Geschichte der Auswanderer Sohn eines Jennelters wollte US-Präsident werden
Everett Dirksen scheiterte daran, 1944 Präsident der USA zu werden. Dennoch blieb er lange ein Spitzenpolitiker. Seine Familie stammte aus der Krummhörn.
Jennelt/Washington - Gentleman mit Sinn für Humor, begnadeter Redner sowie Politiker im besten Sinne des Wortes: So beschrieb am 9. September 1969 der damalige US-Präsident Richard Nixon im Kapitol in Washington den kurz zuvor verstorbenen Everett McKinley Dirksen. Jahrzehntelang hatte dieser die amerikanische Politik mitbestimmt, wollte einmal sogar selbst Präsident werden. Sein aus Jennelt stammender Vater Johann Friedrich Dirksen wäre vermutlich stolz gewesen, hätte der da noch gelebt.
Was und warum
Darum geht es: Ein Jennelter und einer Rheiderländerin waren die Eltern eines US-Spitzenpolitikers, der die Nachfolge von Präsident Roosevelt antreten wollte – anstelle von Truman.
Vor allem interessant für: Geschichts- und Politikinteressierte
Deshalb berichten wir: Wir waren kürzlich bei Jürgen Hoogstraat zu Besuch, um mit ihm über archäologische Ausgrabungen in Woltzeten zu sprechen. Dabei kam er auch auf seine umfangreiche Sammlung an Biografien zu sprechen. Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de
Wenige Tage nach Nixon ging auch ein Vertreter des Bundesstaats Iowa in einer Ansprache vor dem Kongress (entspricht etwa unserem Bundestag) auf Dirksens ostfriesische Wurzeln ein. Dass dieser zu einem „herausragenden Gesetzgeber, politischen Parteiführer und patriotischen Amerikaner“ wurde, sei nämlich vor dessen familiärem Hintergrund umso erstaunlicher. Er stamme aus bescheidenen Verhältnissen, sei der Sohn eines Migranten aus der Gegend der „malerischen Friesischen Inseln“ gewesen, hieß es. Als sein Vater Johann Friedrich Dirksen starb, sei er noch ein Kind gewesen und habe schon früh arbeiten müssen. „Das ist der Stoff, aus dem amerikanische Legenden gemacht sind.“
Sohn eines Malermeisters
Jürgen Hoogstraat aus Victorbur hat sich nicht nur mit dem Schicksal von Everett McKinley Dirksen und seinem Vater, sondern mit dem Tausender weiterer Ostfriesen befasst, die in die Vereinigten Staaten ausgewandert sind. Auf Nachfrage unserer Zeitung schickt uns der Heimatforscher und Pastor weitere Informationen zu den beiden Männern zu.
Laut ihm geht aus Akten der hiesigen freikirchlichen Gemeinden und anderen Quellen „von beiden Seiten des Ozeans“ hervor, dass im 19. Jahrhundert Hunderte Mitglieder der damals noch jungen ostfriesischen Baptistengemeinde ihre Heimat verließen. So auch Johann Friedrich Dirksen, ein Landarbeitersohn, der am 9. Februar 1842 in Jennelt geboren wurde. Laut der Krummhörner Baptistengemeinde ging Dirksen Mitte der 1860er Jahre als Malergeselle auf Wanderschaft und kehrte schließlich 1867 als Malermeister nach Jennelt zurück. Am 12. April 1868 wird er dann aus der Baptistengemeinde Hamswehrum/Jennelt ausgeschlossen. Der Grund dafür ist Hoogstraat unbekannt.
