Hamburg  Sechs Jahre mit Roland Kaiser: Wie wir aus Versehen zu Fans wurden

Karolina Meyer-Schilf
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Von Karolina Meyer-Schilf
| 16.08.2022 09:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Mit 70 immer noch auf der Bühne: Roland Kaiser. Foto: Imago Images/Jan Huebner
Mit 70 immer noch auf der Bühne: Roland Kaiser. Foto: Imago Images/Jan Huebner
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Seit sechs Jahren fahren vier Freunde zu Roland-Kaiser-Konzerten. Aus der Faszination des Schreckens wurde ein ethnologischer Blick auf Ost und West – und fast so etwas wie wahre Roland-Liebe.

„Nächstes Mal fahren wir wieder in den Osten“, sagt Sabine nach einer halben Stunde und rückt resolut ihren pinkfarbenen Roland-Kaiser-Plastikhut zurecht. Es ist das Jahr 2017, Roland Kaiser spielt im Hamburger Stadtpark, und wir sind dabei. Mit uns rund 5000 lustlose Hanseaten, von denen uns einer nach einer Dreiviertelstunde fragt: „Das Lied ist doch von Roland Kaiser, oder?“ Es soll ein Witz sein, wir nehmen ihm das Desinteresse übel.

Das Publikum besteht rund zur Hälfte aus Ehemännern in Geiselhaft, das ist deutlich zu sehen. Mit verschränkten Armen stehen sie da, insgesamt zweieinhalb Stunden lang, und verziehen keine Miene, während die Ehefrauen in angedeutetem Discofox auf der Stelle treten und schüchtern mitsingen. Stimmung insgesamt: so mittel.

Während der Osten regelmäßig in Ekstase gerät, sobald Roland Kaiser auftritt, ist das im Westen offenbar etwas anders. Wir jedenfalls sind enttäuscht, denn: Wir sind anderes gewohnt.

Alles begann 2015 in Sabines Küche in Ottensen. Wir feierten Geburtstag, ein paar gute alte Kollegen und Freunde, alle Historiker, die meisten Wissenschaftler. Es wurde spät und später, Udo Jürgens war seit einem Jahr tot, und plötzlich bedauerten wir, nie bei einem seiner Konzerte gewesen zu sein.

Wir überlegten: Wer ist eigentlich noch übrig von der alten Garde? Howard Carpendale. Nino de Angelo. „Roland Kaiser“, sagte schließlich jemand. Betretenes Schweigen. Dann, einige Stunden und mehrere Biere später: Kauften wir im Morgengrauen online Tickets für Roland Kaiser in Chemnitz.

Das Erwachen und die langsame Erkenntnis am nächsten Morgen waren hart, aber nun, 250 Euro waren von der Kreditkarte abgebucht und wir beschlossen: Das ziehen wir jetzt durch.

Die Widerstände in unserem Umfeld waren groß. „Also von mir hast du das nicht“, sagte etwa meine irritierte Mutter, deren Plattensammlung aus Deep Purple, Cream und Led Zeppelin besteht. Ich konnte mir vorstellen, was sie dabei gedacht haben mag: Da bringt man das Kind einigermaßen heil durchs Leben, und kaum ist es Mitte 30, gerät es doch noch auf die schiefe Bahn.

Wir ließen uns nicht beirren und einige Monate später war es schließlich so weit: Wir saßen im Auto auf dem Weg nach Chemnitz. Von Roland Kaiser kannten wir zuvor nicht viel mehr als „Joana, geboren um Liebe zu geben“, ein Lied, das der Alleinunterhalter auf dem Maasholmer Hafenfest wenige Wochen zuvor auch noch in die Mutterkreuz-Version „Joana, geboren um Leben zu schenken“ umgedichtet hatte.

Wir hatten beschlossen, die Sache analytisch anzugehen. Ulf bekam von seiner Freundin eine Roland-Kaiser-Doppel-CD zu Weihnachten geschenkt. Weil er über absolutes Nischen-Wissen zum Sanremo-Festival verfügt, klärte er uns von da an regelmäßig auf: „Extreme“ heißt eigentlich „Insieme“ und ist in Wahrheit von Toto Cutugno. „Sag ihm, dass ich dich liebe“ ist eigentlich „Storie di tutti i giorni“ von Riccardo Fogli, mit dem dieser 1982 das Festival gewann und das „endlich mal nicht dieser übliche Discofox-Stampf“ ist.

