1939 vor den Nazis aus Leer geflohen  Auf den Spuren des geliebten Vaters und Großvaters

Katja Mielcarek
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Von Katja Mielcarek
| 16.08.2022 19:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ist das Opa? Miriam Speier (2. von rechts) schaut sich mit Ehemann Horacio Dobry und ihren Kindern Orly und Ariel sowie Susanne Bracht alte Fotos an. Fotos: Mielcarek
Ist das Opa? Miriam Speier (2. von rechts) schaut sich mit Ehemann Horacio Dobry und ihren Kindern Orly und Ariel sowie Susanne Bracht alte Fotos an. Fotos: Mielcarek
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Emotionale zwei Tage hat die Familie des 1939 aus Leer nach Argentinien geflohenen Albrecht Speier in Leer verbracht. Für eine baldige nochmalige Reise nach Leer könnte es einen guten Grund geben.

Leer - Albrecht Speier wäre gerne selber noch mal nach Leer gereist, erzählt seine Tochter Miriam Speier. Er hat es nicht mehr geschafft. Im April ist er 90-jährig in Argentinien gestorben. Dorthin war er im Jahr 1939 im Alter von sieben Jahren mit seiner jüdischen Familie vor den Nationalsozialisten geflohen, „mit dem letzten Schiff, das von Hamburg nach Argentinien fuhr“, sagt seine Tochter.

Was und warum

Darum geht es: Tochter, Schwiegersohn und zwei Enkel von Albrecht Speier haben zwei emotionale Tage in Leer verbracht

Vor allem interessant für: alle, für die die Nazi-Zeit nicht abgehakt ist

Deshalb berichten wir: Die Nachkommen von Albrecht Speier, der 1939 vor den Nazis nach Argentinien geflohen, waren aus Israel nach Leer gekommen.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.mielcarek@zgo.de

Sie ist mit ihrem Mann Horacio Dobry, Sohn Ariel (19) und Tochter Orly (12) für zwei Tage aus Israel nach Leer gekommen. „Vor allem Ariel hat sich das nach dem Tod seines Großvaters gewünscht. Die beiden waren sich sehr nahe.“ Sein Opa habe ihm viel aus der Zeit in Leer erzählt, sagt Ariel. „Ich wollte die Orte sehen, von denen er geredet hat, auf Straßen gehen, auf denen er vielleicht auch gegangen ist. Das ist mir sehr wichtig.“

Begegnung mit Albrecht Weinberg

Das ehemalige Wohnhaus der Speiers in der Edzardstraße, die Synagogen-Gedenkstätte, der jüdische Friedhof: Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Ostfriesland ist die erste Ansprechpartnerin für die Familie für diese Reise und hat den Besuch der wichtigsten Anlaufstellen für die Familie organisiert.

Miriam Speier (Mitte) und ihr Sohn Ariel lassen sich von Susanne Bracht die Ausstellung in der ehemaligen jüdischen Schule erklären.
Miriam Speier (Mitte) und ihr Sohn Ariel lassen sich von Susanne Bracht die Ausstellung in der ehemaligen jüdischen Schule erklären.

Immer mit dabei ist Stadtarchivar Jan Böttche. Pastor Udo Groenewold kannte Albrecht Speier von einem früheren Besuch in Leer vor beinahe 40 Jahren und begleitet die Familie – auch zum Empfang im Rathaus. Wichtig ist auch die Begegnung mit dem Holocaust-Überlebenden Albrecht Weinberg, der vor allem den Kindern von seiner Kindheit in Leer berichtet, von den Anfeindungen, den Konzentrationslagern und Todesmärschen, die er überlebt hat.

Dankbar für Unterstützung

In der ehemaligen jüdischen Schule präsentiert Leiterin Susanne Bracht alte Fotos, auf denen Miriam Speier ihre Tante, Großeltern und auch ihren Vater erkennt. Zu Tränen gerührt berichtet die ihrerseits, was ihr Vater ihr erzählt hatte – wichtige Informationen für die Leeraner, die seit Jahrzehnten akribisch Namen und Daten der jüdischen Familien zusammentragen, die in Leer gelebt haben. Mit dabei ist weiter Albrecht Weinberg, der 1947 mit seiner Schwester Friedel nach Amerika auswanderte. Die gegenseitige Zuneigung ist nicht zu übersehen: ein kurzes Streicheln über den Arm, eine Hand auf der Schulter – gemeinsame Geschichte verbindet.

Gemeinsame Geschichte verbindet: Albrecht Weinberg und Miriam Speier (links). In der Mitte Bruno Schachner und Frauke Maschmeyer-Pühl.
Gemeinsame Geschichte verbindet: Albrecht Weinberg und Miriam Speier (links). In der Mitte Bruno Schachner und Frauke Maschmeyer-Pühl.

„Wir sind so dankbar, dass wir von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) in Ostfriesland und auch von der Stadt so sehr unterstützt worden sind“, sagt Miriam Speier. „Das ist so wertvoll für uns“, ergänzt ihr Mann. Die Stadt habe die Reise der Familie mit 1500 Euro unterstützt, teilt Stadtsprecherin Sabine Dannen auf Anfrage mit. „Solche Besuchsanfragen erreichen uns immer wieder“, sagt GCJZ-Vorsitzender Wolfgang Kellner. Diese Besuche möglich zu machen und so die Erinnerung und das Bewusstsein für das, was auch in Leer passiert ist, lebendig zu halten, sei auch in Zukunft wichtig.

Stolperstein für den Vater

Als der Besuch in der ehemaligen jüdischen Schule zu Ende geht, steht noch ein Eintrag ins Gästebuch an. Daneben liegt ein Flugblatt, das über die Stolpersteine informiert, die jetzt auch in Leer verlegt werden sollen. Sie werden in ganz Deutschland vor den Häusern verlegt, in denen Opfer des Nationalsozialismus lebten. Das Projekt kennt Miriam Speier noch nicht und lässt es sich erklären. „Das ist wunderbar, das wünsche ich mir für meinen Vater auch, dann komme ich mit meinen Kindern wieder“, sagt sie spontan.

Miriam Speier und ihr Sohn Ariel haben sich in das Gästebuch der ehemaligen jüdischen Schule eingetragen: Sie bedanken sich für die freundliche Einladung. Es sei wundervoll gewesen.
Miriam Speier und ihr Sohn Ariel haben sich in das Gästebuch der ehemaligen jüdischen Schule eingetragen: Sie bedanken sich für die freundliche Einladung. Es sei wundervoll gewesen.

Die beiden Tage haben Spuren hinterlassen. Sie sieht ein wenig erschöpft aus. „Unvorstellbar emotional“ sei dieser Besuch gewesen, sagt Miriam Speier. Sie werde bei Familie und Freunden in Israel und Argentinien unglaublich viel zu erzählen haben. Möglich, dass das auch andere motivieren werde, noch einmal nach Deutschland zurückzukehren oder sich auf auf die Spuren ihrer Vorfahren zu begeben. Aber es gebe auch Betroffene, die das auf keinen Fall wollen: „Für meine Oma und meine Tante war das nicht vorstellbar.“

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