Osnabrück Es braucht endlich eine neutrale Vermittlungsinitiative
Bislang ist es Russland nicht gelungen, die Ukraine zu unterjochen. Westliche Waffen halten die Verteidiger im Spiel und den Krieg in der Schwebe - nicht ausgeschlossen, dass die gefährlichste Phase noch kommt.
Der Stichtag des russischen Überfalls auf die Ukraine vor sechs Monaten ist verstrichen, die Unabhängigkeitsfeierlichkeiten Kiews sind vorbei - nun geht der Krieg in eine neue Runde. Mit dem Beschuss eines Bahnhofs durch russische Truppen und der Aufstockung der Armee um mehr als 100.000 Soldaten hat Moskau unmissverständlich zum Ausdruck gebracht: Von einer Waffenruhe ist man weiter entfernt denn je.
Keine der Parteien hat derzeit offenbar wirkliches Interesse an einem Ende der Kämpfe. Russlands Präsident Wladimir Putin träumt weiter von der Unterjochung des Nachbarlandes, sein ukrainischer Amtskollege Wolodymyr Selenskyj von der Rückeroberung der Krim.
Auch der Westen richtet sich auf einen dauerhaften Krieg ein. So liefern die USA weiteres militärisches Gerät im Wert von fast drei Milliarden Dollar; dies helfe der Ukraine, sich lange zu verteidigen, hieß es in Washington. Und auch Bundeskanzler Olaf Scholz hat angekündigt, Kiew mit mehr Waffen zu unterstützen - sie würden maßgeblich jedoch erst 2023 geliefert.
So bleibt der Krieg vorerst in einem elenden Schwebezustand. Nicht ausgeschlossen, dass die gefährlichste Phase erst noch kommt. In den Scharmützeln rund um das Atomkraftwerk Saporischschja spiegelt sich dieses Risiko wider.
Davon auszugehen, dass Putin seine Truppen angesichts der anhaltend heftigen Gegenwehr der Verteidiger in naher Zukunft einfach so zurück zieht und sich an den Verhandlungstisch begibt, wäre naiv. Diesen Gefallen wird der Kreml-Chef dem Westen nicht tun. Dazu sind auch die Sanktionen in ihren Auswirkungen noch längst nicht drastisch genug.
So logisch es erscheinen mag, Russlands Präsidenten Wladimir Putin international kaltzustellen, so unstrittig ist, dass man eher über kurz als über lang wieder mit ihm wird sprechen müssen, um diesen Krieg zu beenden. Es wird Zeit für eine echte neutrale Vermittlungsinitiative - oder will man wirklich warten, bis eine Seite kapituliert?