Ostfriesischer Schilderwald Warum nicht überall plattdeutsche Ortstafeln stehen
Seit 18 Jahren dürften Gemeinden in Ostfriesland zweisprachige Ortstafeln aufstellen. Doch längst nicht alle tun das. Manchmal sind es kuriose Gründe, die gegen plattdeutsche Schilder sprechen.
Ostfriesland - In Aurich stehen sie schon lange, in Rhauderfehn gibt es sie nicht für alle Ortsteile und in Leer findet man sie nur, wenn Unbekannte nachhelfen: zweisprachige Ortsstafeln. Seit 2004 gibt es für ostfriesische Kommunen die Möglichkeit, solche gelben Schilder an ihren Straßen aufzustellen. Unter dem hochdeutschen Namen der Gemeinde oder Stadt steht dann noch eine plattdeutsche Bezeichnung. Doch längst nicht alle Kommunen machen davon Gebrauch.
Was und warum
Darum geht es: Nicht alle Gemeinden in Ostfriesland wollen plattdeutsche Ortstafeln haben.
Vor allem interessant für: Platt-Sprecherinnen und Plattsprecher
Deshalb berichten wir: Der Autor fragte sich bei einer Fahrt durch Rhauderfehn, warum manche Ortsteile plattdeutsche Schilder haben, andere aber nicht. Den Autor erreichen Sie unter: t.ruemmele@zgo.de
Das hatte Unbekannte zuletzt mehrfach dazu bewogen, nachzuhelfen: Auf Ortstafeln von Flachsmeer, Ortsteil von Westoverledingen, prangte kürzlich der Schriftzug „Flasmēr“. Abgesprochen war das nicht, erlaubt auch nicht, wie die Polizei bereits Anfang Juli mitteilte. Damals waren ähnliche Aufkleber mit der Bezeichnung „Læær“ auch an Ortstafeln in Leer aufgetaucht. Inzwischen sind die Sticker entfernt worden.
In Rhauderfehn tanzen zwei Dörfer aus der Reihe
Die Ortstafeln mit den plattdeutschen Namen haben viele Freunde in der Region. Einer von ihnen ist Hans Freese, Vorsitzender des Vereins Oostfreeske Taal, der sich für die Pflege des Niederdeutschen in Ostfriesland stark macht. „Die Schilder sind eine gute Gelegenheit, Plattdeutsch sichtbar zu machen“, sagt er. Dass sie in immer mehr Gemeinden zu finden seien, zeige auch die gestiegene Anerkennung der Zweisprachigkeit. „Als unser Verein anfing, war es ganz schwer mit solchen Themen Gehör zu finden“, sagt Freese. Dabei hätten die Schilder eine positive Wirkung auf Gäste aus anderen Regionen. „In Bayern finden es die Touristen auch charmant, wenn die Einheimischen ihren Dialekt pflegen“, so Freese. Die Ostfriesen müssten sich mit ihrer Sprache nicht verstecken.
Geert Müller (parteilos), Bürgermeister von Rhauderfehn, ist nicht dafür bekannt, seine Plattdeutsch-Fähigkeiten zu verstecken. Kein Wunder, dass in seiner Gemeinde bereits 2018 fast alle Ortsteile mit zweisprachigen Schildern bestückt wurden. Es gibt allerdings zwei kuriose Ausnahmen: In Backemoor und Langholt fehlt die plattdeutsche Bezeichnung bis heute.
Schreibweise der Landschaft nicht überall beliebt
In Langholt hat das praktische Gründe. „Der Landkreis hat uns angehalten, in Langholt keine plattdeutsche Namen anzubringen“, erklärt Müller. Der Grund liegt in der Teilung des Dorfes. Ein Teil gehört zu Rhauderfehn, der andere zur Gemeinde Ostrhauderfehn. Bei zweisprachigen Tafeln fällt der Name der Gemeinde aus Platzgründen weg. Damit Ortsfremde stets wissen, in welchem Teil des geteilten Langholts sie sich gerade befinden, muss das Dorf auf plattdeutsche Schilder verzichten.
In Backemoor war es dagegen der Unmut der Einheimischen, der die Tafeln verhinderte. „Wir sind daran gehalten, uns an die Schreibweise der Ostfriesischen Landschaft zu halten“, erklärt Müller. Doch die Backemoorer konnten sich mit dem Vorschlag „Bockmoor“ überhaupt nicht anfreunden. Stattdessen sollte „Bobmoer“ auf den Schildern stehen. Das Ergebnis: Die Landschaft ließ sich nicht erweichen. In Backemoor blieben die Schilder deshalb hochdeutsch.
Keine Sprache wird so gesprochen, wie sie geschrieben wird
Hans Freese hat Verständnis für Menschen, die sich in der Schreibweise der Landschaft nicht wiederfinden. Trotzdem wirbt er für sie. „Die Landschaft hat ein Monopol auf die Schreibweise entwickelt“, sagt er. „Unser Verein unterstützt sie, um es einfach und einheitlich zu halten.“ Schließlich werde keine Sprache auf der Welt genauso geschrieben, wie sie gesprochen wird. „Und es wird ja auch keiner gezwungen, den Dorfnamen genau so auszusprechen, wie er auf dem Schild steht“, betont Freese.
Bei anderen Orten Ostfrieslands sind es dagegen finanzielle Gründe, die die Gemeinden an der Anschaffung plattdeutscher Ortstafeln hindert. 350 Euro kostet ein neues Exemplar. In den für Ostfriesland typischen großen Flächengemeinden mit vielen einzelnen Ortsteilen läppert sich das das schnell.
In der Gemeinde Westoverledingen machte 2018 der Ortsrat Ihrhove den Vorschlag, Ortsschilder mit plattdeutschen Namen aufzustellen. Die Idee kam zunächst gut an. Auch Bürgermeister Theo Douwes (parteilos) zeigte sich damals offen für den Vorschlag. „Da eine Änderung in einer einzelnen Ortschaft nicht zulässig gewesen wäre, prüfte die Verwaltung daraufhin die Kosten einer Änderung aller Ortsschilder“, erklärt Gemeindesprecherin Kirsten Beening. „Diese hätten sich auf rund 19.000 Euro belaufen.“ Zudem wäre wie auch in Langholt der Gemeindename von den Ortstafeln verschwunden. Deshalb habe sich die Politik schließlich gegen den Austausch der Schilder entschieden, so Beening.