Diskrete Unterstützung Wie Frauen Hilfe durch Handzeichen und Codes bekommen können
Ein Handzeichen und verschiedene Fragen und Code-Wörter sollen dafür sorgen, dass Menschen – insbesondere Frauen – in Not Hilfe bekommen. Aber sind diese wirklich bekannt?
Emden - In der Zeit von Corona-Lockdowns wurde mehr auf das Thema häusliche Gewalt aufmerksam gemacht. Jetzt, wo Menschen wieder mehr ausgehen, gibt es aber dort wieder die Gefahr der Belästigung – insbesondere für Frauen.
Für solche Notsituationen, egal ob unterwegs oder in den eigenen vier Wänden, gibt es verschiedene Code-Wörter, mit denen Menschen in Not schnell und möglichst unkompliziert Hilfe bekommen sollen. Aber welche sind das und sind sie in Emden bekannt?
Was und warum
Darum geht es: Es gibt Codes und Handzeichen, mit denen Opfer von Gewalt ohne Wissen der Täter auf sich aufmerksam machen können.
Vor allem interessant für: Frauen und alle, die häusliche Gewalt oder Belästigungen bereits erfahren haben, aber auch alle, die solch ein Zeichen vielleicht mal sehen oder hören, damit sie dann helfen können
Deshalb berichten wir: Ein Kollege hat vor kurzem das Handzeichen auf der Social-Media-Plattform Tiktok entdeckt. Wir haben uns gefragt, wie das und weitere Hilferufe in Emden bekannt sind. Die Autorin erreichen Sie unter: d.hoppe@zgo.de
Code „Maske 19“ für Hilfe bei häuslicher Gewalt
In der ersten großen Studie zu häuslicher Gewalt an Frauen und Kindern in Deutschland während der Corona-Pandemie kam heraus, dass rund drei Prozent der Frauen in der Zeit der strengen Kontaktbeschränkungen Zuhause Opfer körperlicher Gewalt wurden. Eine Frage war zudem, ob die betroffenen Frauen Hilfsangebote kennen und genutzt haben. 32,4 Prozent kannten das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“, 2,7 Prozent hatten sich dorthin gewandt. 5,5 Prozent kannten die Aktion „Codewort Maske 19“. Doch was hat es damit auf sich? „Maske 19“ ist ein Angebot, mit dem die Betroffene in teilnehmenden Apotheken, Arztpraxen und Kliniken jederzeit dezent um Notrufhilfe bitten kann. „Die Idee zu ‚Maske 19‘ kam 2020, als deutlich wurde, dass Fälle häuslicher Gewalt unter den Bedingungen der Corona-Lockdowns zunahmen. Verschiedene Medien berichteten von ersten Erfahrungen mit dieser Art der Notrufhilfe in Spanien und Frankreich. Auch die Leopoldina hatte der Bundesregierung damals nahegelegt, dem Beispiel zu folgen“, erklärt Karin Lange, Pressesprecherin von der Union deutscher Zonta Clubs (UdZC).
Die insgesamt 136 Zonta-Clubs in Deutschland – einer davon ist in Leer – engagieren sich mit Aktivitäten und Veranstaltungen für die Rechte von Frauen und Mädchen in aller Welt, leisten Aufklärungsarbeit und regen Diskussionen an. Unter anderem haben sie auch die Hilfsaktion „Maske 19“ beworben. „Apotheken, Ärztinnen und Ärzte sind häufig die ersten, die durch Betroffene mit den Thema häusliche Gewalt in Berührung kommen. Sie können helfen und unterliegen der Schweigepflicht.“ Die Hemmschwelle, selbst den Notruf zu wählen, sei bei häuslicher Gewalt sehr hoch und die Kontrolle durch die Täter ein Problem. „Zu Ärzten oder Apotheken muss ich immer mal wieder hin. Auch fällt es unter Umständen leichter, sich aus einer akut bedrohlichen Gewaltsituation zu retten, wenn ich nicht selbst die 110 anrufen muss, sondern der Arzt oder Apotheker das für mich tut. Apotheken und Arztpraxen bieten einen geschützten Raum. Zudem hat die Polizei andere Möglichkeiten zu handeln als in einer akuten Situation zuhause, bei der etwa noch Kinder und die Nachbarn involviert sind.“
Ein Handzeichen und die Frage nach Luisa
Ebenfalls als Hilfe-Symbol für Opfer häuslicher Gewalt gilt ein bestimmtes Handzeichen. Dabei positioniert man eine Hand so, dass jemand die Handfläche und die nachfolgend beschriebenen Bewegungen sehen kann. Als nächstes wird nämlich der Daumen so geknickt, dass er auf der Handfläche liegt. Dann werden die restlichen Finger über den Daumen gelegt. Diese Bewegungsfolge kann verwendet werden, wenn das Opfer nicht frei sprechen kann, weil der Mensch, von dem die Bedrohung ausgeht, in der Nähe ist. Es wird empfohlen, dem betroffenen Menschen daraufhin kurze Fragen zu stellen, die leicht mit „Ja“ oder „Nein“ zu beantworten sind, zum Beispiel: „Soll ich den Notruf für dich rufen?“ Doch nicht nur Betroffenen von häuslicher Gewalt kann das Handzeichen helfen, wie ein Fall Ende vergangenen Jahres in den USA zeigt: Dort konnte ein entführtes Mädchen aus einem Auto gerettet werden, weil sie durch die Geste auf sich aufmerksam machte.
