Vor 50 Jahren starb Lale Andersen  „Lili Marleen“ begleitete sie bis ins Grab

Werner Jürgens
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Von Werner Jürgens
| 27.08.2022 10:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
„Lili Marleen“ war ihr Schicksalslied: Lale Andersen bei einem Auftritt mit Orchester (undatiertes Archivfoto). Foto: DPA
„Lili Marleen“ war ihr Schicksalslied: Lale Andersen bei einem Auftritt mit Orchester (undatiertes Archivfoto). Foto: DPA
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Am 29. August 1972 starb Lale Andersen. Die Sängerin von „Lili Marleen“ hatte im Krieg auf Langeoog eine neue Heimat gefunden – weit weg von den Nazis, bei denen sie in Ungnade gefallen war.

Langeoog - Ein einziges Lied hat sie unsterblich gemacht. Jedoch bedeutete „Lili Marleen“ für ihre wohl bekannteste Interpretin Segen und Fluch zugleich. Vor 50 Jahren am 29. August 1972 starb Lale Andersen. Ihre Grabstätte ist auf der ostfriesischen Nordseeinsel Langeoog. Dort fand die Sängerin mit dem unverwechselbar rauen Timbre in der Stimme nach dem Zweiten Weltkrieg eine zweite Heimat.

Geboren wurde Lale Andersen am 23. März 1905 als Liese-Lotte Helene Berta Bunnenberg. Sie wuchs als Tochter eines Schiffsstewards im heute zu Bremerhaven gehörenden Lehe auf. 1922 heiratete sie den Maler Paul Ernst Wilcke, mit dem sie zwischen 1924 und 1929 drei Kinder bekam. Allerdings dachte die Mutter nicht daran, sich mit der Rolle des Heimchens am Herd zu begnügen. Sie nahm Gesangs- und Schauspielunterricht und verließ die Familie in Richtung Berlin. Ihre Ehe wurde daraufhin 1931 geschieden.

„Lili Marleen“ war erst ein Ladenhüter

Neben Engagements an renommierten Theatern in Berlin, Zürich und München, machte sich Liese-Lotte, die ab 1934 unter dem Pseudonym Lale Andersen firmierte, auf Kabarett- und Kleinkunstbühnen als Interpretin zeitgenössischen Schlager und Chansons einen Namen. Darüber hinaus wurde sie regelmäßig für Schallplattenaufnahmen engagiert.

So richtig verstanden hat Lale Andersen den Erfolg von „Lili Marleen“ nicht. Foto: Jürgens
So richtig verstanden hat Lale Andersen den Erfolg von „Lili Marleen“ nicht. Foto: Jürgens

„Lili Marleen“ sang Lale Andersen 1938 zunächst in einer dezent-getragenen Chanson-Fassung ein. Die weltberühmte Version mit der schmissigen Orchesterbegleitung entstand zwischen Ende Juli und Anfang August 1939 im Studio der Berliner „Electrola“, wobei sich der Ruhm nicht sofort einstellte. Denn zunächst stieß die Platte weder beim Rundfunk noch in den Geschäften auf nennenswertes Interesse. Mit gerade einmal 700 verkauften Exemplaren drohte sie zum Ladenhüter zu werden.

Soldaten brachten den Durchbruch

Der Popularitätsschub kam erst, als man im August 1941 bei Radio Belgrad beschloss, „Lili Marleen“ regelmäßig jeden Abend gegen 22 Uhr kurz vor Sendeschluss abzuspielen. Da sich die Reichweite des Soldatensenders vom Polarkreis in Norwegen bis hin nach Nordafrika erstreckte, hatte die Station schätzungsweise sechs Millionen Hörer; und zwar auf beiden Seiten der Fronten.

Nicht bloß die Deutschen, sondern auch die Alliierten fanden Gefallen an dem trotz Marsch-Rhythmus nach wie vor melancholisch anmutenden Lied über das Mädchen und den Wachposten, die an der Laterne vor der Kaserne voneinander Abschied nehmen und auf ein schnelles Wiedersehen hoffen.

Den Nazis passte das Lied nicht

Der NS-Obrigkeit fernab der Front passten solche Sentimentalitäten bald nicht mehr ins Konzept. Nach dem Desaster von Stalingrad im Winter 1942/43 und wachsender Kriegsmüdigkeit wurde „Lili Marleen“ wegen des „morbiden und depressiven“ Textes aus dem Rundfunk verbannt.

Ein ähnliches Auf und Ab wie das Lied erlebte auch dessen Interpretin. Erst zum gefeierten Star hochgejubelt und 1942 mit einer Rolle in einem Kinofilm belohnt, fiel Lale Andersen anschließend beim NS-Regime zunehmend in Ungnade. Schuld daran waren vor allem ihre engen Kontakte zu Schweizer Emigranten. Außerdem weigert sie sich, das Warschauer Ghetto zu besuchen.

