Tausende Leben archiviert Pastor sammelt Biografien ausgewanderter Ostfriesen
Jürgen Hoogstraat hat Tausende Lebensläufe von ausgewanderten Ostfriesen gesammelt. Darunter sind auch Krummhörner, deren Familien in den USA Karriere machten.
Krummhörn/Victorbur/Bremerhaven - Alles begann mit seiner Urgroßmutter Jürrentje Jürrens Ihnen Ackermann, deren Grab die Familie nie besuchte. Das verwunderte Jürgen Hoogstraat als Kind und er fragte seine Eltern nach der Hamswehrumerin. „Oma Jürrentje is up’t Water bleeben“, habe es dann allerdings nur geheißen. Eine unbefriedigende Antwort. „Sie war daher die erste Auswanderin, deren Weg ich nachspürte“, sagt der heutige Pastor der Kirchengemeinde Victorbur. In den nächsten mehr als 30 Jahren folgten Tausende weitere ostfriesische Biografien, mit denen sich Hoogstraat befasste. Heute hilft er sowohl Amerikanern als auch Ostfriesen immer wieder dabei, Lücken in ihren Familiengeschichten zu schließen.
Was und warum
Darum geht es: Ein Heimathistoriker sammelt seit mehr als 30 Jahren Biografien von Ostfriesen, die ausgewandert sind.
Vor allem interessant für: Geschichtsinteressierte; Ostfriesen auf Spurensuche
Deshalb berichten wir: Wir waren kürzlich bei Jürgen Hoogstraat zu Besuch, um mit ihm über archäologische Ausgrabungen in Woltzeten zu sprechen. Dabei kam er auch auf seine umfangreiche Sammlung an Biografien zu sprechen. Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de
So stellte sich beispielsweise im Fall seiner eigenen Urgroßmutter heraus, dass diese tatsächlich – wie auch viele andere – im Atlantik beigesetzt wurde, da sie während der Überfahrt an Bord verstorben war. „Sie hatte drei Kinder in den USA, eines in der Krummhörn und hatte sich vorgenommen, ihren drei Kindern nachzufolgen.“ Der Pastor schickt zudem exemplarische Lebensläufe von weiteren Krummhörnern, die im 19. Jahrhundert in die USA zogen und sogar erfolgreiche Geschäftsleute und Politiker wurden. Die Biografien enthalten private Angaben samt weiterer familiärer Beziehungen, Angaben zum beruflichen Werdegang und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung.
Er schreibt Bücher und hält Vorträge
Hoogstraat habe auch schon mehrere Bücher zum Thema Auswanderung verfasst, die sowohl in den USA als auch in Deutschland veröffentlicht wurden. „Das erste hieß ,Von Ostfriesland nach Amerika’ und versucht, Biographien typischer Auswanderer nachzuzeichnen.“ Auch habe er schon diverse Vorträge gehalten „bei den großen Kongressen zur Ostfriesischen Geschichte, die alle zwei Jahre in Minneapolis stattfinden.“ Veranstalter sei dort die OGSA, die Ostfriesen Genealogical Society (Ostfriesische Ahnenforschungs-Gesellschaft).
So liegt auch Minneapolis im sogenannten Mittleren Westen der Vereinigten Staaten. Das war das Hauptsiedlungsgebiet für ausgewanderte Ostfriesen. Bis heute gibt es dort noch einige Plattdeutsch-Sprecher, zum Beispiel in Krummhörns Partnergemeinde Grundy Center in Iowa. Aber auch in Ostfriesland tritt Hoogstraat öffentlich in Erscheinung. So veranstaltete er beispielsweise Ausstellungen in Norden und Moordorf zum Thema Auswanderung aus der südwestlichen Krummhörn und hielt Vorträge, erst gerade wieder in Remels, so Hoogstraat.
Bis zu 30 Prozent der Krummhörner wanderten aus
„Es ist mittlerweile fast mehr als ein Hobby, ich möchte gerne den Familien in den USA (oder auch in der umgekehrten Richtung) helfen, die nach ihren ausgewanderten Vorfahren suchen.“ Man gehe von vier bis fünf Millionen Amerikanern mit ostfriesischen Vorfahren aus. „Die Krummhörner Auswanderer/innen habe ich überwiegend erfasst. Je nach Ort kann man im 19. Jahrhundert von einer Auswanderungsrate in der Krummhörn zwischen zehn und 30 Prozent ausgehen.“ Derzeit befasse er sich speziell mit Ausgewanderten aus Rysum, die namentlich von damaligen Ortspastoren verzeichnet wurden. „Ich möchte gerne dokumentieren, wo, wer unter welchen Umständen in den USA gelandet ist. Es sind viele hundert Namen, etwa 75 Prozent des Projekts sind abgeschlossen.“
Bei seinen Recherchen besorge sich der Heimatforscher Informationen von überall her, aus Archiven, Passagierlisten „oder anderen verlässlichen Quellen. Wichtig ist, dass die Angaben belegbar sind.“ Schön seien allerdings auch Hinweise aus Familienüberlieferungen. Denen lohne es sich immer, nachzugehen. „So wächst mein Archiv mehr und mehr, ich werde es zu gegebener Zeit komplett allen Interessierten zur Verfügung stellen.“
Das sagt das Deutsche Auswandererhaus
Dass die Sammlung von Hoogstraat beeindruckend ist, sieht auf Nachfrage auch das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven so. Die Einrichtung soll bei ihrer Eröffnung im Jahr 2005 das erste Museum in Deutschland gewesen sein, das sich dem Thema Migration widmete. Heute kann es als das Bekannteste seiner Art bezeichnet werden. Die Sammlung habe in der Vergangenheit schon mehrfach vom ehrenamtlichen Engagement von Hobby-Historikern sowie von Schenkungen von originalen Dokumenten profitiert, betont die Museumssprecherin Hanna Lippitz.
In der Ausstellung könne man 2000 Schubladen mit Biografien erkunden sowie Hunderte weitere biografische Fragmente. Diese stellten allerdings nur einen Bruchteil der Sammlung des Hauses dar, „die etwa 35.000 Objekte und rund 3.000 ausführliche Familiengeschichten umfasst.“ Dennoch ist – wie auch Hoogstraat – das Museum immer für weitere Hinweise dankbar. „Wer selbst eine Migrationsgeschichte teilen möchte, kann dazu das digitale Biografienportal innerhalb der Ausstellung nutzen oder sich direkt mit dem Museum in Kontakt setzen.“
Sohn eines Jennelters wollte US-Präsident werden
Auf den Spuren ostfriesischer Auswanderer
Wie ein junger Ostfriese den American Dream träumte
Wie die Albertsens aus Rysum Karriere machten