Berlin Fünf Entdeckungen von Frauen, für die Männer die Lorbeeren bekamen
Otto Hahn hat die Atomspaltung entdeckt, Charles Babbage hat den Vorläufer des modernen Computers entwickelt? Nicht ganz. Für viele bahnbrechende Entdeckungen und Errungenschaften haben Männer Preise und Lob bekommen – obwohl eigentlich Frauen dahinter stecken.
Unsere Geschichtsbücher sind voll mit Männern – Männer, die regieren, Heere anführen, Politik machen, bahnbrechende Erfindungen mit der Menschheit teilen. Doch immer wieder waren es Frauen, die die entscheidende Entdeckung gemacht haben oder den wegweisenden Einfall hatten. In die Geschichte eingegangen sind jedoch Männer – oft ihre Arbeitskollegen oder Chefs.
Es ist der sogenannte Matilda-Effekt: Die Verdrängung von Frauen aus der Geschichte wissenschaftlichen Fortschritts. Er ist benannt nach der amerikanischen Frauenrechtlerin Matilda Joslyn Gage, die dieses Phänomen Ende des 19. Jahrhunderts als Erste beschrieben hat. Welche Errungenschaften haben wir also eigentlich Frauen zu verdanken?
Es war eine der wichtigsten Entdeckungen des 20. Jahrhunderts: die Kernspaltung. Sie wurde die Grundlage für die Atombombe und die Atomkraft. Zu ihrer Entdeckung leistete die schwedisch-österreichische Physikerin Lise Meitner einen gewaltigen Beitrag – doch den Nobelpreis erhielt ihr Kollege Otto Hahn.
Über mehrere Jahrzehnte arbeiteten die beiden zusammen in der „physikalisch-radioaktiven Abteilung“ des Berliner Instituts. Meitner war die erste Frau in Deutschland, die einen Professorentitel trug. Als die Nazis in Deutschland erstarkten und sie sich als Jüdin im Land nicht mehr sicher fühlte, floh sie 1938 nach Schweden. Ihr Mitstreiter in Berlin setzte ihre Forschung fort: Otto Hahn beschoss Uran mit Neutronen und entdeckte, dass dabei das leichtere Element Barium entstand. Begründen konnte er das nicht.
Erst Lise Meitner lieferte eine Erklärung: Der Uran-Atomkern wird durch den Beschuss mit Neutronen instabil und zerplatzt. Dabei entstehen zwei ungefähr gleich große Kerne eines leichteren Elements. Der Kern wird also gespalten. Meitner berechnete außerdem die dabei frei werdende Energiemenge – der Grundgedanke der Atomkraft.
Ada Lovelace, geboren 1815, arbeitete mit dem Mathematiker und Erfinder Charles Babbage zusammen an der ersten sogenannten „Analytical Engine“, einer „Analytischen Maschine“, die als Vorläufer moderner Computer gilt. Während Babbage darin vor allem eine Möglichkeit sah, numerische Rechnungen anzustellen, blickte Lovelace weit darüber hinaus. Auf Wunsch von Babbage übersetzte sie seinen Artikel über die Maschine aus dem Französischen ins Englische – und fügte einige eigene Notizen an.
Ihre Version des Artikels hatte gut die dreifache Länge und legte ihre Vision vom Potenzial der Maschine dar: Man könnte dem Gerät Daten füttern, glaubte sie, es könnte Musiknoten, Bilder oder Buchstaben verarbeiten und Lösungen für mathematische Gleichungen finden. Sie legte außerdem einen Plan zur maschinellen Berechnung von Bernoulli-Zahlen bei – und wurde damit zur ersten Programmiererin der Welt.
Obwohl ihre Ideen dem Stand der Informatik um gut ein Jahrhundert voraus waren und über Charles Babbages vergleichsweise simples Konzept weit hinaus gingen, wurde ihr Beitrag zur Informatik lange debattiert. Babbage galt als ursprünglicher Erfinder der Analytischen Maschine und als der wegweisendere Forscher. Heute ist immerhin eine Programmiersprache nach Lovelace benannt, die Ada.
Wer nach Bildern oder Videos zur ersten Mondlandung der USA sucht, findet vor allem Männer: Die drei Astronauten Neil Armstrong, Edwin „Buzz“ Aldrin und Michael Collins, Dutzende Männer im Kontrollzentrum der Nasa.
