von Anton Bruckner befassen. Ein gewagtes Projekt?

Jedenfalls betreten beide Seiten Neuland: „Einige Musiker haben schon Bruckner gespielt, andere nicht“, sagt Heras-Casado vor dem Konzert beim Musikfest Bremen im großen Saal der Glocke. Und für ihn kam es einer Offenbarung gleich, Bruckners Musik im Klanggewand ihrer Entstehungszeit zu erleben. „Es herrscht eine größere Klarheit“, sagt der Dirigent, „die Strukturen werden durchhörbarer“, verspricht er vor dem Konzert. Wirklich?

Tatsächlich räumt die Aufführung mit einem Bruckner-Klischee auf, das da lautet: Wenn die Blechbläser anfangen, den Saal zum Zittern zu bringen, werden Geiger zu Musik-Pantomimen, die vergeblich gegen die klangliche Übermacht anspielen. Was hat Bruckner da komponiert, und vor allem: Warum hat er das geschrieben, wo man doch eh nichts hört?

Die eindeutige Antwort des Abends: Bruckner wusste sehr wohl, was er schrieb, nur das musikalische 20. Jahrhundert wollte lieber im gleißenden Orchesterklang erbeben, als die Musik durchzuhören. Posaunen, Hörner, Tuba und Trompete - ja, vor allem die Trompete - hatten ursprünglich nicht die strahlende Kraft, die wir heute kennen, und die alles andere in den Schatten drängt. Bei Anima Eterna treten Details zu Tage, die man gewöhnlich allenfalls erahnen kann.

Nicht alles gelingt an diesem Abend perfekt; Wackler hier, Kuddelmuddel dort gehören dazu. Außerdem scheint Heras-Casado manche Extreme zu scheuen: An die untere Grenze der Dynamik-Skala, dort wo sich der Klang mehr erahnen als hören lässt, wagt er sich nicht vor, und die Generalpausen, sonst gern Monumente der Stille in Bruckners Sinfonien, behandelt der Dirigent eher prosaisch. Das nimmt der Musik etwas von ihrer spirituellen Dimension - dabei ist das für Heras-Casado ein wesentliches Merkmal Bruckners, etwas, das der Dirigent bei Wagner nicht findet. Mit einer Ausnahme: im „Parsifal“.

Wagners letztes Werk sei weniger handlungsgetrieben als der „Ring“, sagt Heras-Casado. Im „Parsifal“ werde Wagner spirituell, ensteht eine Nähe zu Bruckner. Deshalb wäre es schon reizvoll zu erleben, wie sich der weiche Streicherklang, die duftig-dunklen Holzbläser, das runde Klangbild von Anima Eterna im Bayreuther Festspielhaus machen würde. Doch machen wir uns nichts vor: Das ist Zukunftsmusik. Den gegenwärtigen Stand der Dinge haben Anima Eterna und Pablo Heras-Casado in der Glocke präsentiert, ein neuer Weg zu Bruckner - und womöglich auch zu Wagner.

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