Rostock Trugen die lokalen Medien zu den rassistischen Gewaltexzessen bei?
Als in Lichtenhagen 1992 das Sonnenblumenhaus brannte, gingen dem Ereignis monatelange Diskussionen über den Umgang mit den dort lebenden Menschen voraus. In teils erschreckenden Worten berichteten auch die lokalen Medien darüber – und bedienten sich haarsträubender Vorurteile.
25. August 1992: Der Höhepunkt der Lichtenhäger Pogromnächte ist überschritten, langsam übernimmt die Polizei im Nordwesten wieder die Kontrolle über das Geschehen. Zur Mittagszeit stürmen zehn bis 15 junge Menschen in die damalige Redaktion der Lokalzeitung „Norddeutschen Neuesten Nachrichten“ (NNN) in der Kröpeliner Straße. Sie verteilen rote Farbe und Müll in den Räumen.
Am 26. August berichten die NNN in einem kleinen Text von dem Vorfall. Der Überfall habe der Berichterstattung rund um die Zast gegolten, heißt es. Die Redaktion verteidigt sich, lässt aber auch die Angreifer mit einer Erklärung zu Wort kommen: „Die anhaltenden Pogrome gegen Flüchtlinge werden als natürliche Reaktion auf das Fehlverhalten der Flüchtlinge dargestellt, die Täter-Opfer-Beziehung völlig auf den Kopf gestellt“, begründen die Jugendlichen den Überfall. Der NNN-Artikel vermutet auch Ausländer hinter der Tat. Zwei Mitarbeiterinnen wurden durch die Tat leicht verletzt.
30 Jahre später beschäftigen die Ereignisse in Lichtenhagen Redaktionen in ganz Deutschland. Als Lokalzeitung müssen sich die NNN aber besonders die Frage stellen, welche Rolle die damalige Berichterstattung bei den Gewaltexzessen spielte. Trifft die Kritik damals wie heute zu, dass die Berichterstattung den Weg zum Pogrom bereitet hat?
19. August 1992: Wenige Tage, bevor Brandsätze auf das Sonnenblumenhaus in Lichtenhagen fliegen, beginnen die NNN einen Artikel mit dem direkten Zitat eines anonymen Anrufers: „Wenn die Stadt nicht bis Ende der Woche in Lichtenhagen für Ordnung sorgt, dann machen wir das. Und zwar auf unsere Weise.“ Drei Tage später kommt es zu den ersten Krawallen an der damaligen Zentralen Aufnahmestelle (Zast) für Asylbewerber im Nordwesten der Hansestadt.
Reiner Frank, damals NNN-Wirtschaftsredakteur, erinnert sich: „Dem Gros der Redaktion erschien der Artikel damals eigentlich unverfänglich und er war vom Verfasser offenbar als Warnung gedacht. Es gab aber auch kritische Stimmen.“ So seine Wahrnehmung. Schließlich wurde er der Zeitung – unter anderem von den späteren Angreifern – jedoch als Aufruf zum Pogrom ausgelegt. Weiter heißt es in dem Text: „Offenbar am Ende ihrer Geduld und enttäuscht von der Asylpolitik des Senates, versuchen jetzt einige Aktivisten das Heft in die Hand zu nehmen“, wie der damalige NNN-Redakteur Ulrich Ben Vetter schrieb.
Die Wissenschaftlerin Merle Stöver, die zuletzt rund um das Pogrom forschte, bezeichnet diesen Artikel als „größten Fehler, den die NNN gemacht haben“. Sie kritisiert, dass die Aussagen nicht eingeordnet wurden. „Erst wird die Drohung der selbst ernannten Interessensgemeinschaft Lichtenhagen abgedruckt, dann wird geschrieben, warum das berechtigt sei“, sagt sie. Die Berlinerin hat vor allem die Rolle von Antiziganismus im Zusammenhang mit den Lichtenhagen-Ereignissen untersucht – also dem Rassismus gegenüber Sinti und Roma.
Doch auch die Berichte der NNN und der Ostsee-Zeitung rund um die Gewaltexzesse hat sie untersucht. In ihnen drücke sich eine weitverbreitete Diskriminierung von Sinti und Roma aus, sagt sie. Denn bis heute beherrschen häufig Stereotype das Bild der Minderheit.
Und genau jene Vorurteile bedienten auch die NNN im Jahre 1992. In einem Artikel mit dem Titel „Möwengrillen in einer Einraumwohnung“ war von einer „völlig fremden Lebensart“ der Asylbewerber aus Rumänien die Rede: „bettelnde Kinder und Frauen vor dem Supermarkt, trinkende und schlafende Männer Tag und Nacht auf der völlig verdreckten Wiese“. Laut Merle Stöver ist das symptomatisch für Antiziganismus. Mit Roma werde stets das assoziiert, was in unserer Gesellschaft als unanständig gilt.
Die Berichte passen in die gängigen Vorurteile. Doch, wie Merle Stöver betont: „Die Menschen aus Rumänien lebten unter Umständen, in denen ein anderes Verhalten kaum möglich war.“ So hatte die Zast zwischendurch massive organisatorische Probleme, weshalb es zu einem zwischenzeitlichen Stau vor dem Haus kam, der die Menschen zwang, im Freien zu verharren. Genau diese Umstände wurden, so Stöver, nicht in den Artikeln reflektiert. So auch die politischen Entscheidungen, dass keine Toiletten aufgestellt wurden, oder keine größere Unterkunft bereitgestellt wurde.
Ein anderer NNN-Bericht aus dem August 1992 macht erneut fassbar, welche Vorurteile seinerzeit zum Tragen kamen. „Wo immer Gebäude oder Freiflächen für die Unterbringung von Ausländern genutzt werden sollen, entstehen Bürgerproteste. Nicht nur unberechtigt ist das Leben mit Roma doch tatsächlich schwierig“, hieß es etwa am 12. August.
„Zwischen Roma und anderen Ausländern wurde stets ein Unterschied gemacht“, weiß Stöver. Etwa wurden die vietnamesischen Vertragsarbeiter meist als fleißig, die bosnischen Kriegsflüchtlinge als legitime Asylbewerber gesehen. Nur bei Roma habe wohl ein Gefühl vorgeherrscht, dass hier „alles gesagt werden kann“, so die Wissenschaftlerin. Auch in den NNN. In ihren Nachforschungen ist sie außerdem auf zahlreiche veröffentlichte Leserbriefe gestoßen, die sie als rassistisch und gewaltandrohend einordnet.
So lautet ihr Fazit: „Die NNN haben sich zum Sprachrohr von antiziganistischen Gerüchten gemacht.“ Politisches Versagen wurde auf Roma übertragen – und dann von den Lokalzeitungen abgedruckt.
Denn auch die Rostocker Ostseezeitung brachte damals immer wieder Artikel dieser Art. Einen elementaren Unterschied zwischen beiden lokalen Zeitungen in der Berichterstattung kann Stöver nicht erkennen. Seit 2017 steht vor dem Haus der ehemaligen SED-Parteizeitung eine Gedenkstele zur Erinnerung an die damaligen Ereignisse – und den Medien zur Mahnung.