In Clubs und Bars gibt es immer wieder Fälle, in denen Frauen belästigt oder bedrängt werden. Auch für solche Situationen gibt es bestimmte Codes. In den USA ist vor allem die Bestellung eines „Angel-Shots“ verbreitet. Durch die Bestellung des Getränks bekommen die Frauen die Hilfe, die sie benötigen. In Deutschland gibt es für solche Fälle die Frage „Ist Luisa hier?“, bei der das Personal dann weiß, dass man Hilfe braucht. Initiiert wurde das Projekt von der Beratungsstelle Frauen-Notruf Münster e.V., das dazugehörige Konzept kann von anderen Beratungsstellen und Gastronomiebetrieben übernommen werden. In Ostfriesland scheint es aber laut der Projekt-Webseite noch keine teilnehmenden Bars und Ähnliches zu geben.
In Emden bisher nicht vertreten
In dem Bar-Bistro-Betrieb „Der Ostfriese“, früher bekannt unter dem Namen „Störte“, hat man bereits von dem Konzept gehört. Inhaber Tolga Ötztürk könne sich vorstellen, so etwas einzuführen. „Wir hatten mal den Fall, dass ein Betrunkener fünf Frauen belästigt hat, die an einem Tisch saßen. Da ist dann ein Kellner dazwischen gegangen und hat ihn rausgeschickt“, erzählt er. „Ich könnte mir auch vorstellen, dass sowas gut wäre, wenn eine Frau hier ihr erstes Date hat und der Gegenüber dann doch nicht so nett ist. Da wäre so ein Plakat auf der Toilette hilfreich, damit sie weiß, wie sie Hilfe bekommen kann“, überlegt Ötztürk weiter. Auch im Café Einstein gab es erst kürzlich die Idee, ein Codewort einzuführen. „Ein Kollege, der Sozialwesen studiert, hatte das in einer Besprechung vorgeschlagen. Wir wollen uns da nun mehr drüber informieren und dann entscheiden, ob wir das machen“, erzählt ein Mitarbeiter des Cafés.
In der Diskothek „Moods“ war ein solcher Code bisher kein Thema. „Wir sind gut aufgestellt, was die Sicherheit betrifft. Außerdem haben wir Notfallknöpfe an den Theken. Wenn das Personal etwas mitbekommt, können sie darüber die Sicherheitsleute rufen“, erklärt Inhaberin Barbara Sälzer. Auch Oliver Hermann, Besitzer der Emder Kult-Kneipe „Kulisse“, hört zum ersten Mal von solchen Codes. Seine Mitarbeiter und er hätten ihre Gäste aber immer im Blick, damit niemandem etwas passiert.
Angebote müssen einheitlicher und bekannter werden
„Es gibt unterschiedliche Angebote für unterschiedliche Situationen. Es wäre sinnvoll, wenn sie bundesweit einheitlicher und bekannter wären“, fasst Karin Lange von der UdZC zusammen. „Wir verfügen über ein breit aufgestelltes Hilfs- und Beratungssystem. Zugleich sehen wir, dass hier nicht genügend Mittel investiert werden. Da müsste mehr passieren.“ Die Zonta-Union fordere die rasche Etablierung der von der Bundesregierung angekündigten zentralen Koordinierungsstelle für die konsequente Umsetzung der Istanbul Konvention gegen Gewalt an Frauen und Mädchen. „Aktuell gibt es noch immer einen Flickenteppich der Maßnahmen. Diese sollten zentral gesteuert, rechtsübergreifend geregelt und ausreichend finanziert sein. Strukturelle, psychische und physische Gewalt gegen Frauen ist in vielen Lebensbereichen trauriger Alltag“, erklärt Lange. „Wir brauchen nicht zuletzt eine wirksame Präventionsstrategie, die geschlechtsspezifische Gewalt verhindert und eine Koordinierungsstelle, die in Zusammenarbeit mit den Bundesländern, den Hilfs- und Beratungsinstitutionen und weiteren Partnern etwa auch eine ergänzende Notrufhilfe wie ‚Maske 19‘ verbreitet und leichter zugänglich macht.“
Dass beispielsweise der Code „Maske 19“ bekannter werden muss, zeigt auch die Nachfrage in einigen Emder Apotheken: So wusste Dr. Florian Penner, Inhaber der Löwen- und der Markt-Apotheke zwar ungefähr, was es damit auf sich hat, aber „dazu hätte es mehr Informationen geben müssen“, meint er. In der Adler- und der Hochhaus-Apotheke ist die Aktion überhaupt nicht bekannt. Auch das Hilfetelefon mit der Weiterleitung an Beratungsstellen sei sehr wichtig, betont die UdZC-Sprecherin.
Hilfe per Telefon
Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist ein bundesweites Beratungsangebot für Frauen, die von Gewalt bedroht oder betroffen sind. Unter der Nummer 08000 116 016 und via Online-Beratung gibt es Unterstützung für Betroffene – 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr. Auch Angehörige, Freundinnen und Freunde sowie Fachkräfte können sich hier anonym und kostenfrei beraten lassen.