Berlin  „Toxisch“: Warum Lars Eidinger Instagram löscht

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 22.08.2022 14:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Lars Eidinger bei der Berlinale-Premiere von „Die Zeit, die wir teilen“. Foto: dpa/Gerald Matzka
Lars Eidinger bei der Berlinale-Premiere von „Die Zeit, die wir teilen“. Foto: dpa/Gerald Matzka
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190.000 Follower hatte Lars Eidingers Instagram-Account – bevor er ihn gelöscht hat. Über seine Beweggründe und seine Meinung zu Künstlern, die Werbung machen, spricht er im Interview.

Lars Eidinger ist der Theaterstar seiner Generation. Für seinen Hamlet kriegt man auch 14 Jahre nach der Premiere kaum Karten. Im Kino dreht der 46-Jährige mit Größen wie Kristen Stewart („Twilight“) und Adam Driver („Star Wars“). Ende des Monats startet sein erster Film mit Isabelle Huppert: „Die Zeit, die wir teilen“. Im Interview erzählt Lars Eidinger von der Begegnung mit dem Weltstar, von seinem schwierigen Verhältnis zu Instagram und er erklärt, wieso er sein Gesicht nicht für Werbung hinhält.

Frage: Herr Eidinger, zur Vorbereitung wollte ich mir Ihren Instagram-Account ansehen – und musste feststellen: Den gibt es gar nicht mehr. Was ist passiert?

Antwort: Das ist komplex. Vor allem habe ich Instagram gelöscht, weil es mir nicht gut tut. Ich behaupte, dass es ein toxisches Medium ist; man vergiftet sich da sukzessive. Langfristig macht es krank.

Antwort: Stefan Zweig hat nach dem Ersten Weltkrieg eine moralische Entgiftung Europas gefordert und ein Medium herbeigesehnt, das in alle Sprachen übersetzt wird und sich der Liebe verschreibt. Mit dem Internet haben wir das heute eigentlich – aber wir nutzen es für Missgunst und Hass. Instagram ist kein soziales Medium, sondern ein antisoziales. Ich möchte kein Teil davon sein.

Frage: Fehlt mit Ihrem Account jetzt nicht gerade ein Kontrapunkt? 

Antwort: Bei allem, was man als Künstler macht, geht es um Austausch. Man teilt sich mit, man löst beim Gegenüber etwas aus – und diesen Reaktionen darf man sich auch nicht verschließen. Ich kann mich der Bewertung gegenüber nicht dumpf machen. Und bei Instagram habe ich einfach gemerkt, dass mich das zu sehr aufregt. Selbst eine positive Rückmeldung macht ja was mit mir. Das regt mich auf. Das macht mich nervös. Das tut mir nicht gut. 

Frage: Gab es einen konkreten Anlass, die App zu löschen?

Antwort: In Cannes habe ich meinen US-Agenten getroffen und von meinem Konflikt mit den sogenannten sozialen Medien erzählt. Da hat er gesagt: Delete it. (Lösch es.) Ich: Es sind halt auch 190.000 Follower. Er: Delete it. Ich: Aber für mich ist es vielleicht auch wichtig, auf meine Veranstaltungen aufmerksam zu machen, auf die Ausstellungen und das Theater oder die Partys. Er: Delete it. Am Ende bin ich um 1.30 Uhr ins Hotel gegangen und habe es gelöscht. Obwohl ich Bedenken hatte. Als ich im Bett lag, hatte ich existenzielle Ängste: Ich habe mich meiner Grundlage beraubt! Ich werde nicht mehr gesehen! Es gibt immer noch Momente, in denen ich Instagram vermisse. Trotzdem ist es eine Befreiung.

Frage: Was machen Sie in der Zeit, die früher für das Handy draufging?

Antwort: An die Decke starren. Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, an die Decke zu starren.

Frage: An die Decke?

Antwort: Die erste Inszenierung, in der ich mitgespielt habe, war Peter Handkes „Zurüstungen für die Unsterblichkeit“ am Deutschen Theater. Da habe ich einen „Raumverdränger“ gespielt. Die Raumverdränger hatten die Parole: Reiz statt Raum. Das ist genau das Prinzip der sozialen Medien. Die größte Sehnsucht in dem Stück war: Ruhe. Das meine ich mit dem An-die-Decke-Starren. 

Frage: Wenn man auf Instagram 190.000 Follower hat – kommen dann PR-Leute, die einen überreden wollen, Influencer-Werbung für Ultraschallzahnbürsten und Verjüngungstees zu machen?

Antwort: Mir wurde viel angeboten, ja. Aber ich möchte nicht so indiskret sein, das zu verraten. So was muss jeder selbst mit seinem Gewissen vereinbaren. Ich habe nichts davon gemacht. 

Frage: Warum ist Werbung überhaupt eine Gewissensfrage? Könnte man nicht sagen: Das ist schnell verdientes Geld, das man spenden kann?

