Archäologische Grabungen  Wenn Geschichte den Bau von Häusern verzögert

Michael Hillebrand
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Von Michael Hillebrand
| 10.08.2022 12:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Eigentlich sollen im Quartier Hinter Kirchgang mehrere Gebäude für 20 neue Wohnungen und zwei Geschäftsflächen weichen. Bis es so weit ist, müssen aber einige Gutachten vorliegen. Aktuell stehen Untersuchungen durch Archäologen aus. Foto: Wagenaar
Eigentlich sollen im Quartier Hinter Kirchgang mehrere Gebäude für 20 neue Wohnungen und zwei Geschäftsflächen weichen. Bis es so weit ist, müssen aber einige Gutachten vorliegen. Aktuell stehen Untersuchungen durch Archäologen aus. Foto: Wagenaar
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Archäologische Untersuchungen können auch private Hausbauer treffen. Eine Expertin sagt, womit man rechnen muss und was man beachten sollte.

Hinte/Aurich - Bevor beim Hinter Kirchgang in Hinte 20 Wohnungen und zwei Geschäfte entstehen können, müssen Archäologen das Gebiet untersuchen. Das wurde vor einem Monat bekannt. Gespräche der Vorhabenträger mit den Forschern und mit der Gemeinde stehen aber noch immer aus, wie jetzt die beiden zuletzt Genannten bestätigen. Es ist bei weitem nicht das einzige größere Projekt, bei dem die Vergangenheit im Boden zum Umplanen drängt. Wie aber sieht es für Familien aus, die nur einmal im Leben ein eigenes Haus bauen wollen, das sie sich mühsam zusammensparen? Müssen auch sie womöglich mit langen Bauverzögerungen und hohen Extrakosten rechnen?

Was und warum

Darum geht es: um die Folgen von möglichen archäologischen Untersuchungen für private Bauvorhaben

Vor allem interessant für: Personen, die ein Haus bauen möchten

Deshalb berichten wir: In Hinte und auch andernorts müssen hin und wieder Bauvorhaben pausiert werden, weil Untersuchungen anstehen.

Den Autor erreichen Sie unter:m.hillebrand@zgo.de

Dr. Sonja König vom Archäologischen Dienst der Ostfriesischen Landschaft hat andauernd mit Bodenuntersuchungen zu tun. Zwischen 2000 und 2200 Bauvorhaben gehen jedes Jahr bei ihr und ihren Kollegen über den Schreibtisch und nur wenn sie grünes Licht geben, kann es weitergehen. König sagt jedoch im Gespräch mit unserer Zeitung, dass es immer auf den Einzelfall ankomme, wie lange die Arbeiten vor Ort dauern, wie viel sie kosten und ob die Erde überhaupt geöffnet werden muss.

Achtung bei alten Grundstücken

Wer beispielsweise von einer Gemeinde ein Grundstück in einem neu angelegten Baugebiet kaufe, müsse sich eigentlich keine Sorgen machen. Für die Erschließung der Grundstücke sei nämlich vorab eine Bauleitplanung vorgeschrieben. Währenddessen wird vieles geklärt und es werden verschiedene Gutachten eingeholt, um überhaupt zum Beispiel Ackerland in Bauland umwidmen zu dürfen. Die sogenannten Träger öffentlicher Belange, zu denen auch die Archäologen gehören, bekommen in diesem Zeitraum die Gelegenheit, Einspruch zu erheben.

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Anders sehe es aus, wenn man ein älteres Grundstück mit Haus erwerbe, das für einen Neubau abgerissen werden soll. So soll auch am Hinter Kirchgang eine Reihe von Gebäuden dafür entfernt werden. König empfiehlt, sich bei solchen Planungen möglichst frühzeitig bei den Behörden zu melden. Die Bauämter und die Unteren Denkmalschutzbehörden wüssten in der Regel gut darüber Bescheid, was auf den Vorhabenträger zukomme. Im Falle der Fläche beim Hinter Kirchgang beispielsweise handelt es sich um eine Wurt, also um eine alte Siedlungsstätte auf einer von Menschenhand aufgeschichteten Anhöhe. Diese stellten grundsätzlich Bodendenkmäler dar, die unter Schutz stünden.

Davon hängen Zeit und Kosten ab

König betont jedoch auch, dass sie und ihre Kolleginnen und Kollegen mit sich sprechen lassen und es manchmal schon ausreiche, nur minimal von den ursprünglichen Bauplänen abzuweichen. Werde beispielsweise in den alten Grundmauern neugebaut, gebe es in der Regel keine Probleme. Entscheide man sich hingegen für einen größeren Zuschnitt und plane zudem einen Keller oder Swimming-Pool, sehe das unter Umständen anders aus. Alte Häuser seien dabei grundsätzlich immer interessant, weil man früher die Fundamente noch nicht so tief in den Boden gerammt habe und das, was sich darin versteckte, verschont blieb.

Wie teuer und zeitaufwendig eine archäologische Untersuchung wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Soll beispielsweise ein Stall erweitert werden und die Archäologen müssen einen Baggereinsatz begleiten, dauere das manchmal nur einen halben Tag lang und sei für den Erschließungsträger – in dem Fall den Landwirt – kostenlos. Handelt es sich hingegen um einen großen Eingriff in einen historischen Untergrund mit viel geschichtlichem Potenzial, könne es auch Wochen oder Monate dauern. Je nachdem, in welcher Jahreszeit gearbeitet, welche Technik genutzt werde und wie groß das Grabungsteam sei. Bei größeren Bauvorhaben lasse sich sagen, dass die archäologischen Untersuchungen einen „kleinen einstelligen Prozentwert“ der Gesamtkosten ausmachen können.

Ausgraben kann man nur einmal

Dennoch komme es auch immer mal wieder vor, dass Bauprojekte deswegen aufgegeben werden. Darüber hinaus gebe es außerordentlich bedeutende Bodendenkmäler wie Hünengräber, auf denen grundsätzlich nicht gebaut werden dürfe. Wo gearbeitet werde, gehe nämlich immer etwas kaputt. Entweder, weil sich danach der Grundwasserspiegel verändere und das Vergrabene angegriffen werde oder weil Landwirte mit ihren Pflügen zu stark den Boden bearbeiten.

Grundsätzlich versuche man, potenzielle Fundorte so lange es geht eingegraben zu lassen, damit sich die Technik möglichst lange weiterentwickeln kann. So habe es die heutigen Untersuchungsmöglichkeiten früher nicht gegeben und Fundstellen lassen sich laut König immer nur einmal richtig untersuchen. Häufig arbeite man daher mit Prospektionen, also Probebohrungen, um erste Einschätzungen treffen zu können.

König betont, dass archäologische Arbeiten auch parallel zu anderen Untersuchungen laufen können. Von denen gibt es viele und oftmals sind sie es, über die unsere Zeitung im Zusammenhang mit Bauverzögerungen berichtet. Seien es Gutachten zu Luftverunreinigungen, Lärm, Erschütterungen, Wärme, Strahlung, Kampfmitteln, Verkehr, Grundwasser, Tier- und Pflanzenschutz und mehr. Dazu kommen in manchen Fällen Fördermittel, deren Beantragung und Bewilligung sich ebenfalls in die Länge ziehen können.

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