Sehen Sie hier ein Video der Mondlandung, das die Nasa zum 70. Jahrestag des Ereignisses hochgeladen hat:
Doch die wesentlichen Berechnungen, die die Mondlandung im Jahr 1969 überhaupt möglich gemacht haben, wurden woanders angestellt. Katherine Johnson und eine Gruppe schwarzer Mathematikerinnen berechneten in einem streng nach Rassentrennung unterteilten Bereich mathematische Formeln für die Nasa – die „Computer in Röcken“.
Johnson schaffte es in den 1950er Jahren in die Abteilung der Flugforschung, in der bis dahin nur weiße Männer gearbeitet hatten, und machte sich mit ihren analytischen Fähigkeiten schnell unentbehrlich. Der Astronaut John Glenn bestand darauf, vor seiner Raumfahrt die Berechnung der Umlaufbahn zu prüfen. „Get the girl!“ soll er gesagt haben, „Holt das Mädchen!“ Glenns Flug markierte den Wendepunkt im Rennen zwischen der Sowjetunion und den USA im Weltraum.
Ende der 1960er Jahre berechnete Johnson die Umlaufbahn für die Apollo-11-Mission, die erste bemannte Raumfahrt zum Mond. Doch erst 2015 erhielt sie für ihren Beitrag eine Anerkennung. Der damalige Präsident Barack Obama verlieh ihr die Presidential Medal of Freedom. Ihre Geschichte wurde 2017 in dem Film „Hidden Figures“ verfilmt.
Es ist eines der beliebtesten Spiele der Welt: Monopoly. In den 1930er Jahren kam es in den USA auf den Markt – und machte einen einfachen, arbeitslosen Mann namens Charles Darrow zum Millionär, dem ersten Brettspiele-Millionär überhaupt. Der Inbegriff des American Dream. Doch die Idee für Monopoly kam nicht von Darrow. Etwa 30 Jahre früher entwickelte Elizabeth Magie das Spiel „The Landlord‘s Game“ (übersetzt: „Das Spiel des Vermieters“).
Während die heutige Version von Monopoly den Kapitalismus feiert und Spieler rücksichtlos Geld und Immobilien ansammeln müssen, war Magies Idee eine andere. Sie war eine Anhängerin des sogenannten Georgismus, eine sozialreformerische Theorie des Ökonomen Henry George. Die beiden Hauptgedanken: Menschen sollten nur den Besitz haben, den sie sich selbst durch Arbeit erschaffen haben. Und: Einkünfte aus Grundbesitz ohne die Investition von Arbeit führen zu einer massiven sozialen und ökonomischen Schere in der Gesellschaft und zur Verelendung eines Großteils der Bevölkerung.
Elizabeth Magie wollte die Theorie durch ihr Spiel verständlicher machen. Es war eine Sozialkritik an genau dem, was Darrow später zum Spielziel machte. Darrow, der das Vermieter-Spiel bei Freunden kennenlernte, kopierte Magies Idee und verkaufte sie als „Monopoly“ an die Parker Brothers, die das Original ein paar Jahrzehnte zuvor noch als zu politisch abgelehnt hatten. Die Parker Brothers kauften später Magies Patent – für rund 500 Dollar.
Die Entdeckung der Doppelhelixstruktur der DNA war wohl eine der bedeutendsten in der Geschichte der Naturwissenschaften – und ihre Entdecker gehörten lange zu den umstrittensten. Die Forscher James Watson und Francis Crick erhielten einen Nobelpreis für die Entschlüsselung der DNA, doch ihre Forschungsergebnisse stammten zu einem elementaren Teil von jemand anderem. Die Chemikerin Rosalind Franklin erforschte am Londoner King‘s College zeitgleich die DNA. Sie schaffte es, eine Röntgenaufnahme ihrer Struktur zu machen, auf der die Doppelhelix erkennbar war.
Watson und Crick übernahmen Franklins Forschungsergebnisse samt des revolutionären Bilds in ihren eigenen Artikel, ohne sie um Erlaubnis zu bitten. Franklin wurde nur nebenbei erwähnt.
In seiner Abhandlung „Die Doppelhelix“ nannte Watson sie „Rosy“ – ein Spitzname, den Rosalind Franklin immer abgelehnt hatte. Zudem kritisiert er darin ihr Aussehen anstatt über ihre Arbeit zu schreiben: „Sie tat nichts, um ihre weiblichen Eigenschaften zu unterstreichen. Trotz ihrer scharfen Züge war sie nicht unattraktiv, und sie wäre sogar hinreißend gewesen, hätte sie auch nur das geringste Interesse für ihre Kleidung gezeigt.“