Antwort: Ich weiß nicht. Das ist so ein Robin-Hood-Gedanke, an den ich nicht glaube. Das größte Gut der Künstler*innen ist ihre Glaubwürdigkeit; und die sehe ich in der Werbung bedroht, vor allem mir selbst gegenüber. Hamlet verliert das Vertrauen zu seiner Mutter – und wird darüber wahnsinnig. In „Romeo und Julia“ gibt es eine noch viel extremere Stelle, in der Julia sagt: „Ich vertraue mir selbst nicht mehr.“ Dann ist man verloren.

Antwort: Also mache ich keine Werbung. Wenn ich mich instrumentalisieren lasse, entfremde ich mich und vertraue mir selbst nicht mehr. Ich werde jetzt aber kein Kollegen-Bashing betreiben. Andere kommen zu einer anderen Entscheidung.

Der Trailer: Eidinger und Huppert in „Die Zeit, die wir teilen“

Frage: Eine Kollegin, mit der Sie gerade zum ersten Mal gedreht haben, ist Isabelle Huppert. Wie war die Begegnung mit dem Weltstar?

Antwort: Als ich für „Die Zeit, die wir teilen“ zugesagt habe, sollte ihre Rolle noch von einer anderen Schauspielerin gespielt werden. Irgendwann hat mich der Regisseur dann angerufen: Es täte ihm sehr leid, aber die Kollegin hat eine andere Verpflichtung – und jetzt übernimmt Isabelle Huppert.

Antwort: Und ehrlich gesagt: Isabelle Huppert ist für mich die Schauspielerin schlechthin, die größte unserer Zeit. Sie ist eine so filigrane Gestalt und trotzdem hat sie so eine wahnsinnige Verdrängung und Ausstrahlung. Im Brockhaus ist neben dem Begriff „Schauspielerin“ völlig zu Recht ein Foto von Edith Clever. Isabelle Huppert könnte da auch stehen. 

Frage: Wie war‘s dann beim Drehen?

Antwort: Mein erster Drehtag war gleich die Szene, in der meine Figur ihrer Figur ihre Liebe gesteht. Das war eine Möglichkeit, ihr auch auf der Metaebene als Lars Eidinger meine Liebe zu gestehen. Aus dem Augenwinkel habe ich dann mitbekommen, wie sie mit der Kamerafrau diskutiert hat: Wie lösen wir das mit dem Kuss am Ende, in Zeiten der Pandemie? Vielleicht sollten unsere Lippen sich besser nicht berühren?

Antwort: Isabelle schlug vor, ihre Hand schützend davor zu halten. Da habe ich einmal im Leben die Chance, eine Kussszene mit Isabelle Huppert zu spielen – und dann sollen sich unsere Lippen nicht berühren? Ich hab mich eingemischt, aber Isabelle hat mich nur von der Seite angeguckt. Als wir dann gedreht haben, hat sie mich am Ende der Szene dann doch geküsst, was den Moment noch außergewöhnlicher gemacht hat. Aber wenn man genau hinschaut, sieht man auch ihre kleine Hand zu unseren Mündern gehen. 

Frage: Sie haben mit einer ganzen Reihe von Superstars gedreht: Kristen Stewart, Juliette Binoche, Greta Gerwig. Haben Sie dabei den Wunsch: Bitte, lass sie mich genauso toll finden wie ich sie?

Antwort: Letztes Jahr hat Reiner Holzemer einen Dokumentarfilm über mich gedreht: „Sein oder nicht sein – Lars Eidinger“. Und da äußern sich Isabelle Huppert, Juliette Binoche und Angela Winkler. Das ist für mich dann fast unwirklich – wenn diese Frauen so, na ja, von mir schwärmen. Das sind singuläre Erscheinungen, das sind Phänomene. Für mich ist das so, als wenn es sie schon immer gegeben hat und immer geben wird. Ich könnte mich auch gut damit arrangieren, sie zu bewundern, ohne dass es auf Gegenseitigkeit beruht. 

Frage: Beim Thema Instagram haben Sie Fremdwahrnehmungen gerade als Gefahr beschrieben; kann ein Huppert-Diktum Sie nicht auch für immer verfolgen?

Antwort: Das ist das große Paradox. Der Grund, warum jemand Schauspieler oder Schauspielerin wird, ist doch gerade, dass er kein Selbstbewusstsein hat. Schauspieler sind Menschen, die auf die Wahrnehmung ihres Gegenübers angewiesen sind. Ich will nur nicht, dass es permanent und von jedem kommt.

Frage: Von Isabelle Huppert stammt der Satz: „Kein Film gibt etwas von mir preis.“ 

Antwort: Oh.

Frage: Sie dagegen betreiben Schauspiel als rückhaltlose Selbstpreisgabe. Sind Sie zwei ganz gegensätzliche Schauspieler?

Antwort: Ich würde Isabelle widersprechen. Ich glaube, dass sie in ihren Filmen als Persönlichkeit sehr sichtbar wird. Wenn mich jemand fragt, wie sie wirklich ist, würde ich immer antworten: Schau dir ihre Filme an.

