Bayreuth Bayreuther Festspiele: Warum der neue „Ring“ so wütend macht
Das Publikum tobt nach dem Ende der „Götterdämmerung“ im Bayreuther Festspielhaus: Der „Ring des Nibelungen“ von Valentin Schwarz ist krachend durchgefallen.
Jetzt ist Valentin Schwarz auch noch Zielscheibe der Cancel Culture geworden. „Absetzen“-Schreie mischen sich unter die lauten Buhs, die das Bayreuther Festspielhaus erfüllen, als der Regisseur des „Ring des Nibelungen“ mit seinem Team vor den Vorhang tritt. Nur eine handverlesene Schar klatscht demonstrativ Beifall fürs Regieteam, während die Masse ihren Unmut kundtut. Leider zurecht. Dieser „Ring“ ist schlecht. Sehr schlecht.
Schwarz hat getan, was ein Regisseur tun muss: Er hat Wagners 15-Stunden-Opus hinterfragt, und er hat versucht, die Figuren zu hinterfragen. Dabei hat er sich allerdings heillos im Gewirr seiner Umwege verrannt. So ist ein neues Stück entstanden, das manchmal vage mit Wagners „Ring“ zusammenhängt. Aber wie in „Rheingold“, „Walküre“ und „Siegfried“ ist seine „Götterdämmerung“ so, als würde zum „Star Trek“-Film die „Star Wars“-Tonspur laufen. Das macht das Exerzitium im Bayreuther Festspielhaus zu einer harten Übung. Zumal in der „Götterdämmerung“ wo es erst nach zwei Stunden Stillsitzen, Schauen und Zuhören zur großen Pause läutet.
Das Rheingold und demzufolge auch den Titel gebenden Ring hat Schwarz aus der Tetralogie herausoperiert. Sein Alberich – Olafur Sigurdarson als einer der besseren Sängerdarsteller des Abends – hat im „Rheingold“ den Rheintöchtern kein Gold geklaut, sondern ein Kind entführt, ein hyperaktives, einen Systemsprenger. Nach Schwarz‘ Willen haben wir es mit Hagen zu tun: Er ist das Symbol, das Macht versprechen soll, aber jeden das Leben kostet, der sich mit ihm umgibt.
Einen „Ring“ ohne Ring? Schon im „Rheingold“, also am ersten Abend, ahnt man: Das wird nichts. In der „Götterdämmerung“ bestätigen sich die Befürchtungen. Denn Wagner zufolge müsste Hagen als Ring-Symbol bei Brünnhilde bleiben. Hagen schmiedet aber gleichzeitig bei seinen Halbgeschwistern Gunther und Gutrune seine blutige Intrige, um an jenen Ring zu kommen zu dem ihn Schwarz‘ Logik selbst gemacht hat. Also zieht Schwarz einen neuen Balken ein, um sein Gedankengebäude zu stabilisieren: Er schenkt dem Ehepaar Brünnhilde und Siegfried ein blondes Töchterlein, das fortan als Ring-Ersatz herhalten muss.
Das findet in dem Kinderzimmer statt, das in den Teilen vorher Sieglinde und Siegmund bewohnt haben – Schwarz schafft schon Bezüge über die einzelnen Abende hinweg. Trotzdem löst sich die Regie von Wagners Text und seiner Musik. Stimmig wird es, wo Schwarz die Musik bebildert: Wenn Gunther seine Männer für eine Jagdtour versammelt, stehen sie wohlgeordnet auf der dunklen Bühne und tragen Standarden, auf denen ein Wotan-Symbol zu sehen ist, das an den Wotan im ersten Bayreuther „Ring“ 1876 erinnert. Damit verneigt sich Schwarz vor der Geschichte des Werks und seiner Rezeption. Aber ein ästhetischer Bruch ist es schon, wenn die Bühne aussieht, als hätte Wieland Wagner sie in den 1960-er Jahren gestaltet.
Andere Ideen könnten funktionieren. Michael Kupfer-Radecky als Gunter zu sehen und zu hören, macht Spaß, weil er so glaubhaft als neureicher Kokser durch die Szene springt. Grane, Brünnhildes Pferd, wird zum Assistenten und vermutlich Liebhaber mit Anzug und Männerdutt (Igor Schwab) – auch das ist ein vielversprechender Ansatz. Erschreckend hemdsärmelig wird der dritte Akt. In Anlehnung an den Beginn der Tetralogie liegen die Rheintöchter – Lea-ann Dunbar, Stephanie Houtzeel und Katie Stevenson – auf dem Boden eines Schwimmbeckens herum. Siegfried sitzt ebenfalls da: An einem Wasserloch im Schwimmbecken (Bühne: Andrea Cozzi) bringt er seinem Sohn das Angeln bei – der Sohn muss dabei sein, weil Siegfried gerade der Besitzer des Rings ist.
Der Rhein als Rinnsal unterm Boden eines Schwimmbeckens? Seltsam. Ebenso seltsam: Die Rheintöchter suchen einen Siegfried, der längst da ist. Unfreiwillig komisch: Kurz vor Ende rennt Hagen Stufen zum Beckenrand hoch, schreit „Zurück vom Ring!“ und verschwindet wieder – die Szene hat durch die Regie ihren Sinn verloren.
Leider macht an diesem Abend Cornelius Meister am Pult des Festspielorchester auch keine gute Figur. Wenn es im Orchester klappert, die Balance nicht stimmt, der Trauermarsch blechern scheppert, muss man ihm zu Gute halten, dass er eingesprungen ist. Außerdem musste er – Coronamaßnahmen – mit zwei komplett unterschiedlichen Orchestern arbeiten. Das macht die Sache nicht leichter.
Noch kurzfristiger eingesprungen ist Clay Hilley als Siegfried – nachdem Stephen Gould und der vorgesehene Ersatz-Siegfried erkrankt waren, hat Hilley am Tag vor der Vorstellung von seinem Engagement erfahren. Dafür hat er gut in die Inszenierung gefunden, hat sich mit seiner hellen, aber kraftvollen Stimme gut geschlagen. Und Albert Dohmen hat genug Schwärze in der Stimme, um die Brutalität seines Hagen Klang werden zu lassen.
Was aber nahezu allen Sängerinnen und Sängern fehlt, ist die Textverständlichkeit. Elisabeth Teige sticht da positiv heraus; sie dürfte ruhig größere Rollen übernehmen als die der Gutrune. Die Zitrone für den unverständlichsten Gesang muss sich aber Iréne Theorin gefallen lassen: Von ihr ist kein Wort zu verstehen, und ihr von Dauer-Tremolo durchsetzter Sopran ist zumindest höchst gewöhnungsbedürftig.
Das Grundproblem des neuen Bayreuther „Ring“ bleibt aber die Regie vom Team um Valentin Schwarz. Hier könnte nund die „Werkstatt Bayreuth“ zeigen, was sie kann und mit Schwarz den „Ring“ neu konzipieren. Vielleicht muss dann Brünnhilde nicht mehr wie eine verirrte Salome mit dem abgeschlagenen Kopf ihres Grane tanzen, vielleicht rundet sich die Geschichte etwas. Absetzen aber ist keine Option: Mit diesem „Ring“ müssen die Bayreuther Festspiele und das Publikum leben. Auch wenn’s ärgerlich ist. Pointe am Rand: Ausgerechnet dieser „Ring“ wird mitgeschnitten und auf DVD veröffentlicht.