Emden  Ilka Erdwiens: Stolze Ostfriesin und Profi der Kulturbranche

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 21.08.2022 11:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Gesicht der Kunsthalle in Emden: Ilka Erdwiens, seit 1987 im Museum in der Seehafenstadt. Foto: Stefan Lüddemann
Gesicht der Kunsthalle in Emden: Ilka Erdwiens, seit 1987 im Museum in der Seehafenstadt. Foto: Stefan Lüddemann
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Die Kunsthalle Emden ist weit über Ostfriesland hinaus bekannt. Der schöne Schein der Kunst bedeutet für Ilka Erdwiens harte Maloche. Warum die stille Powerfrau trotzdem lächelt.

Der Anruf kam am Sylvestertag. “Das hätte mir eigentlich eine Warnung sein müssen”, erzählt Ilka Erdwiens und lacht. Am Neujahrstag schon hatte sie ihr Vorstellungsgespräch. Die Kunsthalle Emden gab es da gerade erst ein paar Monate. Die Dame an der Kasse bugsierte die junge Frau in ein Büro. “Und dann saß da Henri Nannen auf dem Sofa”, erinnert sich Ilka Erdwiens. Nannen suchte Mitarbeiter für sein Museum. “Ich habe mit dem Stern lesen gelernt. Und mit einem Mal sitze ich dem Gründer des Stern, dieser Legende gegenüber”: Die Frau, die 1987 in der Kunsthalle anfing, wirkt heute noch verblüfft. Nannen, der Patriarch, der in der Redaktion laut werden konnte, war an jenem Neujahrstag der Charme selbst. “Er interessierte sich wirklich für Menschen, hatte mich sofort in ein Gespräch verwickelt”, erinnert sich Ilka Erdwiens. Sie war vom Fleck weg engagiert. 

Heute ist sie es, die zum Gespräch auf das alte Ledersofa aus dem Stern bittet. Es steht noch immer in der Kunsthalle Emden, im Büro von Eske Nannen, der Witwe des 1996 verstorbenen Gründers. Köppje Tee gefällig? Ilka Erdwiens serviert den Kluntje, gießt den Tee ein. Es knistert leise in der Tasse mit dem blauen Ostfriesenmuster. Ist sie eine Frau der ersten Stunde? Vielleicht. “Mein Schreibtisch war damals zwischen Kopierer und Geschirrspülmaschine”, blickt die schlanke, hoch gewachsene Frau zurück und lächelt einen Augenblick versonnen. Keine zehn Mitarbeiter hatte die Kunsthalle damals, Stifterpaar inklusive. “Jeder machte alles und was wir nicht wussten, das haben wir uns beigebracht”, sagt Ilka Erdwiens. In dem Museum mit dem besonderen Charme ist sie für Presse und Marketing zuständig. Aber was sagt das schon. “Kommunikation ist meine Herzenssache, auf Menschen zugehen”, meint Erdwiens. Ob da etwas von Henri Nannen hängengeblieben ist?

Anpacken, alles selber machen, Arbeitstage ohne Büroschluss: Ilka Erdwiens arbeitet nicht in der Kunsthalle Emden, sie lebt sie. Als sie 1987 anfängt, leuchtet die Kulturszene vor lauter Gründereuphorie: Justus Frantz ruft das Schleswig Holstein-Musikfestival ins Leben, August Everding haucht dem Münchner Prinzregententheater neues Leben ein, Hilmar Hoffmann macht Frankfurt am Main zur ersten Kulturadresse - und Henri Nannen gründet die Kunsthalle Emden. Wann sie anfangen soll? “So früh wie möglich, am besten gleich”: Ilka Erdwiens hat Henri Nannens Willkommen noch im Ohr. Dann arbeitet sie sich durch das Museum. Und wie. Beantwortet die Post, die Nannen waschkörbeweise erhält, regelt als Registrarin den Leihverkehr des Museums, macht Werbung und Pressearbeit, schreibt Texte, organisiert, instruiert, repräsentiert. Wie nennt man jemanden, der allgegenwärtig ist? Egal. Ilka Erdwiens ist längst ihr eigenes Markenzeichen.

Und sie ist noch etwas. “Ich bin eine stolze Ostfriesin”, sagt sie und richtet sich für eine Sekunde ein bisschen mehr auf. Eigentlich kam sie im Bergischen Land zur Welt. Doch dann ging es für die noch sehr kleine Ilka in den Norden. Im Haus ihrer Großeltern in Aurich wohnt sie noch heute. “Ich habe es inzwischen zu meinem Haus gemacht”, sagt sie beim Rundgang durch die Kunsthalle. In Emden ist Ilka Erdwiens die Museumsdame, privat eine Frau mit ganz eigenem Profil. “Meine erste Platte war ein Album von den Rolling Stones”, erzählt die Frau, die jahrelang zu Rockkonzerten pilgerte und mit dem Motorrad durch Europa tourte. “Ich hatte eine 900´er Honda, für mich das schönste Motorrad der Welt. Motorrad fährt man körperlich, man ist draußen und ungebunden”, sagt Ilka Erdwiens, die immer noch ihre Auszeiten braucht, in denen sie allein und für sich ist. Kein Wunder. So idyllisch die Kunsthalle Emden an der Gracht liegt - das Haus fordert die ganze Frau, mit Haut und Haar.

Und es schenkt das Glück der langen Besucherschlangen. Ilka Erdwiens erinnert sich daran, wie voll das Haus war, als Otto Waalkes seine Bilder an dessen Wände hängte. 69000 Menschen kamen, um die Ottofanten zu sehen. Ein Spitzenwert? Nicht einmal, denn zu Edvard Munchs Gemälden pilgerten 120000. Hausrekord, seit 2003. “Es war im Winter. Die Leute standen draußen und wir haben die Wartenden mit Grog und Stollen versorgt”, erzählt Ilka Erdwiens von einer Aktion, die typisch ist für die Kunsthalle, dieses Museum zum Anfassen. “Besucherzahlen sind Fluch und Segen zugleich”: Erdwiens weiß vom Erfolgsdruck einer Branche, in der auf den ersten Blick alles nur schöner Schein ist. In Wirklichkeit geht es um Geld und Marketing, darum, ein Publikum, das schon viel Kunst gesehen hat, immer neu zu begeistern. 

“Die Kunsthalle ist ja selbst längst eine Sehenswürdigkeit”, sagt Ilka Erdwiens. Der Blick aus ihrem Büro fällt auf die Gracht, die sich vor dem Haus entlang durch die Emder City schlängelt. Am anderen Ufer stehen die Leute und fotografieren die Kunsthalle, die seit Henri Nannens Gründertagen richtig erwachsen geworden ist. Gerade tuckern wieder Boote vorüber. “In Emden hat jeder irgendetwas, das schwimmt”, sagt Ilka Erdwiens und lächelt leise. Ihr Gedanken gehen zurück in jene Zeit, als sie mit Nannen das Büro teilte. Wer ein Boot leihen möchte, kann das Ticket an der Museumskasse kaufen. Einer der vielen kleinen Tricks, mit denen in der Kunsthalle gekonnt um das Publikum geworben wird - mit einem Profi wie Ilka Erdwiens mittendrin. Die bleibt bei all dem friesisch kühl, schaut auf das Wasser und sagt versonnen: “Ich stelle gerade fest, dass ich vielleicht auch ein Gesicht dieser Kunsthalle bin”.

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