Gerüchte nach Selbstmordversuch

Als der Druck stetig unerträglicher wurde, schluckte Lale Andersen im Herbst 1942 eine Überdosis Schlaftabletten. Obwohl sie überlebte, meldete die BBC „Lili Marleen“ hätte Selbstmord begangen, um sich dem Konzentrationslager zu entziehen. Anderen Quellen zufolge verkündete der britische Radiosender gar, Lale Andersen wäre bereits in ein KZ eingewiesen worden und sei dort verstorben.

So oder so sah sich NS-Propagandaminister Joseph Goebbels zu einem Dementi genötigt. Eine unter Umständen tatsächlich geplante Einweisung in ein Konzentrationslager hatte sich damit für die Sängerin glücklicherweise vorerst erledigt. Sie erhielt lediglich ein Auftrittsverbot, das im Mai 1943 etwas gelockert wurde. „Lili Marleen“ zu singen, blieb ihr aber strikt untersagt.

Flucht auf die Insel

Der Einladung eines Freundes folgend machten sich Lale Andersen und ihr jüngster Sohn Michael im September 1944 gemeinsam auf den Weg nach Langeoog. Mit seinen 14 Jahren zählte der Filius zum Kreise jener Kandidaten, denen auf den letzten Drücker eine Einberufung zum Militär drohte. Auf der verschlafenen ostfriesischen Insel wähnte die Mutter sich und ihr Kind in Sicherheit und behielt recht. Beide überlebten das Ende des Krieges unbeschadet.

Langeoog wurde von britisch-kanadischen Truppen besetzt. Viele von ihnen kannten und liebten das Lied vom Wachposten und seinem Mädchen. Deswegen staunten die Soldaten nicht schlecht, als sie ausgerechnet in der Einöde einer kleinen ostfriesischen Insel auf die leibhaftige „Lili Marleen“ stießen.

Immer wieder „Lili Marleen“

Daran, dass man sie mit der Protagonistin ihres Hits identifizierte und gleichsetzte, musste sich die Sängerin fortan gewöhnen. Häufig wurde sie als „Lili Marleen“ angekündigt, was sie mit gemischten Gefühlen betrachtete. Lale Andersen sah sich in erster Linie als eine seriöse Chanson-Interpretin und sie versuchte dem längst auch als Texterin Rechnung zu tragen. Unter dem Pseudonym Nicola Wilke verfasste sie deutsche Adaptionen für anspruchsvolle internationale Evergreens wie zum Beispiel „Bésame mucho“, „Sunset Boulevard“ oder „La vie en rose“.

Eine Bronze-Statue wurde 2005 zum 100. Geburtstag der Sängerin auf der Insel aufgestellt. Foto: Jürgens
Eine Bronze-Statue wurde 2005 zum 100. Geburtstag der Sängerin auf der Insel aufgestellt. Foto: Jürgens

Allein fiel die Resonanz darauf recht bescheiden aus im Vergleich zu dem Wirbel, der nach wie vor um „Lili Marleen“ veranstaltet wurde. Die heimische Unterhaltungsindustrie ließ nichts unversucht, um durch eine breitgefächerte Vermarktung auf Schallplatte oder in Film und Rundfunk möglichst viel Kapital aus der Popularität des Liedes zu schlagen. Lale Andersen musste den Titel ständig neu einsingen, damit der Absatz der Tonträger immer wieder angekurbelt werden konnte. Auf der Bühne gehörte „Lili Marleen“ für sie ohnehin zum Pflichtprogramm. Und die Sängerin durfte sich glücklich schätzen, wenn sie ihren Hit lediglich zwei oder drei Mal an einem Abend zu anzustimmen brauchte.

Ein Lied für die Fischer von Langeoog

Unterdessen fielen andere mindestens ebenso hörenswerte Facetten ihres Repertoires oft unter den Tisch. Außer Chansons und Brecht-Interpretationen betraf das eine Reihe von Liedern rund um ihre neue Wahlheimat Langeoog. Dort besaß Lale Andersen inzwischen ein kleines Häuschen, in das sie sich vom Tournee-Stress zurückziehen konnte. Mit „Die Fischer von Langeoog“ hatte sie die Insel bereits 1949 in einem von ihr getexteten Schlager gewürdigt. Die Musik stammte von dem Schweizer Komponisten Hans Beul, den Lale Andersen 1949 geheiratet hatte. 1958 besang sie „Jan von Norderney“ und gewann einen Norderney-Lied-Wettbewerb.

Mit dem Schweizer Schlagerkomponisten Artur Bleul war Lale Andersen verheiratet. Das Foto entstand 1949 bei der Hochzeit in Zollikon bei Zürich. Archivfoto: DPA
Mit dem Schweizer Schlagerkomponisten Artur Bleul war Lale Andersen verheiratet. Das Foto entstand 1949 bei der Hochzeit in Zollikon bei Zürich. Archivfoto: DPA

Zwischen 1959 und 1961 veröffentlichte Lale Andersen diverse plattdeutsche Volkslieder auf Schallplatte. Überregional brachte solcher Lokalkolorit indes kaum zählbaren Erfolg. Die deutsche Hitparade der 1950er und frühen 1960er Jahre wurde von Fernweh à la Caprifischer oder „Weiße Rosen aus Athen“ dominiert.