Antwort: Meine Erfahrung ist, dass man sich in der Fiktion, also im Spiel, viel intimer begegnen kann als im Alltag. Ich glaube, dass ich auf der Bühne mehr bei mir bin – als ich es jetzt zum Beispiel bin, in unserem Gespräch. Das Verrückte ist, dass Isabelle Huppert auch im Alltag sehr verschlossen ist – aber im Spiel ganz offen und verletzlich und unmittelbar.

Antwort: In der Bibel wird lieben als „sich erkennen“ umschrieben. Das heißt auch, dass man sich zu erkennen gibt. Und das spüre ich oft: dass Menschen sich erst im Spiel zu erkennen geben. Es gibt ein Gedicht von Thomas Brasch, darin heißt es: „Mein Beruf heißt mich nicht verstecken sondern öffentlich entdecken / Mich zu finden, indem ich mich verliere.“ Genau das meine ich.

Frage: Was Huppert noch über sich sagt: Sie grübelt vor dem Spielen nicht über ihre Rolle nach, sondern geht einfach ans Set und – Boom! – die Rolle ist da. War es so?

Antwort: Es steckt, glaube ich, was Anderes dahinter. Was dem Spielen im Weg steht, ist, wenn Leute mit zu vielen Ideen ans Set kommen. Die haben sich irgendwas überlegt, was sie dann umsetzen wollen. Dann kommt es vor der Kamera zu keiner Begegnung mehr. Eine richtige Präsenz oder Unmittelbarkeit entsteht nur, wenn alles möglich und der Ausgang offen ist. Helene Weigel hat einmal gesagt: „Hast Du eine Idee – vergiss sie.“

Frage: Ende August eröffnen die Filmfestspiele von Venedig mit Noah Baumbachs „White Noise“, in dem Sie an der Seite von Greta Gerwig und Adam Driver spielen. Das sind nicht nur Topstars des amerikanischen Independent-Films; Driver ist auch noch eine Hauptfigur im „Star Wars“-Universum. In welche Richtung zieht es Sie mehr?

Antwort: Was soll ich dazu sagen?

Frage: Wahrscheinlich war die Frage doof. Aber warum eigentlich?

Antwort: Es ist ein Irrglaube, dass man sich als Schauspieler*in seine Rolle aussuchen kann oder irgendeinen Einfluss auf die Angebote hat. Ich sage nicht: Jetzt habe ich Lust, mal einen Film mit Adam Driver zu drehen und dann klappt es. Das passiert einfach.

Antwort: Am Set besteht dann die Schwierigkeit darin, nicht starstrucked zu sein, aber auch nicht so zu tun, als wäre es das Normalste auf der Welt. Das ist es einfach nicht. Adam Driver ist ein absoluter Megastar und man muss aufpassen, dass man davon nicht erschlagen ist. Wenn man miteinander arbeitet, ist es dann natürlich trotzdem völlig unglamourös. Es ist dann einfach unser gemeinsames Handwerk und Leidenschaft. 

Frage: Heißt das: Sie haben gar kein Bild davon, wie Ihre Filmografie einmal aussehen soll? Können Sie Ihren Agenten nicht bitten, nach bestimmten Büchern oder Regisseuren Ausschau zu halten?

Antwort: Also, meinem Agenten habe ich so was wirklich noch nie gesagt. Man kann nur warten, was kommt. Es stimmt, dass ich Rollen ablehnen kann. Aber ich kann es nicht in irgendeine Richtung forcieren. Ich habe einfach Glück, dass Regisseur*innen mich in so unterschiedlichen Zusammenhängen denken. Da hilft mir auch das Theater.

Antwort: Meine Rolle in „Alle Anderen“ habe ich damals bekommen, weil mich die Casterin Nina Haun auf der Bühne gesehen hat. Noah Baumbach hat mich für „White Noise“ besetzt, weil Greta Gerwig mich an der Schaubühne als Hamlet gesehen hatte und Freunde von ihm als Richard in New York.

Antwort: Die Theaterrollen, habe ich das Gefühl, regen die Fantasie an. Das ist bei Filmen anders. Wenn ich nach „Alle Anderen“ für Rollen vorgeschlagen wurde, hieß es vonseiten der Redaktion: Lars Eidinger – das ist doch so ein Prenzlauer-Berg-Schluffi. Die haben mich in dem einen Film gesehen und dachten: Ich bin so.

Antwort: Trotzdem würde ich sagen, dass ich immer noch von „Alle Anderen“ profitiere. Weil er ein gewisses Niveau voraussetzt. Und ein bisschen habe ich auch die Hoffnung, dass sich das mit Noah Baumbach und „White Noise“ wiederholen könnte. Weil das einfach ein sehr guter Einstieg ist, um in Amerika Filme zu drehen.

Zum Interview: Lars Eidinger spricht das Gender-Sternchen mit und legt Wert darauf, das auch in der Niederschrift sichtbar zu machen. In Sachen Instagram waren die Entzugserscheinungen offenbar zu stark: Wenige Tage nach dem Interview hat Eidinger seinen Account wieder aktiviert, bis Redaktionsschluss aber noch keinen neuen Post veröffentlicht.

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