Sylt  Wie geht es weiter nach dem 9-Euro-Ticket? Das wünschen sich Sylter

Nils Leifeld
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Von Nils Leifeld
| 15.08.2022 17:50 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Ein Zug steht am Bahnhof in Westerland auf Sylt. Foto: www.imago-images.de
Ein Zug steht am Bahnhof in Westerland auf Sylt. Foto: www.imago-images.de
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In zweieinhalb Wochen endet die Gültigkeit des 9-Euro-Tickets. Wie soll es danach weitergehen mit den Preisen für eine Zugfahrt nach Sylt? Wir haben bei Syltern und Bewohnern des Punk-Protestcamps nachgefragt: Das wünschen sie sich ab September.

Das 9-Euro-Ticket geht in seine letzten Wochen. Bis Mittwoch, 31. August, ist der dreimonatige Billig-Fahrschein in Deutschland gültig. Wie es anschließend weitergeht, haben die Bundespolitiker noch nicht entschieden. Insbesondere Sylt wurde in den folgenden Wochen von Tausenden 9-Euro-Urlaubern heimgesucht. Inzwischen ist die Euphorie über das Ticket bei vielen Menschen auf Sylt der Ernüchterung gewichen.

Mit dem näher rückenden Ende des 9-Euro-Tickets stellt sich die Frage: Wie soll es ab September weitergehen mit den Kosten für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) und insbesondere Zugfahrten in Deutschland. Shz.de hat sich auf der Insel umgehört und mit Menschen aus Politik, Kultur und Gesellschaft gesprochen.

Ein großer Befürworter des 9-Euro-Tickets und dessen Fortsetzung ist Dr. Roland Klockenhoff, Fraktionsvorsitzender der Grünen in der Gemeinde Sylt: „Ich bin für eine Fortführung des 9-Euro-Tickets als Dauereinrichtung und gleichzeitig verbunden mit einer gesellschaftlichen Kraftanstrengung zum Ausbau und zur Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs“, sagt er.

Das sei aus sozialpolitischen und ökologischen Gründen eine sinnbringende Maßnahme. „Sylt braucht eine Verkehrswende, was einem täglich vor Augen geführt wird. Insular betrachtet setzen sich die Grünen seit vielen Jahren für eine Nutzung der Busse durch die Kurkarte ein und kritisieren die Subventionierung des Flughafens durch Steuergelder.“

Ähnlicher Auffassung wie Klockenhoff ist die Sylter Schriftstellerin und Gästeführerin Silke von Bremen. „Selbstverständlich bin ich dafür, dass der öffentliche Nahverkehr attraktiver und bezahlbarer wird. Der Individualverkehr in jetziger Form - das ist ja wissenschaftlich längst bewiesen - ist nicht zukunftstauglich. Ich persönlich würde mich freuen, wenn das 9-Euro-Ticket fortgeführt würde, denn ich stecke noch mitten in der Saison und habe das Angebot praktisch nicht nutzen können“, so von Bremen.

Da sie lediglich ein kleines E-Auto für die Insel habe, nutze sie immer die Bahn, wenn sie aufs Festland fahre. „Und für ein bezahlbares Ticket, mit dem man alle Angebote des ÖPNV nutzen kann, wäre ich dankbar.“

Pendlerin Heidi S., fährt jeden Tag von Klanxbüll nach Westerland zu ihrem Job auf Sylt. Sie ist kein Fan vom 9-Euro-Ticket. „Ich würde mir wünschen, dass das 9-Euro-Ticket nicht verlängert wird, da die Züge einfach zu voll sind, das macht schon lange keinen Spaß mehr. Oder wenn man das 9-Euro-Ticket verlängert, dann nur für Berufspendler, die nachweisen können, dass sie auf Sylt arbeiten, und nicht für Touristen.“

Mit dieser Meinung geht die Berufspendlerin konform mit Holger Flessau, Hauptausschussvorsitzender und Gemeindevertreter (CDU): „Eine Fortsetzung des 9-Euro-Tickets macht für mich absolut keinen Sinn. Die Kapazitäten reichen schlicht und ergreifend nicht aus. Das war mal wieder ein Schnellschuss der Politik, entworfen im Glashaus in Berlin, ohne sich vorher auf die Folgen gefasst zu machen“, sagt Flessau.