Endllich wieder ein Hit

Genau das bediente „Ein Schiff wird kommen“, die deutsche Version des 1960 mit einem „Oscar“ prämierten Titelsongs aus dem griechischen Kinofilm „Sonntags… nie!“ Lale Andersen schaffte mit ihrer Interpretation dieses Liedes nach langer Durststrecke endlich wieder einen großen Hit.

Bis kurz vor der Jahreswende 1960/1961 stand sie zehn Wochen auf Platz eins der Hitparade, verkaufte weltweit über ein Million Tonträger und wurde von Radio Luxemburg mit einem „Silbernen Löwen“ zur beliebtesten deutschen Schlagersängerin gekürt. 1961 gewann Lale Andersen den Vorentscheid zum Eurovision Song Contest und vertrat Deutschland beim Finale im französischen Cannes.

Auftritte in großen US-Shows

Die neu gewonnene Popularität bescherte der Künstlerin eine verstärkte Präsenz im Fernsehen. Und die wollte sie ganz offensichtlich nutzen, um ihr plattdeutsches Repertoire in den Fokus zu rücken. Jedenfalls zeigte sich die Wahl-Ostfriesin sehr darum bemüht, in beliebten Unterhaltungssendungen wie „Musik aus Studio B.“, „Haifischbar“ oder „Die Aktuelle Schaubude“ Plattdeutsch singen zu dürfen.

Auch in verschiedenen amerikanischen TV-Shows, in denen sie Mitte der 60er Jahre während einer USA-Tournee zu Gast ist (unter anderem beim legendären Talk-Master Johnny Carson), präsentierte „The Original Singer of Lili Marlen“ Kostproben ihres plattdeutschen Liedguts.

Filmteams kamen auf die Insel

Zudem betrieb sie ausgiebig mediale Imagepflege für ihre Wahlheimat. 1968 entstand auf Langeoog ein Werbespot für die Fernsehlotterie „Ein Platz an der Sonne“ mit Lale Andersen in der Hauptrolle. 1969 kamen zuerst ein Kamerateam des ZDF und dann eines von der BBC auf die ostfriesische Insel, um „Lili Marleen“ zu filmen.

In diesem Haus hat die Sängerin auf Langeoog gewohnt. Foto: Jürgens
In diesem Haus hat die Sängerin auf Langeoog gewohnt. Foto: Jürgens

Im selben Jahr drehte Regisseur Truck Branss ein Fernseh-Porträt mit den Titel „Lale Andersen singt Lieder ihrer Heimat“ und gestattete der Künstlerin darin, acht ihrer plattdeutschen Lieder darzubieten. Die süddeutschen ARD-Programmchefs reagierten allerdings nicht übermäßig begeistert. Weil ihnen zu viel Plattdeutsch gesprochen wurde, verbannten sie die Sendung vom ursprünglich vorgesehenen Abendtermin ins wesentlich unattraktivere Nachmittagsprogramm.

Bei der Beerdigung erklang „Lili Marleen“

Im Endeffekt vollzog sich in Funk und Fernsehen eine ähnliche Prozedur wie auf der Bühne. Nachdem die plattdeutsche Folklore und die Chansons irgendwo unter ferner liefen abgehakt worden waren, blieb Lale Andersen letztlich nichts anderes übrig, als klein beizugeben und ihr „Lili Marleen“ anzustimmen, so wie am 12. August 1972 in der Sendung „Die Aktuelle Schaubude“. Das war ihr letzter Auftritt im Fernsehen.

Das Grab der Künstlerin auf Langeoog. Foto: DPA
Das Grab der Künstlerin auf Langeoog. Foto: DPA

Gut zwei Wochen später am 29. August 1972 starb Lale Andersen in Wien an den Folgen eines Leberkrebsleiden. Sie wurde eingeäschert und ihre sterblichen Überreste wurden nach Langeoog überführt, und zwar mit einem Schiff, das sie zwei Monate vor ihrem Tod höchst persönlich getauft hatte, natürlich auf den Namen „Lili Marleen.“ Die Melodie des Liedes erklang noch einmal für sie während der Beisetzung auf dem Dünenfriedhof, obwohl sich die Verstorbene das in einer schriftlichen Verfügung angeblich ausdrücklich verbeten haben soll.

Richtig verstanden hat sie den „Hype“ um ihren Hit sowieso nie. Lale Andersen selbst hielt weder ihre Interpretation von „Lili Marleen“ noch das Lied an sich für sonderlich herausragend. Millionen Menschen in aller Welt sahen und sehen das sicherlich ein bisschen anders.

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