Gerrit, Sabine und ich hörten uns währenddessen auf Spotify und Apple Music um, immer besorgt, dass im falschen Moment die Kopfhörer ihre Verbindung zum iPhone verlören und alle Umstehenden in Bus und Bahn mitkriegen würden, was wir da hörten. Aber irgendwie mussten wir uns ja ins Œuvre einarbeiten und wenigstens halbwegs textsicher werden bis zum Konzert.

Relativ schnell wurde uns klar: Hier geht es nicht um den üblichen Schlager-Herzschmerz. Hier geht es knallhart zur Sache. „Keine Sekunde verlieren und mit dir explodieren“, „Haut an Haut verbrennen“, und: „Du hast mir gezeigt, wie nachts die Sonne aufgeht und Herz über Kopf Vernunft in Lust untergeht“ – ein Satz, den wir an einem Hamburger Kneipenabend umgehend einem kanadischen Gastwissenschaftler beibrachten, der sich am nächsten Tag bei seinem Deutschkurs im Goethe-Institut damit blamierte. Wir fragen uns noch heute, wie Roland Kaiser ihn beim Konzert über die Lippen bringt, ohne zu lachen.

Überhaupt, die Texte: „Entjungferungslyrik“ hatte die große Christiane Rösinger von den Lassie Singers einst in der taz genannt, was Roland Kaisers frühe Texte ausmacht. Angesichts von Textzeilen wie „Nachts an deinen schneeweißen Stränden hielt ich ihre Jugend in den Händen“ (Santa Maria) oder auch „Die Luft brennt und flimmert, dein Haar weht im Wind, du lachst unbekümmert und hell wie ein Kind“ (Südlich von mir) ist das nicht verwunderlich. Die „Kaisersche Textwelt“, so Rösingers Resümee, kreise um den „Seitensprung im Pauschalurlaub“.

Damit lag sie goldrichtig und Rösingers Zeilen gingen auch uns nicht mehr aus dem Kopf, als wir schließlich in Chemnitz ankamen, genauer: Im Wasserschloss Klaffenbach, vor dessen malerischer Kulisse das Spektakel stattfinden sollte. Während andere Leute in Wacken feierten, deckten wir uns mit Roland-Kaiser-Fanartikeln ein. Keine halben Sachen, wenn schon, denn schon: Sabine kaufte den pinkfarbenen Plastikhut, ich ein gleichfarbiges Armband mit seiner Unterschrift. Die Jungs zögerten noch.

Wir schauten uns um. Menschen zwischen acht und 80, ganze Familien, Freundinnengruppen mit Frisuren, die man seit 1990 nicht mehr gesehen hatte, und in T-Shirts, auf denen in riesigen Lettern „Ich bin eine Affäre“ stand. Was das bedeutete, verstanden wir erst später.

Und dann ging es tatsächlich los. Roland Kaiser hat eine erstklassige Band, das muss man wissen. „Gesine Schwan am Saxophon“, sagte Gerrit, als wir zum ersten Mal Tina Tandler sahen. Ihre Frisur erinnerte tatsächlich entfernt an die ewig verhinderte Bundespräsidentin der SPD. Nur das knappe, silberne Glitzerkleid passte nicht so recht. Inzwischen, Ehrensache, sind wir mindestens ebenso große Tina- wie Roland-Fans, denn was die furiose Frau aus Thüringen am Saxophon da abliefert, ist tatsächlich Weltklasse.

Überhaupt hatte uns Roland fast von Minute eins. Dachten wir zunächst noch, der Abend ließe sich nur mit Litern von Cocktails überstehen, waren wir sofort Teil einer einzigen, riesigen Roland-Liebe. Der wiederum stand statisch im Dreiteiler auf der Bühne, nannte sein Publikum „Liebe Freundinnen und Freunde“, tanzte nicht, machte nur hin und wieder undefinierbare Handbewegungen, um die „Entjungferungslyrik“ gestisch zu unterstreichen. Das Publikum tobte. Wir auch.

