Osnabrück Cam-Shaming: Netiquette für die Videokonferenz
Neue Wörter: In der Sprachkolumne „Wortklauber“ geht es um Trendbegriffe, die gute Chancen haben, bald im Duden zu stehen. Wer kennt sie? Das Wort heute: Cam-Shaming.
Leben wir in schamlosen Zeiten? Dieser Eindruck ist nicht neu. Das kam den Zeitgenossen zu allen Zeiten genauso vor. Immer waren es Anstand und Betragen, die angeblich verloren gegangen waren. Wer sie finden wollte, musste in die Vergangenheit schauen oder sich an dem guten Beispiel der Wenigen freuen, die noch wissen, was sich gehört. Dabei sind die Regeln für gutes Betragen ebenso wenig verschwunden wie Schamgrenzen. Sie verschieben sich nur ständig, werden in jeder Zeit neu verhandelt. Beste Belege dafür liefern neue Begriffe, die Scham schon im Wort mit sich führen. Nehmen wir die Wortschöpfung Cam-Shaming. Noch nie gehört? Bei diesem Begriff geht es um Videokonferenzen und den Zwang, dabei seine Kamera einzuschalten.
Videokonferenzen haben sich mit den Lockdowns der Corona-Pandemie zu einer neuen Sozialform entwickelt. Vorher ein Tool für Technikfreaks ist die Videokonferenz zum neuen Schauplatz der Arbeitswelt avanciert. Neue Foren und Treffpunkte setzen das gute Benehmen nicht einfach außer Kraft. Die Regeln dafür müssen nur neu justiert werden. Das gilt auch für die Videokonferenz. Sichtbarkeit ist Pflicht. Als unhöflich gilt, wer die anderen Teilnehmer mit einer schwarzen Kachel konfrontiert statt sich mit dem eigenen Livebild zu präsentieren. Sichtbarkeit signalisiert Zugewandtheit und die Bereitschaft zur Kommunikation. Gesicht zeigen: Diese soziale Tugend gewinnt in der Videokonferenz eine neue Bedeutung.
Wer erinnert sich noch an das Trendwort Flugscham? Auch diese neue Wortschöpfung signalisierte die Existenz einer neuen Verhaltensnorm. Man stieg nicht mehr einfach ins Flugzeug und vergrößerte so leichtfertig den eigenen ökologischen Fußabdruck. Wo Scham ist, da gibt es ein Tabu, das nicht verletzt werden sollte. In dieser Hinsicht ist Cam-Shaming ein starkes Wort, verweist es doch auf eine neue soziale Norm, der erhebliches Gewicht beigemessen wird. Cam-Shaming: Die Existenz dieses neuen Wortes mag uns aber auch beruhigen. Allein seine Existenz belegt, das wir in Zeiten leben, die wir nicht einfach für schamlos halten müssen.