Klischee hält sich hartnäckig Regnet es in Ostfriesland mehr als anderswo?
Friesennerz und Regenschirm: Diese Utensilien gehören unbedingt zu Ostfriesland, so das Klischee. Was ist wirklich dran?
Ostfriesland - In Ostfriesland ist oft Schietwetter, und darum braucht man hier einen Friesennerz. Dieses Klischee wird nicht nur von Außerfriesischen gepflegt. Selbst Einheimische behaupten, dass es in Ostfriesland viel regne. So sagte die aus Leer stammende Autorin und Poetry-Slammerin Sylvie Gühmann kürzlich bei einer Lesung in Leer: „Hamburg ist für mich ein bisschen wie Ostfriesland in Groß. Die Stadt liegt am Wasser, ‚Moin‘ kann man da auch sagen, und das Wetter ist auch immer schlecht.“ Ein neuer Mitarbeiter dieser Zeitung, der aus Rheinland-Pfalz herzog, bekam zum Abschied sieben Regenschirme geschenkt, um für das Land hinterm Deich gerüstet zu sein.
Was ist dran am Klischee? Die Redaktion hat beim Deutschen Wetterdienst (DWD) nachgefragt. DWD-Mitarbeiter Jörg Deuber aus Oldersum, der seit Jahrzehnten das Wetter in Ostfriesland beobachtet, lacht über die Frage. „Ich finde unser Wetter toll“, sagt Deuber. Das Regen-Klischee widerlegt er mit Zahlen: Mit 750 bis 800 Litern Niederschlag pro Quadratmeter und Jahr liege Ostfriesland im Mittelfeld. In den Mittelgebirgen und in den Alpen regne es deutlich mehr, in Richtung Osten weniger.
Der meiste Regen fällt im Juli und August
Nach Angaben des Online-Wetterdienstes wetter.net liegen neun der zehn niederschlagsreichsten Orte Deutschlands in den Alpen, einer im Schwarzwald. Die trockensten Orte befinden sich größtenteils in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Doch woher kommt das Klischee vom Schietwetter in Ostfriesland? „Möglicherweise hängt es damit zusammen, dass man Reisen nach Mallorca verkaufen möchte“, scherzt Deuber. Natürlich sei die Wetterlage an der Nordsee unruhiger als am Mittelmeer.
Wochenlang blauer Himmel und Strandwetter seien in Ostfriesland die Ausnahme. Nördlichere Regionen gerieten häufiger unter den Einfluss von Tiefdruckgebieten. „Insgesamt ist es hier wechselhafter als in Griechenland, Italien oder Spanien.“ Die regenreichsten Monate in Ostfriesland seien der Juli und der August, sagt Deuber. Womöglich bekämen Sommerurlauber somit einen verzerrten Eindruck. Doch im Moment sei es viel zu trocken.
„Nirgendwo ist der Himmel so besonders“
Trotz ihrer Bemerkung bei der Lesung in Leer mag auch Sylvie Gühmann das Wetter in ihrer Heimat. „Nirgendwo ist es schön wie hier, nirgendwo ist der Himmel so besonders“, sagt die 27-Jährige. Auch in ihrem 2019 erschienenen Buch „Fettnäpfchenführer Ostfriesland“ befasst sich Gühmann mit dem Wetter in Ostfriesland: „Denkt man ans Wetter in Ostfriesland, wird den wenigsten warm ums Herz“, schreibt sie. Was das Wetter von anderen Regionen unterscheide, sei vor allem der Wind. „Wer seinen Urlaub wegen schlechten Wetters abblasen möchte, trifft die falsche Entscheidung. (...) Schnell treibt der Wind die Regenwolken davon.“
Doch Klischees sind auch durch Zahlen so schnell nicht auszumerzen. Oder hätten Sie gedacht, dass es in München mehr regnet als in Hamburg und in Rom mehr als in London? DWD-Mitarbeiter Jörg Deuber jedenfalls meint: Der Kollege aus Rheinland-Pfalz könne sechs der sieben Regenschirme, die er mit nach Ostfriesland genommen hat, weglassen.