Kolumne „Intern“  Kein Interesse an Kultur? Der Unterschied zwischen Wollen und Tun

Joachim Braun
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Eine Kolumne von Joachim Braun
| 19.08.2022 09:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Joachim Braun
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Bei manchen Texten wundern wir uns, warum sie online nicht laufen, warum das Interesse an ihnen so gering ist. Offensichtlich gibt es einen Unterschied zwischen bekundetem und tatsächlichem Interesse.

Als wir im Herbst 2019 mit Hilfe von „Lesewert“ feststellten, welche Artikel unsere Zeitungsleser interessieren und welche nicht, hatten wir die 136 Teilnehmer der Untersuchung vorher befragt, was sie am meisten interessiert. Nach dem Lokalteil, der für alle wichtig war, folgten Nennungen wie Veranstaltungen und Landespolitik. Selbst für Kultur bekundete die Hälfte der Probanden „besonderes Interesse“.

Zur Person

Joachim Braun (56) ist Chefredakteur der Ostfriesen-Zeitung, des General-Anzeigers und der Borkumer Zeitung. Davor leitete er die Redaktionen der Frankfurter Neuen Presse und des Nordbayerischen Kurier in Bayreuth. 2012 wurde er von einer Fachjury zu Deutschlands „Regional-Chefredakteur des Jahres“gewählt.

Die Messungen, die rund 50 Zeitungsausgaben umfassten, ergaben dann aber ganz andere Realitäten: Kulturthemen fielen völlig hinten runter, politische Artikel fanden nur dann Interesse, wenn sie konkrete Probleme der Bürger besprachen. Und Veranstaltungsberichte hatten auch miserable Quoten.

Es gibt also deutliche Unterschiede zwischen den Absichten und Interessen, die Menschen angeben, wenn sie danach gefragt werden und dem, was sie in Wirklichkeit tun. Das ist beileibe nichts Neues, aber manchmal sind wir Journalisten darüber schon perplex. So wie gestern beim Studium der Onlinedaten der vergangenen Woche.

Sehr intensiv gelesen wurde demnach der Artikel über einen „Brandbrief“, den ein Mitarbeiter der Leeraner Kulturstätte Zollhaus veröffentlicht hatte, und in dem er darüber klagte, dass infolge von Corona auch heute noch Menschen Kulturveranstaltungen meiden, dass das Zollhaus deshalb viele Veranstaltungen nicht auskömmlich finanzieren könne und dass dies auf die Vielfalt der Kultur Auswirkungen haben werde, wenn sich daran nichts ändert.

Gleichzeitig aber hatten beispielsweise alle Berichte auf der Webseite der Ostfriesen-Zeitung, die sich unmittelbar auf Kulturveranstaltungen oder auf Kulturangebote bezogen, miserable Lesequoten, ob es sich nun um die „Friesenbühne“ drehte oder die von einem Pewsumer geplante Theatergruppe oder die „Kulturgesichter“ in Aurich. Keiner dieser Texte erreichte online mehr als 100 Leser, der Brandbrief des Zollhauses kam auf über 2000. Was wir daraus schließen? Die Leser finden Probleme attraktiver als Lösungen - aber sagen würden sie’s nie.

Kontakt: j.braun@zgo.de

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