Das Bahnpersonal sei komplett überlastet, vor allem die Servicekräfte. Er frage sich auch, welche Familie mit der Bahn in den Urlaub fährt: „Das 9-Euro-Ticket ist sehr attraktiv für eine bestimmte Klientel. Aber viele andere Reisenden werden dadurch belastet. Was ich sinnvoll fände, wäre ein 365-Euro-Jahresticket. Das wären knapp 30 Euro pro Monat, was immer noch ein super Angebot wäre.“

Der Auffassung von Holger Flessau würde Lukas, Sprecher der Punks im Protest-Camp vor dem Rathaus, widersprechen. „Ich bin absolut dafür, dass das 9-Euro-Ticket auf unbestimmte Zeit verlängert wird. In anderen Ländern ist der ÖPNV schon komplett kostenlos, das ist auch bei uns in Deutschland absolut notwendig“, sagt der 35-Jährige. „Wir müssen dafür sorgen, dass der Verkehr wieder komplett in die öffentliche Hand zurückkehrt und nicht noch weiter privatisiert wird. Privatisierungen haben in Deutschland nie funktioniert, das macht alles nur schlimmer.“

Unterstützung erhält Lukas von seiner Co-Sprecherin Lara. „Ich wünsche mir, dass das 9-Euro-Ticket auf unbestimmte Zeit verlängert wird. Reisen darf nicht nur den Wohlhabenden vorbehalten sein. Jeder Mensch sollte die Möglichkeit haben, das eigene Land zu erkunden und zu bereisen“, so die 21-Jährige aus Bottrop.

Achim Bonnichsen ist Sprecher der Marschbahn-Pendlerinitiative. Er zeigt sich gegenüber shz.de enttäuscht von den Folgen des 9-Euro-Tickets für Pendler. „Das 9-Euro-Ticket hat zwar zu einer finanziellen Entlastung vieler Pendler geführt, aber auch zu einer sehr großen Belastung durch völlig überfüllte Züge, Fahrräder in den Durchgängen, kaum eingehaltene Maskenpflicht und so weiter und so fort.

Wenn man dann abwägt, würde ich sagen, wäre es besser, das 9-Euro-Ticket nicht weiterzuführen und wenn dann nur für Berufspendler.“ Man habe auf Sylt eine besondere Situation, dass die Pendler auf den Zug angewiesen sind und kaum eine andere Möglichkeit haben, um auf die Insel zu kommen. „Da wäre es nur fair, wenn es speziell für die Pendler eine Entlastung geben würde“, so der Pendler-Sprecher.

Etwas uneins in der Frage, ob das 9-Euro-Ticket nur gut oder nur schlecht für Sylt war, ist Bestseller-Autorin Susanne Matthiessen. „Zwei Seelen in meiner Brust. Habe das Ticket ausführlich genutzt und mich über die einfache Handhabung gefreut. Habe aber auch gesehen, wie die Pendlerinnen und Pendler, das Zugpersonal und die Insel insgesamt gelitten haben. Für Sylt war es kein Gewinn.“

Wie es ab September weitergehen könnte, darüber gibt es in der Politik derzeit hitzige Diskussionen. Die Grünen haben ein Konzept für die Nachfolge vorgestellt. Anstelle des 9-Euro-Tickets soll es aus ihrer Sicht zwei Ticket-Varianten geben: ein Regionalticket für 29 Euro im Monat und ein bundesweites Ticket für 49 Euro. Für ein 29-Euro-Ticket hatten sich zuvor auch die Verbraucherzentralen ausgesprochen. Der Verband deutscher Verkehrsunternehmen schlägt ein Klimaticket für Bus und Bahn für 69 Euro im Monat. Es soll in ganz Deutschland gelten, für alle Regionalbahnen, Busse, U- und S-Bahnen und Trams.

Die große Frage ist: Wer bezahlt die Kosten fürs Ticket? Beim Vorschlag der Grünen mit einem 29-Euro-Regionalticket und einem 49-Euro-Bundesticket wären jährlich Zuschüsse von zwei Milliarden Euro für die Verkehrsbetriebe nötig, rechnet der Verband deutscher Verkehrsunternehmen vor. Aus der SPD kommt der Vorschlag, günstige ÖPNV-Tickets mit einer Sondersteuer auf hohe Zusatzgewinne von Energieunternehmen gegen zu finanzieren. Beide Vorschläge stoßen auf Kritik bei der FDP.

Das 9-Euro-Ticket in seiner bisherigen Form weiterzuführen, lehnt Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) ab. Das sei auf Dauer nicht finanzierbar. Sein Parteikollege, Bundesfinanzminister Christian Lindner, hat sich auch klar dagegen ausgesprochen, ein Nachfolgeticket aus dem Bundeshaushalt zu finanzieren. Dafür stünden keine Bundesmittel bereit.

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