Flensburg  Wie die queere Szene selbst für Intoleranz sorgt

Simone Schnase
|
Von Simone Schnase
| 04.08.2022 10:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die queere Szene demonstriert regelmäßig für mehr Toleranz und Sichtbarkeit. Foto: Imago Images/Martin Müller
Die queere Szene demonstriert regelmäßig für mehr Toleranz und Sichtbarkeit. Foto: Imago Images/Martin Müller
Artikel teilen:

Veranstaltungen wie die Pride Week in Hamburg oder der Christopher Street Day in Berlin und Köln wollen ein Zeichen für Toleranz und Gleichberechtigung setzen. Doch die Szene selbst war in Sachen Toleranz schon einmal weiter.

Am Anfang stand das Wort „gay“: Das aus dem Englischen übernommene Wort, das ursprünglich so etwas wie „fröhlich, vergnügt“ bedeutet, setzte sich vor allem in der Schwulenbewegung, die sich 1969 rund um die Auseinandersetzungen zwischen Homo- und Transsexuellen und der Polizei an der Christopher Street in New York formierte, als Ersatz für das eher klinische Wort „homosexuell“ durch. In Verbindung gebracht wurde es seither vorwiegend mit Schwulen, gemeint waren oftmals aber auch Lesben.

Vielleicht würde dieses Wort heute schlicht für alle Menschen stehen, deren sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität vom Durchschnitt der breiten Masse abweicht. Aber mit der Etablierung der Begriffe „schwul“ und „lesbisch“ in den 1980er Jahren wurde bereits der Grundstein für das Gegenteil gelegt – und heute trägt das, was damals „gay“ hieß, die Bezeichnung LGBT.

Oder auch LGBTQ, denn schließlich gibt es neben lesbischen (L), schwulen (G), bisexuellen (B), und transsexuellen (T) Menschen ja auch noch jene, die sich weder als Mann noch als Frau identifizieren (Q für queer). Weil es aber darüber hinaus noch weitere Menschen gibt, nämlich jene, die sich keiner der genannten Gruppen zugehörig, aber dennoch anders fühlen als der heterosexuelle Durchschnittsmensch, wurde für sie noch ein „+“ drangehängt.

Und weil sich intersexuelle und asexuelle Menschen offenbar nicht oder zu wenig mitgemeint fühlten, entstand der Begriff LGBTQIA+.

Dass aus einem schmissigen Begriff eine zungenbrecherische Abkürzung wurde, ist zwar nur das kleinere Problem, aber es ist eines. Denn Toleranz und Akzeptanz in der Gesellschaft setzen immer auch voraus, dass die Gesellschaft die Möglichkeit bekommt, sich anzunähern, das „Andere“ kennenzulernen und auf diese Weise festzustellen, dass es ganz schön viele „andere“ Menschen gibt, von denen in keiner Weise irgendeine Gefahr ausgeht. Denn als Gefahr wird ja meist das Unbekannte empfunden.

Ein so sperriger Begriff wie LQBTQIA+ verhindert aber ein Kennenlernen und Miteinander, weil er sehr viele Menschen abschreckt und überfordert.

Das größere Problem ist jedoch ein anderes. Denn die Benennung jeder einzelnen Ausformung des Anders-Seins führt zu einer Zersplitterung und verhindert das doch eigentlich bitter notwendige vereinte Auftreten gegen Diskriminierungen.

Nicht nur die Bezeichnung der Szene, auch die Regenbogenflagge hat sich über die Jahre verändert:

Schlimmer noch: Es führt dazu, dass man sich sogar gegenseitig bekämpft. So gibt es Lesben, vor allem solche mit feministischem Hintergrund, die Transmänner kritisieren. Denn in ihren Augen haben sich vormals vermeintlich lesbische Frauen durch ihre Geschlechtsumwandlung in die verhasste, weil privilegierte Kategorie „heterosexueller Mann“ begeben.

Das muss man sich mal vorstellen: Da leiden Frauen oder, richtiger, als Frauen geborene Menschen teilweise Jahrzehnte ihres Lebens darunter, im falschen Körper zu stecken. Weil sie Frauen lieben, haben sie bereits ein Coming-Out hinter sich und überdies die Diskriminierungen erfahren, denen Homosexuelle ja leider bis heute ausgesetzt sind.

Eine Transition, also eine Geschlechtsumwandlung, bedeutet, all das und noch mehr erneut durchzumachen: wieder ein Coming-Out, wieder Diskriminierungserfahrungen – begleitet von einem langen psychisch und physisch harten Weg, um endlich im richtigen Körper anzukommen. Als wäre all das nicht genug, schlägt diesen Menschen nun auch noch Ablehnung aus der vermeintlich eigenen Community entgegen.

Das ist nur eine der bitteren Ausformungen einer Entwicklung, die man beileibe nicht nur in der queeren Szene finden kann. So gibt es eine wachsende Bewegung von Feministinnen, die Frauen nicht als Frauen akzeptieren, wenn diese einst das biologische Geschlecht eines Mannes trugen.

Der gleichen Bewegung nahe stehen jene Antirassisten, die weißen Menschen „kulturelle Aneignung“ vorwerfen, wenn sie Dreadlocks tragen. Die Begründung: Kein privilegierter Mensch hat das Recht, sich Merkmale nicht privilegierter Menschen anzueignen. Was einst als Zeichen von Solidarität galt, wird heute als Aneignung gebrandmarkt.

Und es geht noch bizarrer, denn diese noch recht junge antirassistische und queerfeministische Bewegung, die der linken Identitätspolitik zugeordnet wird, wirft umgekehrt – diese Erfahrung hat unter anderem der ehemalige hessische Grünen-Politiker Daniel Mack am eigenen Leibe gemacht – Menschen vor, „sich wie Weiße“ zu verhalten. Damit werden Deutsche mit dunklerer Hautfarbe für das kritisiert, was man sich doch eigentlich wünscht: Dass sie sich eben nicht als „anders“ empfinden.

Im Namen der linken Identitätspolitik sollen die Bedürfnisse jener Menschen in den Vordergrund gestellt werden, die von Diskriminierung betroffen sind. Diese im Grunde gute Idee hat sich immer mehr zu einer Karikatur ihrer selbst entwickelt – allerdings zu einer, die nicht lustig ist. Denn sie spaltet, statt zu einen.

Man kann nur hoffen, dass dieser Trend vorbeigeht, bevor er unumkehrbaren Schaden anrichtet und sich alle, egal ob weiß oder schwarz oder gay oder trans wieder besinnen auf die wichtigste Tugend im Kampf gegen Diskriminierung, nämlich: Solidarität.

Ähnliche Artikel