Hamburg  Bahnsteige in Hamburg zu voll: Züge dürfen nur Schritttempo fahren

Henning Baethge
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Von Henning Baethge
| 22.08.2022 17:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Gedränge im Hamburger Hauptbahnhof: Aus Angst vor Unfällen hat die Bundespolizei am Sonntag ein Tempolimit für viele Züge angeordnet. Foto: Georg Wendt
Gedränge im Hamburger Hauptbahnhof: Aus Angst vor Unfällen hat die Bundespolizei am Sonntag ein Tempolimit für viele Züge angeordnet. Foto: Georg Wendt
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Am Sonntag gab es teils deutliche Verspätungen im Zugverkehr ab Hamburg. Der Grund: Wegen Gedränges an manchen Gleisen hatte die Bundespolizei ein drastisches Tempolimit für Züge verhängt. Droht das jetzt öfter?

Die gefürchteten „Verzögerungen im Betriebsablauf“ wegen „technischer Störungen am Zug“ oder „Personen im Gleisbett“ kennen leidgeprüfte Kunden der Deutschen Bahn nur zu gut ­­­– doch am Sonntag haben viele Fahrgäste in Zügen von und nach Hamburg einen neuen Grund für Verspätungen erlebt: Weil manche Bahnsteige am Hamburger Hauptbahnhof brechend voll waren, mussten viele Züge sicherheitshalber in Schrittgeschwindigkeit in den Bahnhof hineinfahren und auch wieder heraus. Es kam zu teils deutlichen Verzögerungen.

So traf etwa der um 14.32 Uhr von Neumünster über Hamburg nach Berlin fahrende ICE 801 fast eine Viertelstunde zu spät im Hamburger Hauptbahnhof ein, weil er schon kurz hinter Dammtor nur noch im Schneckentempo fahren durfte. Eine weitere Viertelstunde auf dem Weg nach Berlin gesellte sich hinzu, weil der ICE den Hauptbahnhof auch nur in Schrittgeschwindigkeit verlassen durfte ­­– und dieses Tempo dann aus technischen Gründen sogar bis zum nächsten Signal auf der Strecke beibehalten musste. Die Folge: In Berlin hatte der ICE am Ende 31 Minuten Verspätung.

In einer Durchsage im Zug nannte eine Schaffnerin bei der Abfahrt in Hamburg eine „Anordnung der Bundespolizei“ als Grund für die „sehr stark reduzierte Geschwindigkeit“: Weil der Bahnsteig zwischen den Gleisen 5 und 6 „sehr voll“ gewesen sei, habe die für die Bahnhofssicherheit zuständige Bundespolizei das drastische Tempolimit verhängt. So soll sichergestellt werden, dass ein Zug rasch halten kann, falls jemand – wie letzte Woche in Kaiserslauten – im Gedränge aufs Gleis stürzt. Dort verletzte sich ein Mann, als er beim Aussteigen in einem dichten Gewühl auf die Schienen fiel.

In Hamburg ist der Bahnsteig zwischen den Gleisen 5 und 6 oft sehr voll, weil hier nicht nur die Fernzüge nach Berlin abfahren, sondern auch die Regionalzüge nach Lübeck und Bad Oldesloe. Auch auf dem Bahnsteig zwischen den Gleisen 13 und 14 drängen sich nach Angaben des Fahrgastverbands Pro Bahn oft viele Menschen, weil hier ebenfalls sowohl Fernzüge abfahren als auch Regionalbahnen nach Bremen, Hannover oder Flensburg. Daher sind am Sonntag Nachmittag auch hier die Züge nur im Schritttempo ein- und ausgefahren, hat Pro-Bahn-Sprecher Karl-Peter Naumann vor Ort beobachtet.

Naumann nennt die drastischen Geschwindigkeitsbegrenzungen wegen der vollen Bahnsteige „extrem vorsichtig“ und sagt, dass sie nur selten vorkommen. Für ihn sind sie eine Folge des billigen 9-Euro-Tickets für den Nahverkehr – weil deshalb gerade besonders viele Menschen die Regionalzüge in Deutschland nutzen. Gleichzeitig kritisiert Naumann, die „viel zu geringe Kapazität“ des Hamburger Hauptbahnhofs: „Wenn die Politik die Fahrgastzahlen verdoppeln will, muss sie nicht nur das Zugangebot ausbauen lassen, sondern auch die Bahnhöfe.“

Eine Sprecherin der Deutschen Bahn bestätigt gegenüber shz.de nur, dass es am Sonntag ein striktes Tempolimit für die Gleise 13 und 14 gab, nicht aber für die Gleise 5 und 6. „Auf Anordnung der Bundespolizei wurden die Gleise 13 und 14 zwischen 14 und 18 Uhr im Bahnsteigbereich nur noch mit Schrittgeschwindigkeit befahren“, sagt sie.

Diese Regelung sei aber „ein Einzelfall“ gewesen und nicht in erster Linie auf das 9-Euro-Ticket zurückzuführen. Vielmehr hätten „diverse Großveranstaltungen in Hamburg“ zahlreiche Besucher angezogen. Zudem habe es Ausfälle bei den Metronom-Zügen nach Niedersachsen gegeben, was die Zahl der Menschen auf den Bahnsteigen zusätzlich erhöht habe. Und auch weil der S-Bahn-Verkehr zwischen dem Hauptbahnhof und Harburg derzeit eingeschränkt sei, würden auf dieser Strecke mehr Fahrgäste die Fern- und Regionalzüge nutzen.

Auch die Bundespolizei in Hamburg spricht von einem „Einzelfall“.  Die Polizisten auf dem Bahnsteig seien „in ihrer Abwägung bezüglich einer Gefahrenprognose zu dem Entschluss gekommen, die Fahrt in Schrittgeschwindigkeit anzuordnen, um Unfällen vorzubeugen und damit die Sicherheit der Reisenden weiterhin zu gewährleisten“, erklärt ein Sprecher. Er macht nicht zuletzt das gestrige Ferien-Ende in Berlin für das besonders hohe Aufkommen an Reisenden verantwortlich.

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