Tierheim Aurich schildert Notfall  Neun Katzen hausten in verdreckter Wohnung

Marion Luppen
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Von Marion Luppen
| 24.08.2022 16:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Katze Tonja ist trächtig. Sie wird ihre Jungen im Tierheim zur Welt bringen. Bis vergangene Woche lebte sie in einer verdreckten Wohnung in Großefehn. Fotos: Ortgies
Die Katze Tonja ist trächtig. Sie wird ihre Jungen im Tierheim zur Welt bringen. Bis vergangene Woche lebte sie in einer verdreckten Wohnung in Großefehn. Fotos: Ortgies
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Tag für Tag erreichen das Tierheim Aurich Anfragen von Hilfsbedürftigen. Ein Fall aus Großefehn war so krass, dass die Tierschützer dringend handeln mussten. Nun brauchen sie selbst Hilfe.

Aurich/Großefehn - Neun Katzen hausen in einer verdreckten Wohnung, sind voller Parasiten, müssen sich zwei Katzentoiletten teilen, und um die Futternäpfe schwirren Fliegen: Ein aktueller Tierschutzfall aus Großefehn hält das Tierheim Aurich in Atem. Ende vergangener Woche bat ein junger Mann das Tierheim per E-Mail um Hilfe. Er müsse umziehen, und in der neuen Wohnung dürfe man keine Katzen halten. Nun wisse er nicht weiter.

Ein Team von Tierschützern machte sich umgehend auf den Weg, um vor Ort zu helfen, doch schnell stand für Tierheimleiterin Andrea Kerzel fest: „Das ist ein unhaltbarer Zustand. Die Katzen müssen hier raus.“ Einen solch krassen Fall von Verflohung habe sie noch nie gesehen, sagt die 55-Jährige, die sich seit mehr als 30 Jahren im Tierschutz engagiert. „Einmal mit dem Kamm rein, und man hatte Hunderte Flöhe.“ Sie zeigt ein Foto mit ertränkten Flöhen in einem Wassernapf. Die Wasseroberfläche ist voller schwarzer Punkte.

Zwei Welpen überlebten nicht

Dem jungen Mann sei nicht bewusst gewesen, dass diese Art der Tierhaltung problematisch ist, sagt Kerzel. Er sei zum Glück freundlich und kooperativ gewesen. Da er das Tierheim von sich aus um Hilfe gebeten habe, konnten die Tierschützer aktiv werden, ohne dass die Polizei oder das Veterinäramt einschreiten mussten. In den meisten Fällen fliege so etwas auf, weil sich Nachbarn beschweren. Dann folge ein langes behördliches Tauziehen.

Markus Janssen engagiert sich im Tierschutzverein Aurich und Umgebung. Er hält die Katze Flower mit ihrem Sohn Onion. Onions Geschwister haben nicht überlebt.
Markus Janssen engagiert sich im Tierschutzverein Aurich und Umgebung. Er hält die Katze Flower mit ihrem Sohn Onion. Onions Geschwister haben nicht überlebt.

Nicht so in dem Fall aus Großefehn. Das Tierheim nahm zwei erwachsene Katzen, Mutter und Tochter, und sechs Junge mit. Zwei der Katzenwelpen waren so geschwächt, dass sie sofort zum Tierarzt mussten und an den Tropf kamen. Überlebt haben sie trotzdem nicht. Die anderen wohnen nun im Tierheim in Sandhorst und warten auf Vermittlung.

„Wir haben nur drei Räume“

Die ältere der beiden erwachsenen Katzen ist trächtig. Sie hat einen abgetrennten Raum bekommen, weil sie jeden Augenblick Nachwuchs erwartet und Ruhe braucht. Auch die anderen Katzen aus Großefehn durften wegen des starken Flohbefalls nicht zu den 28 bereits vorhandenen. „Wir haben nur drei Räume“, sagt Kerzel. Daher sei so etwas eine logistische Herausforderung. Ohne die sechs festen Pflegestellen würde es nicht funktionieren. Pflegestellen sind Privathaushalte, die Katzen vorübergehend in Pflege nehmen, bis sie vermittelt sind.

Momentan gebe es im Tierheim mehr Zu- als Abgänge, sagt Kerzel. Täglich kämen neue Anfragen. „Man hilft einem und kann 100 anderen nicht helfen. Wir können nicht jede Katze aufnehmen.“ Sie appelliert an Katzenhalter, ihre Tiere kastrieren zu lassen. Wer Verantwortungsbewusstsein habe, tue das. Bei manchen scheitere es am Geld, bei anderen schlicht an Unwissenheit oder Dummheit. „Die sagen: Meine Katze muss nicht kastriert werden, ich habe alles im Griff.“ Was dann passiert, sieht man an dem Beispiel aus Großefehn.

Brennholz gegen Spende

Dieser Fall ist für das Tierheim mit enormen Kosten verbunden. Tierarzt, Medikamente, Futter und so weiter verschlingen rund 200 Euro pro Katze, schätzt Kerzel. „Die erstattet uns niemand.“ Der junge Mann selbst habe keinen Job und könne höchstens minimale Beträge beisteuern. Außerdem gehe wegen der Inflation die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung zurück. Das Tierheim, das vom Tierschutzverein Aurich und Umgebung getragen wird, bittet daher dringend um Spenden für die Katzen aus Großefehn (Bankverbindung auf der Homepage). Als besondere Aktion für diese Tiere gibt das Tierheim gegen eine Spende Brennholz an Selbstabholer ab. Das Holz stammt aus einem Sturmschaden. Neben dem Tierheim waren Bäume umgeknickt.

Diese beiden Katzenbabys aus Großefehn warten im Tierheim Aurich auf Vermittlung.
Diese beiden Katzenbabys aus Großefehn warten im Tierheim Aurich auf Vermittlung.

Fälle von Animal Hording, dem krankhaften Sammeln von Tieren, machen immer wieder Schlagzeilen. Der Landkreis Aurich hat allerdings im vergangenen Jahr keinen einzigen Fall verzeichnet, wie Pressesprecher Rainer Müller-Gummels mitteilt. Das gemeinsame Veterinäramt der Landkreise Wittmund, Friesland, Wesermarsch und der Stadt Wilhelmshaven berichtete kürzlich, dass man es in solchen Fällen meist mit überforderten oder psychisch kranken Menschen zu tun habe. So hielt eine Frau in Wilhelmshaven 16 Katzen. Manchmal sei der letzte Ausweg ein Tierhaltungsverbot. Auch das Tierheim Aurich hat sich von dem jungen Mann aus Großefehn vertraglich zusichern lassen, dass er keine Tiere mehr halten wird. Sollte er sich nicht daran halten, will Kerzel rechtliche Schritte einleiten.

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