Berlin Winnetou im Kino: Darf man den Film jetzt noch gucken?
Rassismus-Debatte um Winnetou: Das Buch zum neuen Karl-May-Film wurde zurückgezogen. Darf man den aktuellen Kinderfilm jetzt noch sehen?
Anderthalb Wochen nach dem Kinostart hat der Ravensburger Verlag das Buch zum neuen Winnetou-Film zurückgezogen – nachdem der Stoff als rassistisch kritisiert worden war. Das Buch ist nicht mehr verfügbar; im Kino ist „Der junge Häuptling Winnetou“ aber immer noch zu sehen. Darf man ihn sich guten Gewissens anschauen?
„Der junge Häuptling Winnetou“ ist ein Abenteuer für Kinder im Grundschulalter. Von Karl May stammen dabei nur die Figuren, die hier als etwa zwölf Jahre alte Kinder zu sehen sind: Winnetou und seine Schwester Nscho-tschi zum Beispiel, auch der Spaßvogel Sam Hawkens hat einen Auftritt. Nur Old Shatterhand macht nicht mit. Logisch. Schließlich lernt Winnetou seinen Blutsbruder erst im Erwachsenenalter kennen. Stattdessen erfindet das Drehbuch den weißen Jungen Tom Silver, mit dem Winnetou eine vergleichbare Freundschaft erlebt.
Das kulturübergreifende Vertrauen müssen Winnetou und Tom sich allerdings erst erarbeiten. Zunächst ist das weiße Kind Winnetous Gegner: Als Pferdedieb verschuldet Tom die Vernichtung der knappen Wintervorräte des Apachen-Dorfs; auch danach bleibt er eine rätselhafte Figur: Tom wächst in der Obhut des Gangster Todd Crow auf. Ein Großteil der Spannung beruht deshalb auf der Frage, auf wessen Seite er denn nun ist – auf Winnetous? Oder auf der seines Ziehvaters, der die Goldvorräte von Winnetous Familie rauben will? Die Annäherung an Tom erzählt der Film aus Winnetous Perspektive. Mit den Augen eines Apachen-Kindes blickt man auf einen ziemlich ambivalenten Weißen.
Es stimmt: Die traditionelle Inszenierung zeigt indigenes Leben als folkloristisches Idyll; aber sie verschweigt nicht dessen Gefährdung. Die existenzielle Abhängigkeit von der Natur schildert schon der Auftakt um die verlorenen Wintervorräte. Und im Schurken Todd Crow gibt der Film zumindest eine Ahnung davon, wie europäische Siedler die Bodenschätze von Amerikas ersten Bewohnern geplündert haben.
Der Trailer zu „Der junge Häuptling Winnetou“:
Die Kritik am Winnetou-Film richtet sich nicht gegen einzelne Szenen, Figuren oder Dialoge. Stattdessen wird der Film im Ganzen verurteilt: als kulturelle Aneignung, als kolonial und sogar als Verharmlosung des Völkermords an den indigenen Amerikanern.
In dieser Argumentation geht es weniger darum, wie man einen Winnetou-Film für Kinder von heute erzählen kann – sondern ob man es überhaupt darf. Wer der Meinung ist, dass europäische Autoren und Schauspieler nicht von Helden anderer Kulturen erzählen dürfen, der muss den Winnetou-Film genauso ablehnen wie die Segeberger Festspiele und die Romane des Sachsen Karl May.
Wer Winnetou als deutsche Fantasie vom Wilden Westen akzeptiert, kann immerhin anerkennen: „Der junge Häuptling Winnetou“ behandelt seinen Stoff nicht vollkommen gedankenlos; und als Entertainment ist er weder bedeutend besser noch schlechter als das Gros der deutschen Kinderfilme.
Zwischen diesen Positionen gibt es keine Grautöne – ein Dilemma, dass sich bis in die Debatten der Filmbewertungsstelle fortgesetzt hat: In ihrer Gesamtheit wertet die Jury den Film als Märchen aus Karl Mays „Indianerland“ und gibt ihm das Prädikat „besonders wertvoll“. Die Begründung weist aber auch darauf hin: Eine Jury-Minderheit empfindet den Film als „Lüge, welche den Genozid an den Ureinwohnern Amerikas und das ihnen zugefügte Unrecht der Landnahme der weißen Siedler und der Zerstörung ihres natürlichen Lebensraumes vollkommen ausblenden würde“.