Leben im US-„Bohntjeviertel“
Nur gut zwei Wochen später wird Dirksens Auswanderung im Gemeinderegister vermerkt. Am 19. Mai kommt er mit dem Schiff „Baltimore“ im gleichnamigen Hafen an der amerikanischen Ostküste an, „begleitet von vielen anderen Auswanderern aus der Krummhörn und aus Ostfriesland insgesamt“. Seine erste Ehefrau Jantje Dupree aus Ditzumerverlaat (Rheiderland) sei ihm kurze Zeit später gefolgt. Mit ihr lebte er dann im „Bohntjeviertel“ von Pekin im Bundesstaat Illinois zusammen. Der Name des Viertels deute auf die Vielzahl der damals dort lebenden Ostfriesen und deren Vorliebe für grüne Bohnen hin, erklärt Hoogstraat.
Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Dirksen im Jahr 1892 seine zweite: die aus Loquard stammende Witwe Antje Conradi. Aus ihrer Ehe gingen drei Söhne hervor, der mittlere wurde am 4. Januar 1896 in Pekin geboren und wuchs dort auf der elterlichen Farm auf: Evert (Everett) McKinley Dirksen.
1943 folgt überraschende Ankündigung
Als der neun Jahre alt war, starb sein Vater. Trotzdem bekam Everett McKinley Dirksen die Möglichkeit, zu studieren, was er aber schließlich aufgab, um als Soldat im Ersten Weltkrieg zu kämpfen. Danach arbeitete er unter anderem in der Bäckerei seines Bruders, ehe seine politische Karriere 1927 begann. Da zog er in den Rat seiner Heimatstadt ein. 1932 erhielt Dirksen einen Sitz im Repräsentantenhaus – das zusammen mit dem Senat den Kongress bildet – und blieb dort bis 1949. „Im Haus galt Dirksen als moderater Republikaner“, so Hoogstraat weiter.
Dann verkündete er im Dezember 1943 überraschend, bei der Präsidentenwahl im Folgejahr kandidieren zu wollen, wofür er aber keine Unterstützung von seiner Partei erhielt. Von US-Seite her wird das bestätigt. Auch insgesamt ist das Leben von Dirksen ausführlich dokumentiert und findet sich unter anderem auf Regierungs-Websites wieder.
Für Vietnam-Krieg und für mehr Rechte für Dunkelhäutige
Nach dem Repräsentantenhaus begann für Dirksen 1951 seine Karriere als Senator von Illinois. Bis zu seinem Tod am 7. September 1969 war er damit einer von jeweils nur zwei Spitzenpolitikern pro Bundesstaat, die im Senat ein Gegengewicht zum Repräsentantenhaus bilden. Dort spiegelt sich nämlich die jeweilige Bevölkerungsgröße in der Zahl der Abgeordneten wieder, wodurch kleinere Staaten das Nachsehen haben.
„Vor allem in den 1960er Jahren galt Dirksen als einer der Hauptakteure im politischen Geschehen in Washington und als wichtige Stimme seiner Partei“, so Hoogstraat. Dabei setzte er sich unter anderem für den Civil Rights Act (Bürgerrechte-Verordnung) von 1964 ein, womit schließlich die öffentliche Rassentrennung in den gesamten USA aufgehoben wurde. Allerdings, so ist online zu lesen, war Dirksen auch entschiedener Befürworter der amerikanischen Kriegsbeteiligung in Vietnam.
Nachdem der Politiker schließlich im Alter von 73 Jahren an den Folgen von Lungenkrebs starb, wurde unter anderem ein Bürogebäude des US-Senats in Washington nach ihm benannt. In Springfield in Illinois steht seine Statue und laut Hoogstraat ist Dirksen heute das einzige Kind Krummhörner Einwanderer, das es bis auf eine Briefmarke der US-Post gebracht hat. „Er hat unter vier Präsidenten an fast jedem Gesetz mitgewirkt, das unser Leben betrifft. Auch wenn er nie selbst Präsident wurde: Seine Wirkung und sein Einfluss auf die Nation waren größer, als es bei den meisten Präsidenten in unserer Geschichte der Fall war“, lobte Nixon in seiner Trauerrede im Kapitol.