Kolumne „Artikel 1, GG“  Feindseligkeit macht einen sprachlos

Canan Topçu
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Eine Kolumne von Canan Topçu
| 10.08.2022 08:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Canan Topcu
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In unserer Mittwochs-Kolumne geht es immer um das Verbindende und Trennende von Kulturen. Diesmal: syrische Flüchtlinge in der Türkei.

Seit nunmehr zwei Wochen bin ich in der Türkei und nutze hier jede Gelegenheit, um mich mit Einheimischem auszutauschen. Mit wem ich auch spreche: Alle klagen – vor allem über die täglich steigenden Lebenshaltungskosten. Und früher oder später schimpfen fast alle auf syrische Flüchtlinge. Sie bekämen jede Menge finanzielle Unterstützung vom türkischen Staat, während die bedürftigen Landleute leer ausgingen.

Zur Person

Canan Topçu (56) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.

Viele Menschen in der Türkei glauben ernsthaft, dass es sich die syrischen Flüchtlinge im Land so richtig gut gehen lassen. Was ich in fast jeder Unterhaltung zu hören bekomme: Dass sie sich „wie die Karnickel vermehren“. Die hohe Geburtsrate – angeblich sechs Kinder pro Familie – gehöre zur Strategie, und wenn es so weitergehe, dann würden die Syrier in 20 Jahren die Mehrheit der Bevölkerung in der Türkei bilden.

Die Verschwörungserzählung von der Umvolkung gibt’s also auch hier und sie wird weitgehend unhinterfragt weitergegeben. Einer meiner Gesprächspartner schickte mir, um seine Aussagen zu untermauern, ein Video, in dem eine namhafte türkische Journalistin „Fakten“ zu Flüchtlingen vorträgt.

Egal, ob es akademisch gebildete Menschen sind oder Tagelöhner ohne Schulabschluss: Aus ihren Mündern sprudelt ungefilterter Rassismus. Diese ungehemmt und unhinterfragt artikulierte Feindseligkeit in der Türkei hat mich während meines Besuchs sprachlos gemacht.

Anfangs wollte ich mit den Menschen vor Ort noch Gespräche darüber führen, warum die syrischen Flüchtlinge für all die Miseren im Land verantwortlich gemacht werden. Aber schon bald habe ich resigniert, weil ich gemerkt habe, dass meine Versuche sinnlos sind. All die Menschen, mit denen ich hier im Austausch war, scheinen die syrischen Flüchtlinge als Sündenbock zu brauchen. Auf diese Weise umgehen sie es, sich den wahren Ursachen der ökonomischen Krise in der Türkei, der Vetternwirtschaft und des zerbröckelten Rechtsstaats zu stellen.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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