Tierheime befürchten Abgabewelle  Inflation – Kein Geld mehr fürs Haustier?

Marion Luppen
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Von Marion Luppen
| 07.08.2022 15:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Tierarztbesuche können ganz schön ins Geld gehen. Foto: Kaiser/dpa
Tierarztbesuche können ganz schön ins Geld gehen. Foto: Kaiser/dpa
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Futter und Tierarztbesuche können ganz schön ins Geld gehen. Wer ohnehin knapp ist, muss dort womöglich sparen. Tierheime in Ostfriesland machen sich daher auf einiges gefasst.

Aurich/Ostfriesland - Steigende Preise für Energie und Lebensmittel überfordern manche Tierhalter finanziell. Wer ohnehin knapsen muss, kann sich womöglich Futter und Tierarztbesuche für Hund und Katze bald nicht mehr leisten. Also ab ins Tierheim? Tierschutzvereine warnen vor einer regelrechten Welle von Tierabgaben. „Spätestens wenn sich die Erhöhung der Energiekosten auch im Geldbeutel der Menschen widerspiegelt, werden die Tierheime sehr darunter leiden“, sagte beispielsweise Stefan Hitzler, Vorsitzender des Landestierschutzverbandes Baden-Württemberg, kürzlich dem Magazin „National Geographic“.

Wir haben im Auricher Tierheim nachgefragt, ob es diese Sorge teilt. „Das fürchte ich ganz bestimmt“, sagt Tierheimleiterin Andrea Kerzel. Sie warnt Tierhalter davor, aus Kostengründen auf notwendige Impfungen für die Haustiere zu verzichten. Auch das Tierheim selbst werde trotz eigener Photovoltaikanlage auf dem Dach mit den steigenden Energiepreisen zu kämpfen haben, sagt Kerzel, zudem mit steigenden Futter- und Tierarztkosten. „Da haben wir im Moment noch keinen Plan B.“ Aurich werde sich mit den anderen Tierheimen beraten.

Tiere ukrainischer Flüchtlinge

Sorge bereiteten dem Auricher Tierheim im Moment zudem vermehrt Hundehalter, die mit ihren Tieren überfordert seien und sie abgeben wollten, so Kerzel. Da sei zum Beispiel der Staffordshire-Terrier, „der mit Kindern nicht kann, der Frauen nicht mag und der auch schon den Nachbarn gebissen hat. Da sage ich nicht: Juhu, den nehm ich. Den kriegen auch wir nicht durch den Wesenstest.“

Andrea Kerzel leitet das Tierheim Aurich. Sie sorgt sich wegen steigender Energiekosten. Foto: Archiv/Ortgies
Andrea Kerzel leitet das Tierheim Aurich. Sie sorgt sich wegen steigender Energiekosten. Foto: Archiv/Ortgies

Was hingegen laut Kerzel momentan gut funktioniert, ist die Unterbringung von Tieren ukrainischer Flüchtlinge, auch in Zusammenarbeit mit anderen Tierheimen. Doch die Aufnahmekapazität sei begrenzt, warnt sie. „Wer weiß, was noch kommt?“

„Ihren Tieren zuliebe stecken sie selbst zurück“

Auch Yvonne Meyer, stellvertretende Leiterin des Tierheims Emden, fürchtet, dass Hunde und Katzen unter der jetzigen Krise leiden müssen: „Das Leben wird teurer. Da sind die Ersten, die gehen müssen, die Tiere. Im Moment merken wir davon noch nichts, aber wir sind schon in Habachtstellung.“ Lea Schmitz vom Deutschen Tierschutzbund hingegen glaubt nicht, dass die Leute ihr Tier so schnell aus Kostengründen abgeben. „Menschen, die ihre Tiere wirklich lieben, tun meist alles dafür, um diese bei sich behalten zu können“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. „Ihren Tieren zuliebe stecken sie selbst zurück.“

Doch manchmal geht es einfach nicht mehr. Yvonne Meyer hat schon traurige Geschichten erlebt. Zum Beispiel, dass Menschen obdachlos wurden und ihre Katze abgeben mussten. „Da sind wir dann auch gerne bereit, die Tiere aufzunehmen, wenn Platz ist“, sagt die Tierpflegerin. Das sei zwar nicht immer einfach, aber im Zweifel wolle man ja verhindern, dass Tiere ausgesetzt werden. Es gebe zudem die Möglichkeit der privaten Vermittlung über die Homepage des Tierheims.

„Wir können nicht überall helfen“

Nicole Hermann leitet das Tierheim Jübberde (Landkreis Leer). Sie berichtet von Tierhaltern, die sich Operationen ihrer Tiere nicht leisten können und sich hilfesuchend ans Tierheim wenden. Das sieht allerdings kaum Möglichkeiten zu helfen. „Der Verein finanziert sich durch Spenden“, sagt Hermann. Von dem Geld müsse unter anderem die Kastration von Streunerkatzen bezahlt werden. Zudem bekomme jeder, der eine junge Katze aus dem Tierheim nehme, einen Kastrationsgutschein. „Wir können nicht überall helfen.“

Der Tierarzt Malte Kruse (Großefehn) vertritt die Kreisstelle Aurich der Tierärztekammer Niedersachsen. Er glaubt nicht, dass Futterkosten Tierhalter in die Knie zwingen. „Vielleicht bei großen Hunden, die viel fressen.“ Er wundere sich aber manchmal im Supermarkt, wie viel Geld Menschen für eine kleine Schale Futter ausgeben. „Manche geben mehr für die Katze aus als für sich selbst.“

Tierärzte seien durchaus kooperativ, wenn sich jemand eine Operation für den Vierbeiner nicht leisten könne, sagt Kruse. „Da bieten wir auch Ratenzahlung an.“ Generell müsse jedoch jeder an die Folgekosten denken, wenn er sich ein Haustier zulegt. „Wenn ich kein Geld habe, kann ich mir ja auch kein Auto anschaffen, das viel Sprit schluckt.“

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