Und buchten wieder. Nach Chemnitz kam Hamburg, ein terminlicher Notbehelf unsererseits. Danach Schwerin: Alles beim Alten, das Publikum in Ekstase, wir mittlerweile textsicher. Auf Schwerin folgte Berlin, Waldbühne, ausverkauft. Auch hier wieder besonders augenfällig: Die Ehemänner. Nicht ganz so lustlos wie in Hamburg, aber doch eher passiv. Ihr Beitrag bestand darin, ihren Frauen eine Erdbeerbowle für 24,50 Euro zu kaufen, dann setzten sie sich hin und ließen das Konzert über sich ergehen.

Die Frauen wiederum rührten uns: Sie hatten sich hübsch gemacht für das Konzert und sangen so enthusiastisch mit, dass man nicht umhin kam, küchenpsychologische Deutungen anzustellen: Was ist es, das offenbar vor allem Frauen an Roland-Kaiser-Liedern fasziniert? „Ich sollte dich nicht mit all meinen Sinnen begehren, als ob wir nicht schon beide vergeben wären“, heißt es etwa in dem Hit-Duett „Warum hast du nicht Nein gesagt“ mit Maite Kelly, und man möchte wirklich wissen, an wen diese ekstatischen Frauen dabei so denken, während ihre Männer neben ihnen ins Leere starren.

Der Höhepunkt unserer Roland-Liebe schließlich fand ausgerechnet 2020 statt: Wir hatten Karten für das Konzert in Kamenz gebucht – schön weit östlich, fast schon in Polen und damit unter Garantie so enthusiastisch, wie wir es aus den vergangenen Jahren kannten. Dann kam Corona – und das Konzert wurde abgesagt.

Wir fuhren trotzdem hin, die Ferienwohnung war gebucht. Wir brachen kurzerhand in die abgesperrte Hutbergbühne ein und sangen auf der Bühne eben selbst. Die Videos davon sind selbstverständlich unter Verschluss.

Nach diesem Höhepunkt kann eigentlich nicht mehr viel kommen. Eine letzte Chance gaben wir schließlich dem Westen: Roland Kaiser in Bonn. Er ist jetzt 70, und im Gegensatz zu ihm ermüden wir langsam in unserem Eifer. Es schien uns daher eine gute Idee, den Bogen zur alten Bundesrepublik zu schlagen – "Lieb mich ein letztes Mal" – und mit fast ethnologischer Sicht noch einmal auf sein Publikum zu schauen, das wir nun seit Jahren hautnah erleben.

Die Rheinländer, denen wir aus der Ferne gute Laune auf Knopfdruck zugeschrieben hatten, enttäuschen auf ganzer Linie: Sie kommen zwar zahlreich, aber nur, um sich vor Ort in größeren Gruppen zu unterhalten. Wenige singen mit, von der Ekstase etwa des Dresdener Elbufers, an dem alljährlich die sofort ausverkaufte „Kaisermania“ stattfindet, ist hier, in den Rheinauen, nahezu nichts zu spüren. Das mag zwar auch an den 33 Grad in der sengenden Sonne liegen, aber doch: Roland Kaiser fühlt sich im Westen anders an.

Nur später im Hotel stellt sich die altbekannte Roland-Routine ein: Wie sich herausstellt, waren offenbar sämtliche Insassen des Motel One in diesem Konzert. Waren sie in den Tagen zuvor noch unauffällig unterwegs gewesen, dominieren am späten Abend in der Hotelbar die Fan-Shirts und Roland-Becher. Im Fahrstuhl dann der letzte Tipp: Es gibt eine „100 % Prozent Kaiser“-App. „Da gibt’s den ganzen Tag rauf und runter Roland“, sagt eine ältere Frau. Ihre Augen glänzen. Und wir überlegen doch wieder: Dann aber wirklich nur noch im Osten.

Und hier geht‘s zu den nach sechsjähriger Konzerterfahrung exklusiv für unsere Leser sorgfältig ausgewählten Roland-Kaiser-Top Ten:

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